Der Einstieg in die Bahn ist für Menschen mit Behinderung keine leichte Hürde Foto: Gottfried Stoppel

Für die Interkommunale Gartenschau 2019 ist Barrierefreiheit an den Bahnsteigen wichtig – aber oft nicht gegeben. Gegen fehlende Aufzüge, große Höhenunterschiede und klaffende Spalten am Einstieg begehren Kernen und Weinstadt nun mit Resolutionen auf

Waiblingen - Die Bahn kommt, aber nicht jeder kommt rein. Die mangelnde Barrierefreiheit ist an einigen Bahnsteigen in der Region Stuttgart ein Problem. Immer noch, trotz des im Jahr 2002 erlassenen Behindertengleichstellungsgesetzes, das Menschen mit Handicap Barrierefreiheit zusichert und trotz der unzähligen Appelle von Behindertenverbänden, endlich Umbauten vorzunehmen. Doch im Rems-Murr-Kreis nimmt die Diskussion wegen der Interkommunalen Gartenschau 2019 nun Fahrt auf. Kommunen im Kreis machen Druck.

Nach dem Gemeinderat in Kernen hat das Weinstädter Kommunalparlament eine entsprechende Resolution verabschiedet. Die Kommune fordert, den barrierefreien Zugang zum Bahnsteig der S-Bahnhaltestelle Stetten-Beinstein schnellstmöglich herzustellen und den dortigen Bahnsteig sowie jenen an der Haltestelle Beutelsbach so umzubauen, dass ein barrierefreier Ein- und Ausstieg für alle Fahrgäste gewährleistet ist.

Situation in Rommelshausen besonders prekär

In den beiden Kommunen liegen mit Kernen-Rommelshausen und Stetten-Beinstein auch die schlimmsten S-Bahn-Haltestellen im Kreis, erklärt Hermann Kolbe vom Initiativkreis barrierefreier ÖPNV. Durch Höhenunterschiede von mehr als 30 Zentimetern zwischen Bahnsteigen und Einstiegen sei es unmöglich mit Rollatoren, Rollstühlen oder Kinderwagen ohne Hilfe einzusteigen oder aus den S-Bahnen herauszukommen. Dies sei zwar auch an Haltestellen in anderen Remstal-Kommunen der Fall, etwa in Winterbach und Schorndorf-Weiler. Aber bei Stetten-Beinstein und Rommelshausen sei die Situation besonders prekär, weil die Haltepunkte in Kurven lägen und deshalb zusätzlich zum Höhenunterschied noch 20 bis 25 Zentimeter breite Spalten überwunden werden müssten.

„Es hat schon mehrfach Unfälle gegeben, bei denen ältere Mitbürger in die Spalten gefallen sind und sich verletzten“, sagt Kolbe, der als Psychologe in der Diakonie Stetten arbeitet und daher die Erfahrungen von Behinderten mit den Problembahnsteigen kennt. „Unsere Bewohner meiden sie deswegen und nehmen lieber unsere Busse.“

Schorndorfer OB will Bahnsteige umbauen

Doch diese Möglichkeit haben andere Menschen mit Behinderung nicht. Daher gibt der 2012 gegründete Initiativkreis nicht auf, bereitet derzeit eine Verbandsklage gegen die Deutsche Bahn vor und will sich mit der Interkommunalen Gartenschau Remstal 2019 GmbH kurzschließen, kündigt Kolbe an. „Denn bisher gibt es nicht einmal einen Zeitplan für einen Umbau der Bahnsteige“ – obwohl die Barrierefreiheit mit entscheidend für das Gelingen der Interkommunalen Gartenschau (IKG) 2019 sei. Aus diesem Grund hat sich auch Matthias Klopfer, der Schorndorfer Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende der Gartenschau-Gesellschaft, das Thema auf die Fahnen geschrieben – bisher ohne Erfolg.

Die IKG sei eine Chance, den barrierefreien Ausbau, an dem man schon viele Jahre dran sei, endlich voranzubringen. „Dadurch könnte man zusätzliche Landesmittel dafür bekommen“, sagt Klopfer. Wobei die Probleme aber nicht allein im Rems-Murr-Kreis ­lägen, sondern auch außerhalb. Etwa entlang der Remsbahnlinie nach Essingen, vor allem in Plüderhausen. Zu dem dortigen Mittelbahnsteig gibt es nur eine Treppe als Zugang.

32 Stationen noch nicht ausgebaut

„Das Problem ist erkannt“, teilt ein Bahnsprecher dazu mit. Die Deutsche Bahn erarbeite derzeit gemeinsam mit dem Verband Region Stuttgart eine Konzeption zum Thema Barrierefreiheit der S-Bahn-Stationen. Wann es tatsächliche Verbesserungen an den Bahnsteigen gebe, könne er nicht sagen. „Wir sind ja erst dabei, das zu erarbeiten.“ Zumal das Problem der zu niederen Bahnsteige nicht nur im Remstal bestehe sondern viele Strecken im Land betreffe. Allein im Gebiet des Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart seien 32 Stationen noch nicht entsprechend ausgebaut.

Allerdings bestätigt der Bahnsprecher, dass es Gespräche mit IKG-Verantwortlichen gibt. Es seien auch Vorschläge ausgearbeitet worden. „Die Bahn hat aber bereits 2012 klar gemacht, dass eine Finanzierung ihrerseits im Hinblick auf die Landesgartenschau nicht erfolgen kann.“ Und selbst wenn die Finanzierung gesichert wäre, sei ein Ausbau der Bahnsteige bis 2019 nicht mehr möglich, gibt er jeglichen Hoffnungen darauf einen Dämpfer.

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