Zur Sicherung des Wirtschaftsstandorts sollte Baden-Württemberg laut einer LBBW-Studie abseits der Automobilindustrie künftig auch verstärkt auf andere Branchen wie beispielsweise die Pharmaindustrie setzen. Foto: dpa/Arne Dedert

Für die baden-württembergische Wirtschaft ist nach Einschätzung der Landesbank mittelfristig eine neue Wachstumspolitik und ein rascher und konsequenter Strukturwandel erforderlich. Für 2021 wird aber ein Wirtschaftswachstum von sechs Prozent erwartet.

Stuttgart - Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) rechnet nach dem starken Einbruch der Wirtschaft in diesem Jahr für 2021 mit einem fast ebenso starken Aufschwung. „Baden-Württembergs Wirtschaft schrumpft 2020 um sieben Prozent, legt aber 2021 wieder um sechs Prozent zu“, sagte LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert am Donnerstag in Stuttgart. Voraussetzung sei, dass „großflächige regionale Shutdowns“ ausblieben. Grund für die Erholung seien allerdings vor allem Aufholeffekte und die staatlichen Konjunkturprogramme, betonte Burkert zur Präsentation einer LBBW-Studie. Mut machten allerdings auch der Rückgang der Kurzarbeit, die wachsende Zuversicht der Konsumenten und die wirtschaftliche Erholung im wichtigen Exportmarkt China.

 

Mit einem prognostizierten Wachstum von sechs Prozent sei „das Ländle wieder die Wachstumslokomotive unter den Bundesländern“, betonte Burkert. Der Ökonom räumte allerdings ein, dass der Südwesten im Krisenjahr 2020 mit Hessen am schlechtesten abgeschnitten habe. Zur Erholung würden unter anderem die IT-Branche, die Pharmaindustrie, die Bauwirtschaft, aber auch das Handwerk beitragen. Hier gebe es „große Zukunftschancen“, wenn beispielsweise Häuser für eine bessere Energieeffizienz nachgerüstet oder mit dem Internet vernetzt würden, so Burkert. Chancen sehe er auch für den Maschinenbau: Unternehmen müssten für eine nachhaltige, klimafreundliche Produktion auf neue Produktionsstraßen zurückgreifen.

Die Erholung in der Automobilbranche wird laut LBBW noch Jahre dauern

Weniger zuversichtlich ist die LBBW, was die Erholung im Automobilbau angeht. „Mit einer Erholung der Absatzzahlen auf das Niveau von 2019 ist erst in fünf Jahren zu rechnen“, sagte Burkert. China werde die Position als größter Absatzmarkt weiter ausbauen, während der Absatz in Europa und Nordamerika „bestenfalls das Niveau aus 2018“ erreiche. Sorge machen den LBBW-Ökonomen auch die stark steigenden Zahlen von Corona-Fällen in Frankreich, dem nach China wichtigsten Südwest-Handelspartner.

Besorgt zeigen sich die Studienmacher der LBBW auch, was das langfristige Wachstumspotenzial der Südwest-Wirtschaft angeht. Zwar werde das kommende Jahr noch einmal „historische Wachstumsraten“ zeigen – danach rechne man nur noch mit marginalen Zuwächsen. „Deshalb ist eine neue Wachstumspolitik notwendig“, forderte Burkert. Die Aus- und Weiterbildung müsse verbessert und die Digitalisierung in der Verwaltung und der Internetausbau massiv vorangetrieben werden. Vor allem aber müsse die Wirtschaftsförderung von Land und Gemeinden bei der Ansiedlung einen klaren Fokus auf eine diversifizierte Branchenstruktur setzen – und vor allem „erst einmal Platz für den Strukturwandel schaffen“, so Burkert. „Das bedeutet auch die Schaffung von Industrie- und Gewerbegebieten.“

Die Patch Baracks sollten auch zum Gewerbegebiet werden, fordert der Chefökonom

Der LBBW-Chefökonom plädierte dafür, auch Flächen, die durch den angekündigten Abzug von US-Streitkräften aus Stuttgart frei würden, zu verwenden. „Wir sollten die Flächen nicht nur für den Wohnungsbau nutzen, sondern auch für die Industrie. Das werden wir in die Diskussionen zur OB-Wahl in Stuttgart und vor den Landtagswahlen einbringen“, sagte Burkert im Gespräch mit unserer Zeitung. Bei einer möglichen Ansiedlung von Industrie und Gewerbe müsse man die Branchen jenseits von Automobil- und Maschinenbau stärken, um den Strukturwandel voranzutreiben und weniger von einzelnen Branchen abhängig zu sein. Auch könne man bei der Entwicklung die Zusammenarbeit mit der Universität Stuttgart ausbauen.

Damit Baden-Württemberg nicht das Schicksal von Nordrhein-Westfalens erleide, als man anfangs dem Niedergang im Bergbau wenig gegenzusetzen hatte, müsse man den Strukturwandel in Baden-Württemberg schneller vorantreiben, betonte Burkert. Chancen böten unter anderem die IT-Branche, die Pharmaindustrie und die Energiewirtschaft. „Es hilft aber auch, wenn man die Produktion von Konsumgütern erhöht – und auch die regionale Nahrungsmittelversorgung bietet Potenzial“, sagte Uwe Burkert. Er sei zuversichtlich, dass der Strukturwandel im Südwesten gelinge: „Ich bin Optimist, für einen Ökonomen ist das eine seltene Eigenschaft.“

Auch der BW-Bank-Vorstandssprecher Norwin Graf Leutrum zog zur Corona-Krise Bilanz. Die BW-Bank habe seit Ende Februar die Kreditlinien für ihre Kunden in Baden-Württemberg um rund 1,2 Milliarden Euro erhöht und die Fördermittelberatung intensiviert. „Im ersten Halbjahr konnten wir unsere Kunden mit rund 550 beantragten Förderkrediten mit einem Gegenwert von 1,2 Milliarden Euro unterstützen“, so Graf Leutrum.