Erzieherinnen sind gefragte Fachkräfte Foto: dpa

Erzieherinnen sind sehr gefragt. Um zusätzliche Fachkräfte zu gewinnen, bietet das Land vom Herbst an eine neue Ausbildungsmöglichkeit an – mit besserer Bezahlung.

Stuttgart - Rund 376 400 Kinder haben im vergangenen Jahr einen Kindergarten in Baden-Württemberg besucht, weitere 16  300 wurden von Tagesmüttern betreut. Kultusstaatssekretärin Marion von Wartenberg (SPD) rechnet damit, dass der Bedarf an Betreuungsplätzen in den nächsten Jahren weiter steigen wird. Zum einen, weil mehr Eltern Familie und Beruf unter einen Hut bringen wollen, zum anderen, weil auch die Zahl der Flüchtlingskinder wächst. In diesem Jahr werden voraussichtlich 13 000 Kinder bis zu sechs Jahren kommen. „Vor allem Eltern von Drei- bis Sechsjährigen sind daran interessiert, ihre Kinder in einen Kindergarten zu schicken, damit sie Deutsch lernen“, sagte von Wartenberg.

In den vergangenen Jahren hat das Land die Kleinkindbetreuung stark ausgebaut, um den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz erfüllen zu können. Von 2010 bis 2015 stieg die Zahl der Stellen für Erzieherinnen um 17 400 auf rund 60 000, die Zahl der Erzieherinnen von fast 55 000 auf 80 000. Dennoch fehlen weiterhin tausende Fachkräfte – nach einer neuen Umfrage der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wären weitere 19 000 Stellen nötig.

Um mehr Auszubildende zu gewinnen, wollen das Kultusministerium und die Bundesagentur für Arbeit in Baden-Württemberg einen neuen Ausbildungsgang für Erzieherinnen anbieten, der wegen seiner besseren Bezahlung für ­Erwachsene attraktiv ist. Die praxisintegrierte Ausbildung (Pia 2) soll Personen ansprechen, die gern mit Kindern arbeiten würden, aber nicht mehr im klassischen Ausbildungsalter sind.

Zielgruppe: Migranten und Alleinerziehende

In der Altersgruppe der über 24-Jähigen gebe es viele so genannte Geringqualifizierte, die keinen formalen Berufsabschluss haben oder nach einer Ausbildung mehr als vier Jahre nicht in ihrem Beruf arbeiteten, sagt Christian Rauch, Chef der Regionaldirektion Baden-Württemberg. Manche von ihnen arbeiteten etwa als Aushilfskräfte in Kindertageseinrichtungen oder Schulen und könnten sich durch Pia 2 weiterqualifizieren. Zur Zielgruppe zählen beispielsweise Migranten und Alleinerziehende. „Wir hören immer wieder von Müttern, die für den Erzieherberuf geeignet wären. Sie können sich aber eine Ausbildung nicht leisten, weil die Vergütung nicht reicht, um die Familie zu ernähren“, sagte von Wartenberg.

Dieses Problem soll der neue Ausbildungsgang lösen. Die Auszubildenden erhalten 1600 Euro monatlich. In den ersten beiden Jahren übernimmt die Bundesagentur für Arbeit 75 Prozent der Kosten, im dritten Jahr zahlt der Träger die Kosten allein. „Das ist ein gutes Angebot für die Einrichtungen“, ist Rauch überzeugt. Vergleichbare Qualifizierungsprojekte gibt es unter anderem in der Altenpflege.

Dass durch die Neueinsteiger die Qualität in den Einrichtungen sinken könnte, sei nicht zu befürchten, sagte von Wartenberg. Wer diese Ausbildung absolvieren wolle, müsse die mittlere Reife und berufliche Erfahrung mitbringen und werde auch auf seine Eignung geprüft, erklärte Rauch. Von Wartenberg sieht in der neuen Ausbildung eine Chance, „kulturelle Brückenbauer“ zu gewinnen. Einwanderinnen könnten aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen Flüchtlingsfamilien besser vermitteln, worauf es ankomme. Sie hofft, dass das Weiterbildungsprojekt im Herbst mit mindestens 30 Personen starten kann.

Mehr Abiturienten und mehr Männer

Ganz neu ist die praxisintegrierte Ausbildung (Pia 1) in Baden-Württemberg nicht. 2012 hat das Kultusministerium dieses Modell eingeführt, um mehr Schulabgänger für den Erzieherberuf zu gewinnen. Anders als bei der Ausbildung an einer Fachschule besuchen die angehenden Erzieher in derPia-Ausbildung nur an drei Tagen pro Woche die Schule. An den anderen zwei Tagen arbeiten sie im Kindergarten mit und werden von ihren Arbeitgebern auch dafür bezahlt. Im ersten Jahr erhalten sie durchschnittlich 825 Euro, im zweiten 836 und im dritten knapp 934 Euro.

Dieses Ausbildungsangebot habe dazu beigetragen, dass sich die Zahl der Ausbildenden deutlich erhöht habe, sagte von Wartenberg. Etwa 60 Prozent der angehenden Erzieher haben Abitur oder Fachhochschulreife, das sind deutlich mehr als an den Fachschulen. Auch der Männeranteil ist höher – an den Fachschulen liegt er bei 11 Prozent, bei der Pia-Ausbildung bei 15 Prozent. 2012 starteten knapp 600 Schulabgänger mit einer Pia-Ausbildung, im vergangenen Schuljahr waren es bereits über 1300. Die Mehrheit der Lehrer und Praxisanleiter in den Kindergärten sind überzeugt davon, dass das praxisintegrierte Konzept die Qualität der Erzieherausbildung erhöht.

Das Land setze nicht nur auf Ausbildung, sondern auch auf die Fortbildung der Erzieherinnen, sagt von Wartenberg. Dafür stehen jährlich 10 Millionen Euro zur Verfügung. Weitere 500 000 Euro können Kindergärten abrufen, die fachliche Unterstützung wie Supervision benötigen, etwa, weil sie traumatisierte Kinder betreuen.

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