Familien mit Kindern, Sehbehinderte und Rollstuhlfahrer konnten beim Fußverkehrs-Check ihre Erfahrungen vortragen. Foto:  

Das Projekt Fußverkehrscheck ist nun beendet. In der Abschlussdiskussion wurden die dringlichsten Probleme im Straßenverkehr gesammelt. Für die Innenstadt soll es bald schon ein neues Fußgängerkonzept geben. Dies ist bereits ausgeschrieben.

S-Süd - Zu schmale Gehwege, fehlende Wegweiser, Konflikte mit dem Radverkehr, keine konsequente Barrierefreiheit in Form von abgesenkten Bordsteinen oder lange Wartezeiten an Überwegen – die Liste der Kritikpunkte ist lang. Vertreter aus Bürgerschaft, Politik und Verwaltung haben in den vergangenen Wochen zu Fuß die Stadtbezirke erkundet und sich unter der Leitung der beauftragten Planersocietät Dortmund prekäre Ecken für Fußgänger angeschaut. Diese wurden bei einer gemeinsamen Abschlussveranstaltung für Süd und West im Alten Feuerwehrhaus diskutiert. Die sogenannten Fußverkehrs-Checks sind Teil eines Landesprojektes, an dem Stuttgart mit diesen beiden Innenstadtbezirken teilnahm.

Bürger bringen sich mit ein

Vor allem die Bürger haben viele Vorschläge und Anregungen eingebracht. „Bürger sind eben die besten Experten“, sagt Wolfgang Forderer, Leiter der Abteilung Mobilität im Büro des Oberbürgermeisters. Um zum Beispiel auch die Barrierefreiheit zu verbessern, haben an dem Rundgang, der im Süden am Erwin-Schoettle-Platz startete und von dort über die Böheimstraße und den Marienplatz bis ins Lehenviertel führte, auch Rollstuhlfahrer und Sehbehindert teilgenommen. So klagte eine blinde Teilnehmerin besonders über die Kreuzung an der Böblinger Straße/Marienplatz. Die Autos kämen dort unter Umständen aus drei Richtungen, es gebe keine Ampel und keinen Fußgängerüberweg. Sie müsse daher immer einen Umweg nehmen.

Inzwischen hat die Stadtverwaltung eine Liste mit den dringlichsten Problemen erstellt. Die sollen nun in den beiden Bezirksbeiräten diskutiert werden. Was letztlich umgesetzt werden kann, hängt natürlich von den finanziellen Mitteln ab. Die Grünen haben bereits einen Antrag für den Doppelhaushalt gestellt. „Bisher ist der nicht gestrichen“, sagt Forderer. Die Mittel sollen vor allem für kleinere Projekte sein. Forderer hat zudem mit dem Tiefbauamt gesprochen, ob die eine oder andere Maßnahme vielleicht im Zuge ohnehin anstehender Bauarbeiten erledigt werden kann, so zum Beispiel an der Schwabstraße oder am Bismarckplatz.

Projekt soll nicht einfach von der Bildfläche verschwinden

In einem ist sich Forderer sicher: Das ganze Projekt soll nun nicht in der Versenkung verschwinden. Damit es für die Bürger glaubwürdig sei, müsste es in naher Zukunft spürbare Verbesserungen geben.

Die Stadtverwaltung hat laut Forderer bereits für die Innenstadt ein neues Konzept für den Fußgängerverkehr ausgeschrieben. Einige Angebote seien bereits eingegangen. „Da sind wir schon einen großen Schritt weiter“, so der Verkehrsexperte. Sein persönliches Ziel ist es, die Fußgänger in der Innenstadt stärker in den Fokus zu rücken, sie zu gleichwertigen Verkehrsteilnehmern zu machen. „Das Konzept aus dem Fußverkehrs-Check ist eine Grundlage für zukünftige Investitionen.“

Insgeheim hat Forderer aber auch größere Träume. So schlug Merja Spott von der Planersocietät in der Abschlusspräsentation vor, doch auch einfach mal eine Straße für einen Tag komplett zu sperren, damit dort Kinder spielen können. In Frankfurt am Main gebe es dies bereits. „Das finde ich spannend“, sagt er. Klar ist ihm natürlich, dass dies in der Autostadt Stuttgart schwierig wird. „Da muss man dicke Bretter bohren“, weiß Forderer. Aber gerade vor dem Hintergrund der Feinstaub-Debatte sei zu Fuß gehen ideal. „Das muss mehr ins Bewusstsein“, betont er. Stuttgart sei dafür ideal. Die Wege in der Stadt seien kurz. Man komme überall schnell hin.

Vor Ort im Süden will sich auch Raiko Grieb mehr für die Fußgänger als schwächste Verkehrsteilnehmer einsetzen. Durch das Projekt habe er viele Anregungen und Hinweise von den Bürgern erhalten, wo es hakt, sagt der Bezirksvorsteher. Im Süden stand der Fußverkehrs-Check unter dem Schwerpunkt „Fußwege für Familien und Schulkinder“. „Kinder sind kleiner und nehmen die Verkehrslage deshalb ganz anders wahr als Erwachsene“, begründet Grieb die inhaltliche Fokussierung.

Besser zu Fuß unterwegs

Fußverkehr
Über 25 Prozent aller täglichen Wege in Stuttgart werden nach Angaben der Stadtverwaltung zu Fuß zurückgelegt. Der Fußverkehr soll deshalb ein wichtiger Bestandteil des städtischen Verkehrsentwicklungskonzepts 2030 und des Aktionsplan des Oberbürgermeister „Nachhaltig mobil in Stuttgart“.

Projekt
In dem Wettbewerb des Ministeriums für Verkehr und Infrastruktur Baden-Württemberg wurde die Landeshauptstadt gemeinsam mit 14 weiteren Kommunen ausgewählt, an dem Fußverkehrs-Check teilzunehmen. Ziel war, dass Bürger – ausgewählt vom Bezirksbeirat – gemeinsam mit Vertretern aus Politik und Verwaltung auf Spaziergängen durch das entsprechende Quartier, gefährliche Stellen für Fußgänger identifizieren.

Teilnehmer
Bei dem Landesprojekt haben insgesamt 15 Kommunen in Baden-Württemberg teilgenommen, in Stuttgart wurde nur der Westen und der Süden untersucht. Landesweit hatten sich 60 Kommunen um eine Teilnahme für das Mobilitätsprojekt beworben. Teilgenommen haben außer Stuttgart unter anderem auch Karlsruhe, Mannheim, Göppingen und Reutlingen. Mit der Umsetzung war die Planersocietät Dortmund beauftragt.

Süden
Während im Stuttgarter Westen der Fokus auf der Schwabstraße lag, liegen die Schwächen im Süden an der Böheimstraße, der Böblinger Straße und rund um den Marienplatz. Im Lehenviertel wurden vor allem nicht abgesenkte Bordsteine beklagt.

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