Nach dem Rücktritt der Regierung protestierten in Bulgarien vor Weihnachten wieder Tausende Menschen. Foto: Valentina Petrova/AP/dpa/Valentina Petrova

Überschattet von politischen Turbulenzen geht das Land in das neue Euro-Zeitalter. Ältere sehen dem Euro mit Sorgen entgegen, Jüngere drängen auf einen demokratischen Aufbruch.

Geduldig warten die Menschen vor der Nationalbank auf Bulgariens Zeitenwende – und das neue Geld. Er wolle sich das Startset mit den neuen Euro-Münzen „zur Erinnerung“ kaufen, sagt ein junger Mann mit Pudelmütze: „Für mich ist die Einführung des Euro positiv“. Auf den Euro habe er „20 Jahre lang gewartet“, bekennt der Rentner Aleksandar Lasarow. Verständnis für die Ängste der Euro-Skeptiker hat er nicht: „Das ist nur die Folge der Propaganda Moskaus“.

 

Unwirsch blättert der Parkwächter in der Straße des 6. September durch ein Bündel Lewa-Scheine. Jetzt, wo die „korrupte Regierung endlich gefallen“ sei, werde die Euro-Einführung hoffentlich „um ein Jahr verschoben“, wiederholt er knurrend eine Forderung der prorussischen Nationalisten der oppositionellen „Wiedergeburt“-Partei: „Am besten wäre, man würde ganz auf den Euro verzichten. Unser Lew ist gut genug“.

Bald kommt der Euro: „Alle Vorbereitungen laufen nach Plan“

Keine Wehmut vor dem Abschied vom vertrauten „Löwen“ kommt hingegen im Finanzministerium bei Metodi Metodiew auf. Seit 2018 sei er mit der Euro-Einführung beschäftigt, berichtet der geschäftsführende Staatssekretär. Nach Estland weise Bulgarien in der EU die niedrigste Staatsverschuldung auf. Das Haushaltsdefizit liege seit Jahren fast immer unter drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – und damit unter der Zulassungsgrenze zur Euro-Zone. „Alle Vorbereitungen laufen nach Plan“, sagt er, in 25 Städten und mehr als 200 Landgemeinden habe sein Ministerium gemeinsam mit der Nationalbank in den vergangenen Monaten Informationsveranstaltungen durchgeführt. Dass sich seine Regierung Mitte Dezember ausgerechnet kurz vor dem Startschuss des Euro-Zeitalters zum Abtritt gezwungen sah und nur noch geschäftsführend im Amt ist, gefährde die Währungsumstellung keineswegs: „Es gibt keinen Weg zurück. Wir sind für die Euro-Einführung bereit“.

Ein Riesenrad kreist über den Holzhütten vor dem Kulturpalast. Der Duft von Glühwein zieht über den Weihnachtsmarkt. Alle Preise sind doppelt ausgezeichnet. 22 Lewa oder 11,15 Euro für einen Burger, 17 Lewa oder 8,60 Euro für eine Wurst, 6 Lewa oder 3,08 Euro für einen kleinen Pappbecher Glühwein. Egal ob in Euro oder Lew – zumindest preislich scheint die Hauptstadt des ärmsten EU-Staats schon jetzt auf Eurozonen-Niveau.

Von Hand hat die Betreiberin eines Gemüse- und Früchtegeschäfts bei der Metro-Station die Preise auf die Schilder ihrer Apfel- und Gurkenkisten gezeichnet. Sie sei „nicht gegen die EU“, aber der Währungswechsel bereitet ihr Kopfzerbrechen. Das sei für sie auch eine Frage der nationalen Identität: „Wir sollten unsere nationalen Symbole bewahren. Schaut doch, was in Frankreich oder Deutschland los ist. Überall ist Chaos. Und was haben wir da als ärmstes EU-Land in der Eurozone zu suchen?“

EZB-Chefin Christine Lagarde kümmert sich um den Euro – künftig auch für Bulgarien. Foto: AFP

Das vertraute Mantra vom ärmsten Staat der EU wollten viele seiner Landsleute nicht mehr missen, spöttelt im Büro des „Zentrums für liberale Strategien“ (CLS), einer unabhängigen politischen Denkfabrik, der Programmdirektor Georgi Ganew. Tatsächlich habe sich das bulgarische BIP von 28 Prozent des EU-Mittels vor dem Beitritt 2007 inzwischen auf 66 Prozent vergrößert und nähere sich dem Griechenlands an. Der verbesserte Lebensstandard schlage sich auch auf die Migrationsstatistiken nieder: Mittlerweile gebe es jährlich 80 000 mehr Rückkehrer aus dem Ausland als Abwanderer.

Die Zustimmung zur Euro-Einführung sei in den Städten größer als in der Provinz und bei Älteren niedriger als bei Jüngeren, so der Ökonom. Es herrsche Arbeitskräftemangel, der gleichzeitig die Löhne, die Preise und den Beschäftigungsgrad erheblich erhöht habe. Noch stärker als die Inflation seien die lange sehr niedrigen Renten gestiegen. „Dennoch machen sich die Alten vor der Euro-Einführung am meisten Sorgen“.

Hohe Preise, hohe Schulden – manche Bulgaren sind verunsichert

Sie sei gegen die Euro-Einführung, denn die Preise seien schon jetzt sehr hoch, klagt vor dem Gemüseladen eine Rentnerin, die sich als Frau Josipowa vorstellt. Sie wisse, dass einige Euro-Staaten „sehr hohe Schulden haben“: „Werden die Zinsen nun auch bei uns steigen und die Kredite teurer werden? Oder wird uns dasselbe Schicksal drohen wie den Griechen? Ich fürchte, dass es Bulgarien mit dem Euro nicht gut ergehen wird.“ Entspannt zeigt sich hingegen ein IT-Manager, der im „Kanaal“ sitzt, einer hippen Bierkneipe unweit des Zaimow-Parks, im Hintergrund läuft Jazzmusik. Der Lew-Kurs sei schon seit 1997 erst an den DM- und dann an den Euro-Kurs gekoppelt, sagt er. Wirtschaftlich werde die Euro-Einführung daher keine größeren Folgen haben. „Aber der Euro ist die beste Versicherung, dass Bulgarien nicht wieder in die russische Einflusssphäre gerät.“

Nur ein junger Partei-Assistent hält im Hauptquartier der russophilen „Wiedergeburt“ am Slawejkow-Platz die Stellung. Nein, zur Frage, warum seine Partei gegen den Euro sei, könne er sich nicht äußern, so die Auskunft des Mannes: „Da muss ich erst unsere Führung fragen“, sagt er verlegen.

Hektische Geschäftigkeit ist hingegen in den Korridoren des Parlaments angesagt. Es werden Neuwahlen erwartet, das elektrisiert die noch amtierenden Volksvertreter: Sollte der Urnengang wie erwartet im März stattfinden, wäre es die achte Parlamentswahl innerhalb von fünf Jahren. Nach dem Rücktritt der Regierung protestierten in Bulgarien vor Weihnachten wieder Tausende Menschen. Sie forderten vor allem den Einsatz von Wahlmaschinen bei der kommenden Parlamentswahl – um Wahlbetrug und Stimmenkauf zu vermeiden.

Nein, die von ihm jahrelang vorbereitete Einführung des Euro sei durch den Regierungsabtritt keineswegs gefährdet, versichert der pro-europäische Oppositionschef und frühere Finanzminister Assen Wassilew (PP-DB). Auch den Zeitpunkt der von ihm unterstützten Proteste gegen die Korruption hält der eloquente Harvard-Absolvent trotz der Währungsumstellung keineswegs für problematisch: „Die Proteste haben mit dem Euro nichts zu tun. Die Leute wollen einfach, dass Bulgarien anders regiert wird .“

„Man kann die Leute nicht zwingen, immer wieder aufs Neue zu wählen“

Aus seinem Missfallen über den Regierungswechsel macht der Politologe Stojko Stojtschew keinen Hehl. Zu Jahresbeginn seien die Leute der ewigen Neuwahlen noch müde gewesen und hätten eine „stabile Regierung gewünscht, egal welche“, berichtet er. „Jetzt ist es genau andersherum.“ Eine hohe Zahl von durch Tiktok-Kampagnen mobilisierten Demonstranten bedeute keine höhere Wahlbeteiligung. Ohne klare Mehrheit könnte der Wahl im Frühjahr schon die nächste im Herbst folgen, so Stojtschew: „Man kann die Leute nicht dazu zwingen, immer wieder aufs Neue zu wählen. Irgendwann haben sie von der Demokratie genug – und rufen nach dem starken Mann“.

Hell glänzen in der Dämmerung die weihnachtlich geschmückten Schaufenster der internationalen Modehausketten. Zumindest in der Fußgängerzone am Vitoscha-Boulevard unterscheidet sich Sofia kaum von anderen EU-Metropolen.

Trotz der vielen Regierungswechsel weise Bulgarien auffällig gute Wachstumsraten auf, berichtet Ökonom Ganew. „Die korrupten Netzwerke im Dunstkreis der Regierungsparteien, die bei manipulierten Ausschreibungen staatliche Ressourcen abziehen, können sich in Zeiten der verschärften politischen Konkurrenz nicht mehr so leicht bilden“, so erklärt er das scheinbare Paradox einer stabilen Wirtschaft trotz endloser Politturbulenzen.

Seine Landsleute hätten von „offen korrupten Figuren“ wie DPS-Chef Deljan Peewski „einfach genug“, sagt der grauhaarige Demonstrationsveteran Rumen: „Jeder weiß, dass der Mann sich Stimmen und die Macht kauft und die Justiz kontrolliert. Er macht nicht einmal ein Geheimnis daraus“.

Früher wanderten Unzufriedene ab – die Gen Z will bleiben

Den starken Zulauf bei der jetzigen Protestwelle erklärt Ökonom Ganew auch mit dem „Wegfall des Ventils der Emigration“: „Früher wanderten die Unzufriedenen irgendwann aus. Die Angehörigen der Generation Z wollen nicht mehr weg. Sie wollen bleiben – und die Lage hier ändern.“

Im „Kanaal“ bestellt sich der IT-Manager ein letztes Bier. Von seiner Firma habe er bereits mehrere Angebote erhalten, ins Ausland zu wechseln, erzählt der Familienvater: „Aber ich habe alle abgelehnt.“ In Sofia habe er in seinem Job ein „westliches Gehalt“, liege der Einheitssteuersatz bei zehn Prozent und seien die Lebenshaltungskosten geringer. „Hier wohne ich in meiner eigenen Wohnung, haben wir ein Ferienhäuschen in den Bergen und ist die griechische Küste nur wenige Fahrstunden entfernt: Die Lebensqualität ist hier einfach besser“.