Der Personalmangel in der Pflegebranche ist kein Einzelfall mehr. In diesem Monat meldet die Agentur 2360 unbesetzte Ausbildungsstellen bei einem Angebot von insgesamt 6352. Foto: dpa

Hauptschüler gehen lieber länger zur Schule – Firmen kritisieren Bildungspolitik des Landes.

Stuttgart - Selten gab es für Schulabgänger mehr Möglichkeiten als in diesem Jahr. Dank guter Konjunktur haben die Unternehmen ihr Lehrstellenangebot ausgebaut, doch die meisten Hauptschüler wollen lieber ihren mittleren Bildungs­abschluss machen. Wer eine Lehre bevorzugt, hat die Wahl.

Das Erstaunen des Berufsberaters war grenzenlos: „Du willst tatsächlich eine Kranken- und Altenpflegeausbildung machen?“ Was die 15-jährige Realschülerin als Wunsch vorbrachte, hat bei der Arbeitsagentur inzwischen Seltenheitswert. „In den Pflegeberufen wird händeringend nach Azubis gesucht“, sagt Peter Clausen, der Teamleiter der Berufsberater bei der Arbeitsagentur Stuttgart.

Der Personalmangel in der Pflegebranche ist kein Einzelfall mehr. In diesem Monat meldet die Agentur 2360 unbesetzte Ausbildungsstellen bei einem Angebot von insgesamt 6352. Insbesondere Erzieherinnen, Verkäufer im Lebensmittelhandel, Azubis für Gastronomie und Versicherungen sind rar. Dass sich bis zum Herbst noch massenhaft passende Bewerber finden werden, stellt Stefanie Thimm von der Industrie und Handelskammer (IHK) in Zweifel: „Die Firmen haben schon früh im Jahr die Ausbildungsverträge geschlossen, wohl wissend, dass sie um die Schulabgänger kämpfen müssen.“ Am 31. Mai dieses Jahres lagen der IHK schon 5777 Lehrverträge vor.

Mit Berufsinformationstagen, Schulpartnerschaften, Messen und Ausbildungsbotschaftern seien die Firmen nah dran an den Schülern, so Stefanie Thimm. Trotzdem vermeldet sie 2500 offene Stellen auf ihrer Stellenbörse für Dienstleistung und Handel – „das ist der Höchststand im Vergleich zu den Vorjahren“.

„Der Trend zur weiterführenden Schule ist größer als je zuvor“

Schülern, die auf Ausbildungsplatzsuche sind, kommt diese Entwicklung wie gerufen. Während die Arbeitsagentur im vergangenen Sommer 2233 Bewerber registriert hatte, suchen in diesem Jahr nur noch 1748 einen Ausbildungsplatz – 485 weniger.

Dies liegt zum einen am demografischen Wandel, das heißt der kleiner werdenden Zahl der Kinder und Jugendlichen in der Bevölkerung. Wesentlich gravierender aber wirkt sich in diesem Jahr eine andere Entwicklung aus: Die meisten Hauptschüler haben sich nach Klasse 9 nicht etwa für den Hauptschulabschluss und eine Berufsausbildung entschieden, sondern sie wählten den Übergang in Klasse 10.

Die Zahlen des Staatlichen Schulamts Stuttgart belegen dies: Zum Stichtag im Februar haben sich 660 von 1009 Hauptschülern, das entspricht 65,4 Prozent, für ein weiteres zehntes Schuljahr entschieden; davon wollen 70 lediglich ihre Abschlussprüfung ein Jahr später ablegen, 590 aber streben auf der Werkrealschule den mittleren Bildungsabschluss an. „Wir haben in diesem Jahr nur 208 Schüler in Klasse 10 der Werkrealschule, was daran liegt, dass bisher ein Notenschnitt von 2,4 in fünf Kernfächern nötig war“, sagt Manfred Rittershofer vom Staatlichen Schulamt. Die grün-rote Landesregierung hat diese Hürde gekappt und damit den Ansturm ausgelöst. „Der Trend zur weiterführenden Schule ist größer als je zuvor“, stellt auch Peter Clausen fest, der dies aus einem Grund bedauert: „Eine duale Ausbildung ist eine sehr gute Voraussetzung, um in einem Beruf Karriere zu machen.“

Höher qualifizierte Schulabgänger begeistern sich weniger für eine duale Ausbildung

Auch bei der IHK rät man Hauptschülern, lieber gleich in den Beruf zu gehen, statt ein zehntes Schuljahr anzuhängen. „Das Gros an Fachkräften fehlt schon jetzt in jenen Unternehmensbereichen, wo Personal eingesetzt ist, das eine Aus- und Weiterbildung gemacht hat, nicht bei den Akademikern“, sagt Stefanie Thimm.

Daraus spricht die Erfahrung, dass höher qualifizierte Schulabgänger sich weniger für eine duale Ausbildung begeistern. Peter Clausen bestätigt dies auch für das im Herbst beginnende Ausbildungsjahr: „Der Doppelabi-Jahrgang macht sich nicht bemerkbar, die wollen studieren oder ins Ausland.“ Bei der Arbeitsagentur haben sich bisher in Stuttgart gerade mal 290 Schüler mit Hochschulreife um eine Berufsaus­bildung bemüht.

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