Mann oder Frau oder beides? „Für Franzi“ hinterfragt die Rolle der Frau. Foto: Mostbacher-Dix

Im und um das Kunstzentrum Laboratorium im Stuttgarter Osten hat das Theaterensembles Forum der Kulturen die Premiere seines neuen Stücks „Für Franzi“ gefeiert.

S-Ost - Sind sie es nun – oder sind sie es nicht? „Freie Frauen – Fake oder Fakt? In fünf, fünfzig oder fünfhundert Jahren?“ Die Frage tönt durch den Raum, hängt in der Luft, während seltsame Wesen in blauen Ganzkörperanzügen mit goldenen Gesichtern ins Publikum starren. Bei allen wölbt es sich in der Brustgegend, doch manche von ihnen haben einen Bart. Mann oder Frau – oder beides? Schon die ersten Szenen in „Für Franzi“ – das neue Stück des Theaterensembles Forum der Kulturen hatte nun im Kulturzentrum Laboratorium Premiere – scheint in eine andere, surreal mythische Welt zu entführen.

Doch es geht um Konkretes, um die Frau: die Spielzeit des Ensembles steht unter dem Motto „Frauenbilder – Frauenvisionen“. Indes, die Welt des weiblichen Geschlechts, dieses emotionalen, unbekannten Wesens, fanden schon die klassischen Dichter als kompliziert. Auf die Spur dieser alten und neuen Bildern haben sich nun die Mitglieder des multikulturellen Ensembles begeben – und das schon vor der #metoo-Debatte. Frauen und Männer der Truppe hinterfragten kulturübergreifend die Rolle der Frau, durchkramten ihre eigenen Erfahrungen, diskutierten heiß, versetzten sich stimmlich, geschichtlich, biografisch sowie körperlich in das Frau-Sein. Wie prägten und prägen Dornröschen oder Malala über die Jahrhunderte Frauenbilder, auf welche Weise taten dies Herkunft, Kultur und Religion?

Schon Zeus, Jahwe und Allah können sich auf der Bühne nicht einigen. Während ein blau-goldenes Wesen sich ans Piano robbt, um mit Verve Klavierklassiker zu interpretieren, disputieren die Gottheiten, auf Tischen stehend, wem man „Adam“ denn nun zur Seite stellen solle. Und, soll man die Frau aus seinen Augen basteln, als Augenstern, aus seinen Ohren als Musik oder aus seiner Hand? Nein, er hat genug zu meistern. Während Zeus und Jahwe unverhohlen zugeben, dass sie keine Ahnung von Frauen haben, erklärt Allah, dass er zwar 99 Namen hat, aber mindestens ebenso viele Fragen zum Weib. Schließlich einigt man sich auf die Rippe, weil sie so nah an seinem Herzen ist.

Das Experiment gelingt zunächst, doch dann bezeichnet die Gute Adam als „Fehlfick“ und wünscht sich ein schmuckes Häuschen im Paradies! Darauf entspinnt nicht nur ein Wettstreit aus F-Wörtern – „Frauen führen fantastisch fahren Ferrari falsch Ford Fiesta fertigen fantastische Fummel Fatmah fatal fettfreie Faltencremes . . .“ bis es „vorwärts“ heißt, das Publikum in zwei Gruppen durch den Stuttgarter Osten bis zum Kulturwerk geführt wird – und zurück ins Laboratorium. Dazwischen liegt eine Tour de Force bestehend aus Schimpfwörtern – alle möglichen und unmöglichen Bezeichnungen für das Weib und ihr Geschlecht werden in verschiedenen Sprachen durchdekliniert, dabei ist Bitches noch das harmloseste –, ein Quiz für Frauenversteher und Freundschaftsbekundungen. Die münden in ein Gespräch über einen weiblichen Generalstreik mit Angela Merkel auf einer Gartenleiter sowie eine berührende Szene zu Abtreibung und dem Recht, über den eigenen Körper zu bestimmen.

Harter Tobak, aber den Regieführenden, Boglárka Pap und Luis Hergón und ihrer Truppe gelingt es, die Frauengeschichten der Autorin Ivica Perković, zu einem mitreißenden, lustigen, traurigen, mitunter heftigem, nicht immer jugendfreien Bewusstseinsstrom zusammenzufügen, bei dem der Zuschauer sich selbst ertappt – und seine Vorstellungen. „Für Franzi“ fordert geradezu, über die Gesellschaft und die Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau nachzudenken, die derzeit neu auf dem Prüfstand stehen. Das kann nicht nur gut sein für „Florence, Frida und Fatma“ im Stück, sondern auch für Farid, Felix, Franz und Fred in der Realität.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: