Acht oder neun Jahre Gymnasium? Foto: dpa

„Das Zwangs-G-8 ist auf dem Rückmarsch.“ Mit diesem Satz eröffnete SPD-Fraktionschef Claus Schmie­del eine neue Runde im grün-roten Streit über das neunjährige Gymnasium. Die Regierung will G 9 auf 44 Gymnasien beschränkt wissen. Zu wenig finden Schmiedel und der Landeselternbeirat.

Stuttgart - „Das Zwangs-G-8 ist auf dem Rückmarsch.“ Mit diesem Satz eröffnete SPD-Fraktionschef Claus Schmie­del eine neue Runde im grün-roten Streit über das neunjährige Gymnasium. Die Regierung will G 9 auf 44 Gymnasien beschränkt wissen. Zu wenig finden Schmiedel und der Landeselternbeirat.


Herr Keck, was würden Sie machen, wenn Sie Kultusminister wären – das neunjährige Gymnasium wieder flächendeckend einführen?
Gute Frage . . . um dem Elternwillen gerecht zu werden, würde ich dies grundsätzlich versuchen. Es wäre die einfachste Möglichkeit, den Druck von den Lehrern, Schülern und Eltern zu nehmen. Alle bisherigen Ankündigungen, die Lehrpläne zu entrümplen, haben sich in Wohlgefallen aufgelöst. Damit sage ich nicht, dass G 9 generell besser ist. Ich kenne einige Gymnasien, die sehr kreativ und verantwortungsvoll G 8 umgesetzt haben. Solange wir aber nicht flächendeckend sagen können, dass G 8 funktioniert, besteht Handlungsbedarf.

Was unternehmen Sie als Landeselternbeirat, um dieses ewige Streitthema zu lösen?
Wir machen immer wieder darauf aufmerksam, dass wir mit dem gegenwärtigen Stand der Dinge nicht zufrieden sind. Regelmäßig werden wir von Eltern aufgefordert, uns für die Einrichtung von G-9-Zügen einzusetzen. Tatsächlich ist nicht einzusehen, dass landesweit nur 44 Schulen zum Zug kommen und viele Schüler und Eltern in die Röhre ­gucken.

Wollen denn alle Eltern das neunjährige Gymnasium wieder haben?
Natürlich kann ich nicht für alle Eltern sprechen. Ich weiß, dass es viele Eltern gibt, die an ihrer Schule G 8 mit großen Mühen umgesetzt haben und jetzt keinen Salto rückwärts wollen. Ich habe dafür Verständnis. Andererseits kann ich nicht ignorieren, dass es an einer Vielzahl von Schulen eben nicht rundläuft. Wer sagt, G8 habe sich bewährt, hat von der Realität keine Ahnung.

An wie vielen Gymnasien funktioniert G 8, an wie vielen nicht?
Ich würde sagen: An einem Viertel der Gymnasien funktioniert G 8 zufriedenstellend. An der Hälfte der Schulen funktioniert’s mit Ach und Krach und bei einem Viertel nur mit sehr viel Krachen.

Man könnte auch auf den Gedanken kommen, es gehe SPD-Fraktionschef Schmiedel mit seinem G-9-Vorstoß in erster Linie um Profilierung . . .
Ich möchte den Parteienstreit nicht kommentieren. Ich beschwere mich allerdings schon über den Stil, den Grün-Rot an den Tag legt, etwa wenn der SPD-Fraktionschef Vertreter von Lehrerverbänden als „Heulsusen“ bezeichnet oder Finanzminister Schmid vom „Elterngeschrei“ spricht, weil die Eltern nicht aufhören, sich über die Unterrichtsausfälle zu beklagen. Im Wahlkampf nannte man das noch die berechtigten Anliegen der Eltern. Man kann bei vielen Bildungsthemen verschiedener Ansicht sein, aber diese Art des Umgangs mit Kritik lässt schon sehr zu wünschen übrig.

Sollte G 8/G 9 ein Wahlkampfthema werden, wie Schmiedel andeutet?
Mir wäre am liebsten, dass G 8 bis dahin so gut funktioniert, dass die Eltern keinen Grund zur Klage mehr haben. Ich habe da ­allerdings wenig Hoffnung.

Warum funktioniert G 8 nicht?
Das hat eine lange Vorgeschichte. Die Lehrerschaft wurde durch eine Reihe von Maßnahmen wie die Erhöhung der Deputatsstunden demotiviert. Viele waren nur noch gefrustet über das, was aus dem Kultusministerium kam, und haben gesagt: ohne mich. Die Bildungsplanreform 2004 lief ­deshalb zum Teil ins Leere. Etliche Lehrer verwenden heute noch ihre alten Stoffpläne. Meiner Ansicht nach sind 80 Prozent der Probleme von G 8 auf Motivationsprobleme zurückzuführen.

Kultusminister Andreas Stoch (SPD) argumentiert, es gebe doch bereits G 9 in der Fläche – nämlich in Form von dreijährigen beruflichen Gymnasien in Kombination mit sechsjährigen Realschulen. Reicht das nicht?
Nein, das ist zu kurz gedacht. Wenn er alle Schüler und Eltern, die den Wunsch nach G 9 haben, über die Realschulen und beruflichen Gymnasien zu ihrem Glück bringen will, muss er noch mehr Geld in die Hand nehmen. Denn das erfordert den massiven Ausbau der beruflichen Gymnasien; auch die Realschulen werden über ihre Kapazitäten beansprucht. Diese Lösung ist teurer, als bestehende Gymnasien zumindest teilweise in G-9-Gymnasien umzuwandeln.

Ein anderes Argument: G 9 konkurriert mit dem Konzept der Gemeinschaftsschule. Wie ist dieses Problem zu lösen?
Die Grünen haben große Probleme, sich für G 9 zu erwärmen, weil sie darin eine große Konkurrenz zu ihrem Gemeinschaftsschul-Modell sehen. Tatsächlich sind aber nur wenige Gemeinschaftsschulen so groß, dass sie einen eigenen gymnasialen Zug in der Oberstufe anbieten können. Und viele Eltern müssen noch auf Jahre hinaus warten, dass bei ihnen in zumutbarer Nähe eine Gemeinschaftsschule entsteht.

Der Kultusminister will dem achtjährigen Gymnasium nach eigenen Worten zu mehr Akzeptanz verhelfen. Wie kann das gelingen?
Durch Taten. Es kann doch nicht sein, dass SPD und Grüne in Oppositionszeiten die Mängel bei der Umsetzung von G 8 beklagen, diese Mängel in der Regierung dann aber nicht beheben. Das Problem muss endlich konzeptionell angegangen werden. Es wird nicht einfach sein, die Motivation an den Schulen wieder zu erhöhen. Ein Weg könnte sein, die erfolgreichen G-8-Gymnasien als Vorbilder herauszustellen und von ihnen zu lernen.

Grünen-Fraktionschefin Edith Sitzmann spricht von einer „notwendigen Entschleunigung“ bei G 8 – das hieße weniger Stoff. Ist das im Sinn der Eltern?
Entschleunigung hört sich immer gut an, das ist aber nichts anderes als ein sprachliches Placebo, das die Hoffnung weckt, es werde sich schon zum Besseren ändern. Ich halte davon nicht viel, zumal durch die Kultus­ministerkonferenz die zeitliche Vorgabe ­besteht, dass 265 Jahreswochenstunden bis zum Abitur zu unterrichten sind. Diese Stunden müssen die Schüler in der Schule verbringen – da können Sie nicht viel entschleunigen. Rechnet man den Unterrichtsausfall hinzu, ist man nicht bei G 8, sondern bei G 7,5.

Was halten denn Ihre Kinder von G 8?
Mein ältester Sohn hat sich von Anfang an beklagt, dass er keine Zeit mehr für Freunde oder Sport hat. Ich bin froh, dass wir es an unserer Schule (Eugen-Bolz-Gymnasium Rottenburg, d. Red.) geschafft haben, dass wir vom nächsten Schuljahr an wieder G 9 anbieten können.
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