Voraussichtlich bis November läuft ein Prozess gegen eine mutmaßliche chilenische Diebesbande Foto: dpa

Warum begehen Männer aus dem 12 000 Kilometer entfernten Chile eine Serie von Einbruchs- und Diebstahlsdelikten im Raum Stuttgart? Eine Frage, die bei einem Prozess gegen eine mutmaßliche Bande im Stuttgarter Landgericht womöglich auch nicht beantwortet werden wird. Die Beschuldigten sind nicht gerade redselig.

Stuttgart - Als Ende letzten Jahres die Handschellen klickten, war er als berufs- und mittelloser 17-Jähriger aus Chile ganz schön weit herumgekommen. 11 000 Kilometer nach Madrid, dann Paris, Hamburg, München, Stuttgart. Die Reise endete in einer Wohnung in Weilimdorf – mit neun weiteren Landsleuten im Alter von 24 bis 38 Jahren. Am Donnerstag fanden sich alle im Stuttgarter Landgericht wieder. Die südamerikanische Gruppe soll bandenmäßig Einbrüche und Diebstähle begangen haben.

Doch warum aus Chile nach Stuttgart? Eine Frage, die der Prozess vor der 4. Jugendstrafkammer wohl kaum wird beantworten können. Dazu geben der 18-Jährige und die anderen Angeklagten zunächst dürftige bis keine oder widersprüchliche Antworten. Doch offenbar gibt es ein Netzwerk, mit dem es vor allem die Hamburger Polizei mit ihren Einbruchsspezialisten der Soko Castle zu tun bekommt. Unterschlupf gibt’s auf den Sofas von chilenischen Landsleuten – und von dort geht es auf Tour.

Von Weilimdorf aus auf Tour

Im November 2015, so die Anklage, kamen die Täter bei einer deutsch-chilenischen Familie in Weilimdorf unter. Und plötzlich ging es rundherum los mit diversen Beutezügen. Die Staatsanwaltschaft listet eine Vielzahl von Taten in der insgesamt 34 Vorwürfe umfassenden Anklageschrift auf.

Da sind Einbrüche und Einbruchsversuche in Wohnungen in Botnang, Vaihingen, Bad Cannstatt und Stuttgart-Süd, in Gerlingen im Kreis Ludwigsburg. Da gibt es ein Autohaus in Weinstadt (Rems-Murr-Kreis), aus dem ein Tresor erbeutet wird. Der Stahlschrank wird in einem nicht zugelassenen Jeep-Gebrauchtwagen abtransportiert und in einem Wald zwischen Bergheim und Botnang versteckt. Tage später müssen die Beteiligten feststellen, dass keine riesigen Tageseinnahmen drin sind, sondern „nur“ vier Tabletcomputer, 200 Euro Bargeld und verschiedene Geschäftsunterlagen.

Auch Juwelier und Passanten als Opfer

Offenbar gibt es in der Weilimdorf-Gruppierung eine große Bandbreite der Diebstahlsdelikte. Ein 36-Jähriger mit chilenischem und argentinischem Pass soll einen Juwelier in der Eberhardstraße in der Stuttgarter Innenstadt ins Visier genommen haben. Mit Ablenkungsmanövern erbeutet er eine Uhr für mehr als 6000 Euro.

Ein 34-Jähriger wiederum soll sich als Taschendieb betätigt haben – bis er in einem Lokal am Schlossgarten in der Innenstadt von einer 73-Jährigen dingfest gemacht wird, der er kurz zuvor die Handtasche gestohlen hat. Er landet in Haft – einen Tag, bevor seine Mitbewohner in Weilimdorf auffliegen. Die hatten zuvor einer Autovermietung am Stuttgarter Flughafen einen Citroën gestohlen und für ihre Beutezüge eingesetzt. Am 25. November griff die Stuttgarter Polizei, von Hamburger Ermittlern auf die reisenden Täter aufmerksam gemacht, zu.

77 Zeugen bis November

Wie kommt es zu der Hamburg-Stuttgart-Verbindung? Auf der Anklagebank sitzen die beiden 33 und 38 Jahre alten Brüder aus der Stuttgarter Familie – laut Anklage waren sie für Orientierungshilfe zuständig. Zufall, dass einer in Hamburg geboren wurde?

Die Vorsitzende Richterin Cornelie Eßlinger-Graf sieht einem aufwendigen Prozess mit 77 Zeugen bis November entgegen. Sie appellierte an die wenig redseligen Angeklagten, Geständnisse abzulegen – „je früher, desto wertvoller“. Jedenfalls ehe die Ermittler als Zeugen die Beweislage darlegen. „Dann kämen Sie Ihrem Wunsch, nach Chile zurückzukehren, ein ganzes Stück näher.“ Es drohen mehrjährige Haftstrafen.

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