Lachenmann-Perspektiven Wie die Zeit vergeht

Von Susanne Benda 

Schrittmacher der Gegenwartsmusik seit den 1960er Jahren: Helmut Lachenmann Foto: dpa
Schrittmacher der Gegenwartsmusik seit den 1960er Jahren: Helmut Lachenmann Foto: dpa

Mit dem Orchesterstück „Gruppen“ verneigte sich das Stuttgarter Festival zu Helmut Lachenmanns 80. Geburtstag vor dessen Lehrer Stockhausen – und vor einem Musterbeispiel gegenstimmiger Neuorganisation in der Musik.

Er sei, hat Karlheinz Stockhausen einmal behauptet, „eigentlich immer schwanger“. Wer das Bahnen brechende Gesamtwerk des 2007 verstorbenen Komponisten betrachtet, muss dies bestätigen. Und wer hört, wie Stockhausen 1958 in seinen „Gruppen“ für drei Orchester jene Gleichberechtigung von Tonhöhen und Tonlängen umsetzt, die ein Jahr zuvor in seinem programmatischen Aufsatz „ . . . wie die Zeit vergeht . . .“ beschrieben hatte, der begreift sofort, warum sein Schüler Helmut Lachenmann dieses Werk als eines der prägendsten für ihn wie für eine ganze Generation von Komponisten empfunden hat.

Das Problem ist nur, dass „Gruppen“ heute kaum mehr zu hören ist. Man muss einen Saal haben, der groß genug ist, um drei Bühnen für drei Orchester um das Publikum herum aufzubauen, und man braucht nicht nur etwa 120 Musiker und drei Dirigenten, sondern außerdem viel konzentrierte Probenzeit, damit diese die unterschiedlichen Zeitmaße auf den Podien durch- und aushalten lernen. Entsprechend spektakulär war die Aufführung, die das Staatsorchester und das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR am Samstagabend zur Eröffnung des Festivals „Lachenmann-Perspektiven“ auf der Stuttgarter Messe zustande brachten, und weil das Werk zudem auf Wunsch des am 27. November 80-jährigen Lachenmann zwei Mal gegeben wurde, hatten die Ohren des Publikums gleich zwei Chancen, mit den durch den Raum wandernden Klängen auf Abenteuerreise zu gehen.

Dass diese mit Stockhausen einen strengen Reiseleiter hat, der nicht nur Tonhöhen, sondern auch Rhythmus und Tempo in festen Reihen („seriell“) straff durchorganisiert: Das kann man (manchmal) hören, muss es aber nicht. Manchmal bleibt das Konstrukt im Hintergrund, und es ist eine Qualität dieses hinreißenden Werkes, seiner farbigen Instrumentierung und seiner kontrastierenden Motivzellen (eben jener titelgebenden Gruppen), dass es auch ohne theoretischen Überbau stark wirkt. Rupert Huber, Clement Power und Baldur Brönnimann sorgten nicht nur bei durch den Saal sausenden, blitzsauberen Blechbläser-Akkorden für Wirkung und Präzision, und spätestens nach dem zweiten Hören des Stücks hatte man den Eindruck, sich in einer Zeitschleife zu befinden. Es hätte immer so weiter gehen können: immer weiter, immer weiter.

 

Für Störungen im Fluss der geflüsterten Konsonanten und der sich sinnlich reibenden Gesangslinien sorgten vier Schlagzeuger

 

Dann wäre allerdings keine Zeit mehr geblieben für all das andere, das an diesem Nachmittag und Abend außerdem zu hören war. Helmut Lachenmanns „Fassade“ zu Beispiel. Auch dieses Stück war mit Gewinn zwei Mal zu hören – mit einem von Matthias Hermann geleiteten (und exzellent einstudierten) Projektorchester, das sich aus Studierenden der Musikhochschulen Mannheim und Stuttgart zusammensetzte.

Zu erleben war eine pausendurchlöchterte Musik: Klänge, von denen immer nur Teile eines verdeckten Ganzen zu erklingen schienen; ein Gestus der Behauptung und der geballten Faust, der sich in seiner Fragmentierung gleichsam selbst ad absurdum führt; eine Verweigerung, eine Exekution, vielleicht auch ein Vexierspiel zwischen einem Positiv und einem Negativ von Klang, zwischen Affirmation und Brechung. Klänge im Konjunktiv. Für zusätzliche ironische Reibungen sorgen Rauschen, ein hoher Sinuston, Geräusche wie vom Kinderspielplatz, alles vom Band. Und, live gespielt, einmal auch ein kurzer, ungestörter Akkord wie ein Nachhall aus alten Zeiten.

Von Lachenmann war mehr noch zu hören: Schattenwürfe von Klängen, in „Serynade“ für Klavier solo hervorgezaubert und mit effektvoll gesetztem Pedal immer wieder ins fast Meditative hineingetrieben von der Pianistin Yukiko Sugawara; außerdem die erste von Lachenmanns zwei „Consolations“. Diese erlebte man mit den Sängern des von Michael Alber geleiteten ChorWerks Ruhr hier als wahre Schönklang-Oase. Für Störungen im Fluss der geflüsterten Konsonanten und der sich sinnlich reibenden Gesangslinien sorgten vier Schlagzeuger, die mit auf feinste Weise ausdifferenzierten Klangfarben dem Melodischen rhythmische Pflöcke eintrieben.

 

Hören als Erkenntnis- als Selbsterfahrungsprozess: Das ist Ziel und Traum dieses Komponisten

 

Wobei das „Erkenn dich doch!“ des zugrunde liegenden Textes von Ernst Toller (aus „Masse Mensch“) als Schaffens- vielleicht auch als Lebensmotto Helmut Lachenmanns gelten darf. Hören als Erkenntnis- als Selbsterfahrungsprozess: Das ist Ziel und Traum dieses Komponisten, der heute nicht nur in seinem Komponieren, sondern auch in seinem dialektischen Nachdenken über Musik als stilbildend gilt. Dazu passte, dass der Jubilar selbst, um eine Einführung zur zweiten Aufführung von „Gruppen“ gebeten, diese mit den Worten „Ich mache keine Einführung, das ist ja schrecklich!“ begann – und dann doch mit viel pädagogischem Impetus Hinweise gab, wie man am besten „in die Anatomie dieser Klanglandschaft hineinhorchen“ könne. So gesehen, ist Helmut Lachenmann wie sein Lehrer „eigentlich immer schwanger“ gewesen. Man kann nur hoffen, dass er es noch lange bleibt.

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