Andy Warhol, Daimler-Motorkutsche Foto: Daimler-Art Collection

Noch Mythos, schon Marke? Es darf diskutiert werden – und es wird diskutiert werden. Da ist sich Nikolai B. Forstbauer nach dem ersten Rundgang durch die Große Landesausstellung „Die Schwaben – Zwischen Mythos und Marke“ im Alten Schloss in Stuttgart sicher.

Stuttgart - Ein buntes gemischtes Volk ­voller Widersprüche und mit ungemein vielen lokal-regionalen Differenzierungen – Die Schwaben, wie sie von diesem Samstag an das Landesmuseum Württemberg in seiner Großen Landesausstellung „Die Schwaben – Zwischen Mythos und Marke“ vorstellt, haben es in bestem Sinn in sich. Ja, so dicht besetzt das bis zum 23. April 2017 zu erlebende Schwaben-Panorama im Alten Schloss auch ist, man würde sich doch jetzt schon mindestens eine Fortsetzung der ­bereits 2009 initiierten und seit 2013 erarbeiteten Aufführung wünschen.

Die Ausstellung wird zur Aufführung

Aufführung? Tatsächlich hat die durch das Basler Büro arge gillmann schnegg erarbeitete Präsentation viel von einem Bühnenbild mit rasch wechselnden ­Kulissen, in denen mit digitaler Hilfe wiederum immer weitere Schwaben-Linien aufrufbar sind. Rund 300 Objekte verbinden auf 1200 Quadratmetern Ausstellungsfläche Kunstgeschichte und Aspekte der Alltagskultur.

Wer aber sind diese Schwaben denn nun eigentlich? „So etwas wie den ,lupenreinen Schwaben‘ hat es nie gegeben“, summiert Anton Hunger im empfehlenswerten Begleitbuch zur Ausstellung. Denn, so Hunger weiter: „Die Schwaben ­waren immer eine bunte Mischung von in die Region zwischen Oberrhein und Lech, ­Neckar und Bodensee kriegerisch eingefallenen oder eingewanderten Gruppen.“

Schwaben wird Württemberg

Die seit der immer mit individuellen politischen Interessen verbundenen römischen Geschichtsschreibung gerne gezogenen Linien von den Sueben und den Alamannen zu einem verankerten Schwabenvolk jedenfalls sind nicht weniger erfunden als die nach den napoleonischen Kriegen zu Anfang des 19. Jahrhunderts einsetzende Identifikation zwischen den Schwaben als Volk und Württemberg als geografischer Größe.

Umso mehr brauchte es Marken, um den Mythos einer schwäbischen Identität zu begründen. Das Ulmer Münster und die Burg Lichten­stein erhob man zu solchen Marken, um mit der Huldigung vor allem an Friedrich ­Schiller zugleich auch Herkunft und Größe einer vermeintlich schwäbischen Literatur begründen zu können.

Erfindergeist, das macht diese unbedingt zum wiederholten Erleben einladende Schau deutlich, ist keineswegs nur eine ­Frage der richtigen Schrauben- beziehungsweise Motortechnik. Die in der Sehnsucht auf eine verbindende Identität begründete ­Erfindung eines auch geografisch fassbaren Schwaben, das zudem etwa den Zusammenprall der durch Erbteilung geprägten ­evangelischen Regionen und der durch über Jahrzehnte und mitunter gar Jahrhunderte in Familienbesitz geführten großen Gebietseinheiten in katholischen Regionen ver­kraften musste, verlief offenbar nicht ­weniger konsequent als manche epoche­machende technische Neuerung.

Erfinder sind wir alle

Erfinder sind wir alle. Das ist die Kern­botschaft dieser Ausstellung, die sich nicht etwa thesenhaft gibt, sondern den Besucherinnen und Besuchern immer neue Frage­impulse anbietet. Eher grob aber bleibt ­vielleicht auch deshalb die Antwort auf die Frage, welche Kraft bei aller Differenzierung am Werke ist, die seit Jahrhunderten Zuwanderer in relativ kurzer Zeit dazu bringt, selbst Leitlinien des vermeintlich Schwäbischen zu verinnerlichen und auch zu exportieren. Zurückhaltend auch zeigt sich die Schau umgekehrt in der Frage, wie sich über das Bekenntnis zu einem schwäbischen Identität Ausgrenzung begründet.

Die positive Sicht der Dinge ist jedoch sehr wohl berechtigt. Die Staufer begründen ja bereits die Internationalisierung ihrer Herrschaftsgebiete, die Reformation verlangt in ihren Anfängen ein bis heute nachwirkendes Freiheitsbewusstsein, und auch die verherrlichend-verkürzende Wahrnehmung und Vereinnahmung von Friedrich Schiller kommt an dem Bekenntnis zu einer auch kulturellen Modernität nicht vorbei.

Und dann? Geht alles ganz schnell. Schattenhaft fast huschen die Sprünge des 20. Jahrhunderts vorbei – die eigene Intensität der Moderne in den 1920er Jahren ebenso wie der Versuch Hitler-Deutschlands, den schwäbischen „Stamm“ zu einer zentralen Kraft eines neu zu begründenden Bauerntums zu machen. Hier wie auch in der Szenerie der 1950er Jahre und einer nun erneut durch gesellschaftliche Identifikationsmuster begründeten Neubewertung regionaler und damit auch „schwäbischer Wurzeln“ wird denn auch eine Fortsetzung dieser ­Landesausstellung denkbar.

Bis zum 23. April aber kann man nun erst einmal staunen, schwelgen, viel mitmachen und noch mehr erfahren. Dies alles flankiert durch eine Kindermuseums-Schau, die in ihrem Ernst wie in ihrer spielerischen Hinführung auch zu komplexen Fragen zu einer Wegmarke der Vermittlung werden dürfte.

Zeiten und Preise

„Die Schwaben. Zwischen Mythos und Marke“ im Landesmuseum Württemberg im Alten Schloss in Stuttgart ist von diesem Samstag an bis zum 23. April 2017 zu sehen (Di bis So 10 bis 17 Uhr).

Der Eintritt kostet 13 Euro (ermäßigt 10 Euro, Kinder und Jugendliche 6 bis 18 Jahre 3,50 Euro). Das Begleitbuch (Belser Verlag) kostet im Museum 29,80 Euro.

Die Große Landesausstellung im Internet: www.schwaben-stuttgart.de.