Rambazamba im Zelt: Die Besucher und die Wirte freut’s, den Anwohnern ist es zu laut. Foto: dpa

Bürgern aus Cannstatt sind Volks- und Frühlingsfest zu laut. Jetzt wollen sie gegen den Lärm klagen.

Stuttgart – Über die neuen Bewohner haben die Politiker viel geredet in den vergangenen Monaten. Wie viele Wohnungen sollen es denn sein auf dem Gelände des früheren Güterbahnhofs? 450 wie von SPD, Grünen und SÖS/Linke gewünscht. Oder doch nur 100 Wohnungen, wie die CDU, die FDP, die Freien Wähler wollen. Sie fürchten Gerichtsklagen der künftigen Bewohner und Verbote mancher Abendveranstaltungen auf dem Wasen und im Stadion. Offenbar hat so mancher vergessen, dass nur wenige Meter weg vom Wasen bereits Menschen wohnen. Ein Bewohner des Gebiets am Veielbrunnenweg hatte bereits 2010 wegen der Lärmbelästigung geklagt. Er starb allerdings vor der Entscheidung.

Nun haben die Bewohner endgültig genug. Die Bürgerinitiative am Veielbrunnen fordert die Stadt auf, „dafür Sorge zu tragen, dass künftig Lärmschutzmaßnahmen bei Veranstaltungen auf dem Wasengelände ergriffen werden“. Sollte dies nicht geschehen, seien Mitglieder der Initiative „zu einer Verpflichtungsklage entschlossen“. Ein Ehepaar hat Anwalt Roland Kugler damit beauftragt, der Stadt klarzumachen, dass sie klagen, sollten vom Wasen weiter Musik und Schreie ins Wohngebiet wabern.

In einem allgemeinen Wohngebiet sei tagsüber eine Belastung von 55 Dezibel erlaubt, sagt Kugler. Beim jüngsten Volksfest sind allerdings im Zelt bis zu 110 Dezibel gemessen worden, „das ist, als ob Sie neben einem Flugzeug stehen“, an der Feuerwache in Bad Cannstatt am Samstagabend immer noch 76 Dezibel. Und an Sonn- und Feiertagen bis zu 72 Dezibel. Gut 150 Meter seien es da noch bis zum Veielbrunnenweg, sagt Kugler, „das ist dort nicht viel leiser“. Oder wie es Regine Herdecker, Andrea Knieß und Carola Freimann, die Sprecherinnen der Bürger vom Veielbrunnenweg, ausdrücken, „eine unerträgliche und unzumutbare Belastung“.

Unsere Zeitung hatte das laute Volksfest bei der Veranstaltung „Mittendrin“ im Neckarpark zum Thema gemacht. Nachts ab 22 Uhr darf einen Meter vor der Hauswand maximal ein Lärm von 45 Dezibel herrschen. Die Umwelt- und Städtebauverwaltung möchte erreichen, dass in den Schlafzimmern der geplanten neuen Wohnungen bei gesunden Lüftungsverhältnissen in der Nacht der Lärm von Straßen oder sonstigen Quellen nicht höher als 30 Dezibel ist. Ein hehres Ziel – darüber würden sich auch die jetzigen Bewohner freuen.

Den VfB nehmen die Bewohner ausdrücklich aus

Nicht, dass sie grundsätzlich gegen Veranstaltungen im Neckarpark seien. Den VfB nehmen sie ausdrücklich aus. „VfB-Spiele stellen keine nennenswerte Lärmbelästigung dar“, schreiben sie, „Im Gegenteil, es freut sich doch jeder über ein hörbares Tor des VfB Stuttgart.“ Dagegen sei etwa das Snowboardfestival im Winter 2010/2011 unerträglich laut gewesen. Auch Volksfest, Frühlingsfest und Konzerte seien immer lauter geworden. Dies kann Kugler belegen. 2004 sei ebenfalls beim Volksfest der Lärm gemessen worden. Und im Schnitt sei es fünf Dezibel leiser gewesen. Nun muss man wissen, dass je zehn Dezibel als Verdoppelung der Lautstärke wahrgenommen werden.

Kugler fordert von der Stadt „eine verbindliche Erklärung, dass die Ordnungsbehörde bei zukünftigen Veranstaltungen auf dem Cannstatter Wasen die Einhaltung der Lärmgrenzwerte überwacht und bei Verstößen unverzüglich gegen die Verursacher vorgeht“. Sollte dies nicht geschehen, werden seine Mandanten „sich vorbehalten, sowohl gegen die zur Lärmüberwachung berufenen Behörden als auch gegen die Lärmverursacher selbst gerichtlich vorzugehen“. Die Initiative fordert, dass die Musik in den Zelten wie beim Münchner Oktoberfest üblich automatisch reguliert wird.

Sollte sich keine Besserung zeigen, wolle man klagen

Der Ausschuss für Umwelt und Technik hat bereits beschlossen, dass auf dem Cannstatter Wasen künftig Lärmgrenzen gelten sollen wie beim Oktoberfest. In den Festzelten sollen 90 Dezibel nicht überschritten werden, im Almdorf in der Nähe der Lautsprecher 85 Dezibel und auf den Straßen zwischen den Festzelten und den Fahrgeschäften 80 Dezibel. Letzteres gilt allerdings schon heute, wird aber nicht eingehalten.

Die Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart will beim Frühlingsfest (21. April bis 13. Mai) ausloten, wie dies umzusetzen ist. Sie tut gut daran, denn Kugler sagt: „Meine Mandanten erwarten, dass die Lärmgrenzwerte beim Frühlingsfest eingehalten werden.“ Sollte sich keine Besserung zeigen, werde man klagen.

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