Ein weiteres Einzelhandelsgeschäft in der Esslinger Innenstadt streicht die Segel. Die Rahmenbedingungen für die Branche sind schwierig.
Claudia Freitag streicht mit dem Finger über den Rand einer Vase und lächelt. „Es ist eine Alvar-Aalto-Vase und ihre Form ist seit 1936 gleich geblieben. Ein Klassiker“, sagt die Ladeninhaberin von First Glas. „30 Stunden Arbeit zwölf Arbeitsschritte liegen darin“, fügt sie hinzu. Doch solches Wissen wird sie bald nicht mehr an ihre Kundinnen und Kunden weitergeben. Freitag hat sich dazu entschlossen, ihr Ladengeschäft in Esslingen für immer zuzusperren. Spätestens Ende Juni soll Schluss sein, je nachdem, wie der Räumungsverkauf verläuft. Damit schließt nach Hut-Bühler und Mehl ein weiteres Geschäft in der Esslinger Innenstadt. Eine Nachfolge hat sie nicht gesucht. Darüber habe sie gar nicht nachgedacht, und sie glaube auch nicht, dass jemand so euphorisch sei, um hier weiterzumachen.
Kunden gönnen sich weniger Luxus als früher
„Es ist schwierig geworden, so viel zu verkaufen, dass man überhaupt davon leben kann“, sagt sie. Die Unkosten, die Miete, ihre zwei Aushilfen und eine Teilzeitkraft müssten bezahlt werden. Doch „die Leute geben einfach kein Geld mehr aus für Dinge, die für die Seele sind“, meint sich mit Blick auf ihr hochwertiges Sortiment von Geschirr, Haushaltswaren, Dekoartikel, Glas und Stoffen. Vor Corona sei es auch schon nicht „lecker“ gewesen, doch der Ukraine-Krieg, die Inflation und die Energiekrise hätten die Situation verschärft. Die Leute bräuchten das Geld fürs Alltägliche. Freitag blickt hinaus zum Esslinger Marktplatz. „Es ist Markt, und die Stadt ist nicht so belebt, wie man es sich vorstellt“, sagt die gelernte Bankkauffrau. Es bräuchte ein Konzept für den Einzelhandel, meint sie. Auch die Parksituation mache die Innenstadt nicht attraktiver. Sie führt Schorndorf als positives Beispiel für ein gelungenes Parkkonzept an, um die Menschen in die Innenstadt zu locken.
Außerdem müssten sich die Kunden zurückbesinnen, dass ein Laden gewisse Kosten habe, die er erwirtschaften muss. Deshalb sei es ein Problem, wenn Leute sich im Laden beraten ließen und dann im Internet kauften, weil es dort ein paar Euro billiger sei. Das Internet habe die Sparmentalität verstärkt. Aber sie hätten auch Stammkunden, die es bedauerten, dass sie schließe.
Die Freizeit ist knapp
Die besten Jahre seien die Anfangsjahre gewesen. 1989 habe ihre Mutter Elisabeth Schaible in Fellbach mit dem Geschäft begonnen und sei dann 1992 nach Esslingen umgezogen. Bis um das Jahr 2000 sei es gut gelaufen. 2011 habe sie das Geschäft ihrer vergangenes Jahr verstorbenen Mutter übernommen. Deren Tod, sowie der ihres Vaters, ebenfalls im vergangenen Jahr, sei auch ein Grund für sie gewesen nachzudenken. „Da merkt man selber, dass man auch nicht mehr so lange hat und wie wenig Freizeit man mit dem Ladengeschäft hat“, sagt die Mutter zweier erwachsener Kinder. Jeden Samstag arbeiten, auf Messen gehen, und in der Industrie denke man über eine Viertagewoche bei vollem Lohnausgleich nach, meint sie.
Außerdem freue sie sich auf ihr erstes Enkelkind. „Wo eine Tür zugeht, geht eine andere auf“, meint Claudia Freitag.