Tradition zum Anziehen: Fast 90 Trachtengruppen und Motivwagen waren am Sonntag in Winnenden zu sehen. Foto: Edgar Layher

Eine Stadt in Feierlaune: Winnenden hat am Wochenende offiziell die Heimattage abgeschlossen. Fast 90 Trachtengruppen und die Verleihung der Heimatmedaille bildeten die Höhepunkte des Großevents.

Winnenden - „Gucket ihr euch’s bei dem Weddor net im Fernsäh o?“, rief eine ältere Dame am Sonntag in Winnenden ihren Bekannten zu. Angesichts des teilweise strömenden Regens war ihre Annahme sicher berechtigt, dass einige Besucher den Trachtenumzug der Landesfesttage lieber in der Liveberichterstattung des Südwestrundfunks verfolgten.

Auf die im Vorfeld erwarteten 30 000 Besucher kam das Großereignis jedenfalls nicht. Immerhin hatten die Leute vom Fernsehen vor dem Schwaikheimer Torturm riesige Scheinwerfer aufgebaut und damit zumindest so etwas ähnliches wie Sonnenschein in die Innenstadt gezaubert.

„Wir tragen die Tradition unserer Vorfahren weiter“

Dort reihten sich viele tapfere schirm-und parkabewehrte Besucher aus der Region und darüber hinaus, um einen Blick auf den bunten, lauten Lindwurm zu erhaschen, der sich durch die großräumig abgesperrte Stadt zog. Die Vielfalt der fast 90 Trachtengruppen, Fahnenschwinger und Motivwagen mit mehr als 3000 Teilnehmern war riesig: Die Groupe Folklorique aus der Partnerstadt Albertville zum Beispiel versprühte mit Akkordeonklängen französisches Flair – und die Happy Hoppers, die Tanzgruppe der Sportfreunde Höfen-Baach, jede Menge gute Laune.

Der Veteranenclub aus dem nahen Berglen-Bretzenacker hatte nicht nur diverse Oldtimer, sondern auf einem Anhänger sogar ein funktionsfähiges Backhäusle dabei, aus dem dichter Rauch quoll. Gut, dass direkt dahinter im Tross die Gruppen der Freiwilligen Feuerwehr alles im Blick hatten.

Kurz nach dem Ende des Umzugs hatte sich Nadine Zarbock aus Villingen-Schwenningen vor dem Regen in ein Haltestellenhäuschen geflüchtet. Ihre blau-weiße Tracht kommt aus dem bayrischen Miesbach, an ihrem Mieder baumeln Münzen: „Je mehr Münzen, desto reicher die Frau“, erklärt sie mit einem Lächeln. Die alten Kleidungsstile zu erhalten, finde sie wichtig: „Wir tragen dadurch die Tradition unserer Vorfahren weiter.“ Die elfjährige Maike trug – bis auf die noch fehlenden Münzen – die gleiche Tracht und nickte zustimmend: „Mir machen beim Verein vor allem die Umzüge und Feste Spaß.“

Auch eine Frau aus Winnenden bekommt die Heimatmedaille

Schon zu Beginn des Festwochenendes hatte es Anlass zur Freude gegeben – vor allem bei jenen neun Menschen, die am Freitagabend im Kärcher-Auditorium von der Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) die Heimatmedaille des Landes Baden-Württemberg verliehen bekamen. Die Preisvergabe gehört jedes Jahr zum Programm der Heimattage. Unter den Geehrten ist dieses Jahr auch eine Winnenderin: Anneliese Schauer hat die Medaille gewissermaßen gemeinsam mit ihrem im Frühjahr verstorbenen Ehemann Eberhard Schauer bekommen.

Zusammen hatten die beiden den Schwaikheimer Torturm in Winnenden restauriert und dort ein kleines, aber feines Heimatmuseum eingerichtet. „Ich trage auch ein Stück Heimat um den Hals“, erklärte Schauer stolz: Den Turmorden aus Holz habe ihr ein Zimmermann verliehen, der den Historischen Verein beim Wiederaufbau des Turms unterstützt habe. Während die Schauers mithelfen, dass Wissen um die Heimat nicht verloren geht, bekam Khalil Khalil aus Stuttgart den Orden aus einem anderen Grund verliehen: Der gebürtige Syrer hilft seit mehreren Jahren Neuankömmlingen, in der neuen Heimat Fuß zu fassen. „Wenn jemand aus der Fremde beginnt, Dialekt zu sprechen, vermittelt das ein Gefühl der Zugehörigkeit“, sagte der 30-Jährige.

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