Oskar Lafontaine ist für seine fesselnden Reden bekannt. Foto: imago//Becker&Bredel

Erst verließ er die SPD, jetzt hat er auch bei der Linkspartei das Handtuch geworfen: Oskar Lafontaine (78) sieht die Arbeiterinteressen nicht genug vertreten.

Einmal noch hatte der Fraktionschef der Linken im Saarland, Oskar Lafontaine, einen fulminanten Auftritt im Landtag von Saarbrücken: Am Mittwoch hielt er zum Abschied nach 66 Jahren in der Politik eine flammende Antikriegsrede, die Beifall aus allen Fraktionen erhielt, denn es war „Oskars“ letzter Auftritt als Politiker. Zur Landtagswahl am 27. März kandidiert er nicht mehr. Nur 24 Stunden später setzte der „König von der Saar“, wie er oft tituliert worden ist, weil er ein beliebter SPD-Ministerpräsident gewesen war und später die Linkspartei an der Saar zu Wahlerfolgen mit über 21 Prozent führte, einen Paukenschlag: Der 78-Jährige verkündete seinen Austritt aus der Linkspartei, die er selbst einmal mitbegründet hatte und deren Partei- und Fraktionschef im Bundestag er zeitweise war.

 

Die Linke, so teilte er in einer 44 Zeilen langen Erklärung mit, sei zu einer Partei geworden, „in der die Interessen der Arbeitnehmer und Rentner und eine auf Völkerrecht und Frieden orientierte Außenpolitik nicht mehr im Mittelpunkt stehen“.

Führende Linke, so Lafontaine, hätten sich jetzt nach dem Krieg Russlands gegen die Ukraine „für steigende Rüstungsausgaben und umfassende Waffenlieferungen“ ausgesprochen. Das brachte für den Politiksenior das Fass offenbar zum Überlaufen.

Im Clinch mit der Partei

Schon lange liegt Lafontaine wie auch seine Ehefrau Sahra Wagenknecht mit der eigenen Partei im Clinch, gegen ihn läuft ein Parteiausschlussverfahren. Lafontaine hatte der Linken schon früher angekreidet, sich auf Themen wie Antirassismus, Feminismus und Flüchtlingshilfe zu konzentrieren, Kernthemen wie bessere Löhne, Renten und Sozialleistungen aber schleifen zu lassen: „Wenn ich die durchschnittlichen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen nehme, die im Mittel schon um sechs Uhr arbeiten, wenn die das Gendern hören, dann laufen sie weg.“ Nur fünf Prozent der Arbeiter hätten bei der letzten Bundestagswahl links gewählt.

Mit seinem leicht näselnden Tonfall aber trotzdem fesselnder Redebegabung hatte Lafontaine, Sohn eines Bäckers und einer Sekretärin aus Saarlouis rasch politische Karriere gemacht. 1966 trat der studierte Physiker in die SPD ein, wurde Juso-Landeschef, Bürgermeister von Saarbrücken, Ministerpräsident, SPD-Bundesvorsitzender, Bundesfinanzminister unter Gerhard Schröder.

Sein Vorgehen 1999 erschütterte die SPD

Der Bruch mit Kanzler Schröder wegen des sich abzeichnenden Sozialabbaus unter Rot-Grün und das Niederlegen seiner Ämter als Parteichef und Minister im Jahr 1999 erschütterten die Sozialdemokratie. In einem Interview sagte Lafontaine auf die Frage, ob der Bruch mit der SPD damals ein Fehler gewesen sei, er könne das heute nicht beantworten: „Vielleicht hätte ich, wenn ich in der SPD geblieben wäre, mehr erreichen können. Das kann man im Nachhinein kaum beurteilen.“ Im politischen Leben mache man immer Fehler. Er würde sich noch als „Sozialdemokrat aus der Ära Willy Brandts“ bezeichnen mit den Säulen Ausbau des Sozialstaats und friedliche Außenpolitik.

Die Attentäterin kam mit einem Blumenstrauß

Auch sein privates Leben ist bewegt: Wagenknecht ist Lafontaines vierte Ehefrau. Als ein prägendes Erlebnis hat er das Attentat einer psychisch kranken Frau empfunden, die sich ihm im April 1990 bei einem Wahlkampfauftritt in Köln mit einem Blumenstrauß näherte und mit einem Messer lebensgefährlich verletzte.

Im Saarland ist Lafontaine verwurzelt, aber Vorgänge in der Linkspartei an der Saar unter dem Landesvorsitzenden Thomas Lutze trugen auch zu seinem Austritt bei: Lafontaine liegt mit Lutze seit Jahren im Streit, wirft ihm die Manipulationen von Mandatslisten vor, die Bande zwischen Fraktion und Landesverband sind zerrissen. Wegen des Streits liegen die Saarlinken am Boden: in Umfragen kommen sie auf nur fünf Prozent.