Land trauert um Lothar Späth Abschied von einem Vorbild

Von Jan Sellner 

Letzte Ehre in der Stiftskirche für den früheren Ministerpräsidenten Lothar Späth Foto: imago stock&people
Letzte Ehre in der Stiftskirche für den früheren Ministerpräsidenten Lothar Späth Foto: imago stock&people

Ade Lothar Späth. Mit einer würdigen und bewegenden Trauerfeier in der Stuttgarter Stiftskirche hat das Land Abschied von dem am 18. März im Alter von 78 Jahren verstorbenen früheren Ministerpräsidenten genommen.

Stuttgart - Späth lächelt. Das große Schwarz-Weiß-Porträt im Altarraum der Stiftskirche zieht die Blicke auf sich – mehr als die Kränze, Blumengebinde und ausgestellten Orden. Das ist er. Das ist Lothar Späth. So war er. Verschmitzt, menschenfreundlich, neugierig. Späth, wie er leibte und lebte. Der Trauergottesdienst wird ­begleitet von seinem knitzen Lächeln.

Viele ehemalige politische Weggefährten, einstige Mit- und Widerstreiter geben ihm an diesem Mittwochvormittag in die Stuttgarter Stiftskirche die Ehre. Vorneweg der frühere Bundespräsident Roman Herzog, der unter Späth erst Kultus-, dann Innenminister war. Auch ein weiteres früheres Kabinettsmitglied ist da: Erwin Vetter, Baden-Württembergs erster Umweltminister – eine Pioniertat Späths.

Die Prominenzdichte ist hoch. Die Berichterstatter fertigen lange Namenkolonnen an: Wolfgang Schäuble, Erhard Eppler, Bernhard Vogel, Erwin Teufel, Berthold Leibinger, Hans Peter Stihl, Fritz Kuhn . . . wichtige Vertreter der Generation Späth. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow ist ebenfalls angereist – ein Zeichen der Ehrerbietung für Späths Aufbaujahre bei Jenoptik in Jena.

Kretschmann hält die Traueransprache

Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist es vorbehalten, die große Traueransprache zu halten. Er wählt – untypisch für ihn – die höchste Steigerungsform. „Späth verkörpert alles, was man unter schwäbischer Mentalität versteht. Alles, was Baden-Württembergs Erfolg und Ansehen ausmacht.“ Kretschmann hält eine gute, eine emotionale Rede. Er spricht von einem „unfassbaren Verlust“: „Für Baden-Württemberg, dem Lothar Späh von 1978 bis 1991 als Ministerpräsident gedient hat, ist das die Stunde der Trauer und der herzlichen Dankbarkeit.“

Die Worte „Herz“ und „herzlich“ fallen auffallend oft. „Wenn wir uns an Lothar Späth zurückerinnern, wird es uns unwillkürlich warm ums Herz“, sagt Kretschmann vor den 850 Trauergästen. Das klingt aufrichtig, nicht aufgesetzt. Neben Späths Macher-Qualitäten ist es dieser Aspekt, der sich wie ein roter Faden durch den Morgen zieht: Späths Wärme. Die Feier für Späth ist eine Feier der Zuneigung.

Das Cleverle zeichneten Witz und Ironie aus

Kretschmann spricht, als habe er einen Freund verloren – in jedem Fall einen politischen „Lehrmeister“. Als CDU-Ministerpräsident habe er die Grünen ernstgenommen, sie mit Witz und Ironie zugleich aber auch auf den Boden der Tatsachen geholt: „Es ist ein schönes Paradox, dass der realpolitische Kurs der baden-württembergischen Grünen von einem politischen Gegner mitgeprägt wurde“, sagt er vor der Trauergemeinde. Hinter ihm lächelt Späth.

Es bleiben die einzigen parteipolitischen Bezüge. Der Akzent liegt auf Späths Wirken für das Land: „Er bereitete das bescheidene Baden-Württemberg schon in den achtziger Jahren auf das 21. Jahrhundert vor“, sagt Kretschmann. Späth stehe für einen „unglaublichen Modernisierungsschub“. Er habe eine Mentalität des Aufbruchs verbreitet, „die wir bis heute dankbar kultivieren“. ­Dazu kämen seine Weitsichtigkeit und sein Denken in europäischem und im Weltmaßstab. Ein Visionär sei er gewesen. EU-Kommissar Günther Oettinger knüpft daran an: „Späth hat uns vom Nesenbach aus die Welt erklärt“, sagt er über den Vordenker, der sein Vorbild war: „Späth wollte der Zukunft auf die Spur kommen. Er konnte das Gras ­wachsen hören – früher als andere.“

Bischof July zitiert Späths Konfirmationsspruch

Frank Otfried July, Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, kehrt eine wenig bekannte Seite Späths hervor – sein lebenslanges Fragen nach letzten Dingen, die jenseits seiner Gestaltungskraft lagen. July zitiert Späths Konfirmationsspruch von 1951: „Nicht, dass ich schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.“ Da ist es, das für Späth charakteristische Streben – und eine Sehnsucht nach mehr. „Der Pfarrer hat den Spruch bewusst ausgewählt, weil er den jungen Lothar gut kannte“, sagt July.

Die Trauergäste erfahren von Späths kindlicher Begeisterung für biblische Geschichten. „Er überlegte sogar, Missionar zu werden.“ July malt für einen Moment aus, wie ein Missionar Späth die Missionsarbeit umgekrempelt hätte . . . Ein Moment des ­Augenzwinkerns – passend zum lächelnden Porträt.

Es kam bekanntlich anders. Späths Weg führte in die Politik, später in die Wirtschaft. „Ein Erfolgslauf ohnegleichen“, sagt July. Er erwähnt auch die Bruchstellen, Späths Rücktritt als Ministerpräsident 1991, seine Rastlosigkeit und den Preis, den er „für ein Lebens außerhalb normaler Zeitrhythmen gezahlt hat“. Sein Konfirmationsspruch indes war ihm ein lebenslanger Begleiter. „Späth war nicht so naiv zu glauben, das eigene Leben wie ein gelungenes Werkstück vorweisen zu können. Er wusste, dass das Leben ein Geschenk ist“, sagt July.

Dann folgt ein Moment, bei dem man schluckt: „Die letzten Jahre ist Späth in das Land des Vergessens geführt worden, aber nicht in das Land des Vergessenwerdens.“ Eine Anspielung auf die Demenz, an der Späth litt und die ihn zum Pflegefall machte. Seine Familie hatte er an seiner Seite. Auch im Land des Vergessens erinnerte sich Späth offenbar an die Kindheit: „Die geistlichen Lieder aus der Kinderkirche konnte er noch singen“, berichtet July.

Der Späth-Abschied in der Stiftskirche hat viele bewegende Momente – etwa den Moment, als ein enger Freund der Familie und vier von Späths Enkeln nach vorne treten. Die Enkel halten Fürbitten für ihren Opa: „Lieber Gott, pass gut auf ihn auf . . .“ Mit weniger fester Stimme spricht Martin Herrenknecht, Vorstandschef der Herrenknecht AG, wo Späth lange im Aufsichtsrat saß. Er verabschiedet sich von einem „einzigartigen Freund“.

Bewegende Musik

Bewegend ist auch die Musik: die Beiträge der Gächinger Kantorei, des Bach-Collegiums und von Anne-Sophie Mutter. Im Zusammenspiel mit ihren Streichern und dem Stiftskantor Kay Johannsen verleiht die Stargeigerin der Trauerfeier bei aller Schwere Leichtigkeit. Sie steht an diesem Tag stellvertretend für den Kunst- und Kulturförderer Späth. „Niemand hat die kompensatorische Kraft der Kunst in der technischen Zivilisation höher eingeschätzt als Lothar Späth“, sagt Kretschmann. Noch eine Verneigung.

Den letzten Weg geht die Familie alleine. Seine Witwe Ursula, die Kinder Daniela und Peter und die Enkel. Er führt nach Möhringen. Am Mittwochnachmittag wird Späth auf dem dortigen Friedhof im engsten Familienkreis beigesetzt. Ohne Öffentlichkeit.

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