Das medizinische Personal braucht Schutzausrüstung – die Beschaffung bleibt ein Problem Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Viele Mitarbeiter aus dem medizinischen Bereich haben sich mit Covid-19 infiziert. Kliniken und Ärzte im Land tun, was sie können, um das Personal zu schützen. Doch Schutzausrüstung zu bekommen, bleibt schwierig – und birgt Gefahren.

Stuttgart - Skepsis zahlt sich manchmal aus. Weil auch im Klinikum Stuttgart in Coronazeiten der Bedarf an Schutzausrüstung in die Höhe geschossen ist, hat sich bei den Beschaffungswegen einiges geändert. Sogenannte FFP2-Masken zum Beispiel werden inzwischen von 16 verschiedenen Anbietern geliefert. Und weil man nie weiß, ob da immer alles Material den Anforderungen entspricht, hat man im größten Krankenhaus des Landes die Qualitätsprüfung verschärft. Und siehe da: Etwa ein Drittel der Masken erreicht den notwendigen Standard nicht. Verwendet worden sei aus den betroffenen Chargen noch nichts. Man habe sie inzwischen mit Mängelberichten an die Lieferanten zurückgeschickt, heißt es im Klinikum.

Die kleine Episode zeigt, wie verrückt der Markt für medizinische Schutzausrüstung in den vergangenen Monaten geworden ist. Zwar berichten alle Akteure, dass die ärgsten Engpässe vorerst behoben sind, doch von Entwarnung ist man weit entfernt. Neue Anbieter sind am Markt, die man nicht kennt und die noch keine Erfahrung haben.

Andere wittern das große Geschäft. „Die Kosten für Schutzausrüstung sind in der Pandemie extrem gestiegen und schwanken täglich“, sagt Jan Steffen Jürgensen, medizinischer Vorstand des Stuttgarter Klinikums. Für die Einkäufer bedeute das Schwerstarbeit mit teils unbekannten Partnern, unseriösen Angeboten und der Notwendigkeit, innerhalb kürzester Zeit Offerten auszuschlagen oder zu fixieren. „Für einen Mund-Nasen-Schutz, sonst ein Cent-Artikel, sind die Preise zwischenzeitlich bis zum 30-fachen gestiegen. Und auch jetzt noch kosten diese Masken mehr als das Zehnfache der Vor-Pandemie-Preise“, weiß Jürgensen. Derzeit habe man genug Material, aber Lieferschwierigkeiten gebe es noch immer. „Wir machen beim Schutz des Personals aber keine Abstriche.“ Bisher haben sich im Klinikum 0,4 Prozent der 7000 Beschäftigten mit Covid-19 angesteckt. Das gilt als äußerst wenig. Seit Anfang Mai gibt es keinen Fall mehr.

2500 medizinische Mitarbeiter haben sich angesteckt

Wie wichtig der Schutz der Mitarbeiter in Krankenhäusern, Arztpraxen oder beim Rettungsdienst ist, wird von allen Akteuren betont. Denn wenn sich dort Personal infiziert, fällt es nicht nur aus, sondern könnte bis dahin auch Kollegen und Patienten anstecken. Offenbar gelingt der Schutz nicht überall. Die Zahlen aus dem Land sind alarmierend. Fast 2500 Mitarbeiter aus dem medizinischen Bereich haben sich bisher angesteckt, das Personal in Pflegeheimen ist darin noch gar nicht enthalten. Der Anteil an allen Erkrankten beträgt damit 7,3 Prozent. Weil aber bei vielen Gemeldeten noch keine Angaben über ihre Tätigkeit vorliegen, könnte er noch deutlich höher liegen.

Kritik üben Mitarbeiter immer wieder an den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts (RKI), nach denen sich die Kliniken und anderen Beteiligten richten. „Sie sind ein Skandal“, klagt etwa eine Ärztin am Stuttgarter Klinikum. Man habe den Schutz des Personals schrittweise abgesenkt. So habe es zum Beispiel vom RKI die Empfehlung gegeben, Masken eine komplette Acht-Stunden-Schicht lang zu tragen. Auch die inzwischen zurückgenommene Empfehlung, gebrauchte Masken bei 70 Grad zu trocknen, lässt so manchen frösteln. Beim Caritasverband etwa weiß man, dass manche Einrichtungen anderer Träger Masken im Backofen aufbereitet hätten – und beklagt „widersprüchliche und täglich wechselnde Angaben“.

Man bereitet sich auf steigende Zahlen vor

Bei der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft sieht man das nicht so negativ. „Die Standards des RKI wurden mit Blick auf die Pandemie und neue wissenschaftliche Studienergebnisse immer wieder aktualisiert und differenziert“, sagt Hauptgeschäftsführer Matthias Einwag. Unzulässig sei seiner Einschätzung nach nichts davon gewesen. Was das Schutzmaterial betrifft, habe sich die Lage etwas entspannt. „Entwarnung kann zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht gegeben werden, da noch unklar ist, wie sich die Infektionszahlen entwickeln werden“, sagt er. Viele Kliniken und Pflegeheime schauen dabei auch mit Sorge auf die anstehende Öffnung für Besucher.

Das Land und die Träger der medizinischen Versorgung bereiten sich jedenfalls auf wieder steigende Coronazahlen vor, so gut es geht. „Wir legen Vorräte für eine mögliche zweite Welle an“, sagt Markus Jox vom Sozialministerium. Derzeit reichten die Bestände vielerorts für sechs bis acht Wochen. Das Land selbst hat in den vergangenen Monaten rund 30 Millionen Artikel besorgt. 90 Prozent davon sind vorwiegend an Stadt- und Landkreise ausgeliefert worden. In der Hoffnung, das Material erfüllt die Vorgaben.

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