Jugendguide Benjamin Merkt im Februar 2023 zu Besuch bei Mordechai Ciechanower in seiner israelischen Heimat. Am 27. Februar feiert Ciechanower seinen 99. Geburtstag. Foto: Merkt

Bis 1945 bestand bei Gäufelden-Tailfingen ein KZ. 600 Männer mussten dort Zwangsarbeit leisten, 189 kamen zu Tode. Jugendguide Benjamin Merkt hat einen der Überlebenden, Mordechai Ciechanower, nun kurz vor seinem 99. Geburtstag besucht.

Die Szene geht tief unter die Haut, auch nach fast 82 Jahren: Als die Familie Ciechanower im Dezember 1941 vor den Toren des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau steht, werden Mutter und die beiden Schwestern vom Vater und dem 17-Jährigen Mordechai getrennt. Dann kommt es zu dem herzzerreißenden Moment: „Das war der Augenblick, in dem wir für immer getrennt wurden. Ich schaute meiner Mutter ins Gesicht. Es war, als flehten ihre Augen: ‚Lasst ihr mich allein?‘“ Es soll das letzte Mal gewesen sein, dass der damals 17-Jährige seine Mutter und Schwestern sieht.

 

Die Geschichte wird millionenfach in Deutschland in den 1940er Jahren passiert sein. Mordechai Ciechanower hat sie auch erlebt. Der heute 99-Jährige hat nicht nur Auschwitz-Birkenau überlebt, sondern auch die KZ Stutthof, Bergen-Belsen, Dautmergen und Hailfingen/Tailfingen im Kreis Böblingen, einem Außenlager des französischen KZ Natzweiler-Struthof. Heute erinnern Infotafeln und Mahnmale auf dem ehemaligen KZ-Gelände nahe des Gäufeldener Teilorts Tailfingen. Ein Dokumentationszentrum im Alten Rathaus gibt in Dokumenten, Fotos und Ausstellungsstücken weiter Auskunft über die Schicksale der Ex-Häftlinge.

189 Männer starben im KZ Hailfingen/Tailfingen

In Tailfingen waren nicht nur jüdische Männer wie Mordechai Ciechanower interniert, auch einfache Häftlinge aus anderen KZ im Deutschen Reich sowie Kriegsgefangene aus Griechenland mussten zwischen November 1944 und Februar 1945 auf dem Feld unter miserablen Bedingungen leben und einen Nachtjägerflughafen für die Nazis erbauen. Insgesamt 600 Menschen waren in Hailfingen/Tailfingen eingesperrt. 189 kamen ums Leben. Wer überlebte, berichtete von Eiseskälte, Unterernährung, Ungeziefer und Krankheiten.

Einer, der die Erinnerung durch ehrenamtliche Aufklärungsarbeit aufrechterhält, ist Benjamin Merkt. Als Jugendguide beschäftigt er sich seit Jahren mit dem Schicksal von Menschen wie Mordechai Ciechanower. Anlässlich des bevorstehenden 99. Geburtstages von Ciechanower am 27. Februar reiste Merkt im Februar 2023 nach Ramat Gan in Israel. Dort lebt der fast 100-Jährige, der durch den Film als „Der Dachdecker von Birkenau“ traurige Berühmtheit erlangte, darin aber auch seine an die deutsche Vergangenheit geknüpfte Lebensgeschichte erzählte. Im Gepäck hatte Merkt ein Album mit Geburtstagsgrüßen alter Weggefährten. Die Glückwunschkarte von Bundeskanzler Olaf Scholz war bei Abreise noch nicht versandt, so brach der Jettinger, der hauptberuflich als Justizfachangestellter beim Landgericht Stuttgart tätig ist, ohne Grüße aus dem Kanzleramt auf.

In Auschwitz-Birkenau wurden seine Mutter und Schwestern ermordet

Obwohl die Zeit über 80 Jahre zurückliegt und sich Ciechanower in Israel mit Frau und Kindern ein neues Leben aufgebaut hat, spielt die Vergangenheit weiter eine große Rolle, wie Benjamin Merkt bekräftigt: „Mordechai erinnert sich bis heute gut an die Zeit in den KZ, auch an die Monate in Hailfingen/Tailfingen. Seine Tätowierung mit seiner KZ-Nummer 81434 trägt er bis heute auf seinem Arm. Es verbindet ihn auf ewig mit Auschwitz-Birkenau. Dort verlor er seine Mutter und seine zwei Schwestern. Seinen Vater traf er nach dem Kriegsende wieder.“

Mordechai Ciechanower hatte es sich zur Aufgabe gemacht, seine Geschichte an nachfolgende Generationen, vor allem jüngere Menschen weiterzugeben. Dafür kam er auch wiederholt nach Tailfingen, wo er Erinnerungstafeln einweihte, KZ-Mithäftlinge wiedertraf und der örtlichen Bevölkerung vom Schrecken in ihrer unmittelbaren Umgebung berichtete. Nicht immer stieß das Erinnern auf offene Ohren, ergänzt Benjamin Merkt: „Dass im Alten Rathaus Anfang der 2010er Jahre Bilder und Lebensdaten der KZ-Insassen von damals ausgestellt wurden, rief bei einigen Widerstand hervor. Einige wollten die dunkle Geschichte nicht inmitten ihrer damaligen Ortsverwaltung ausgestellt sehen.“ Die Petition hatte letztlich keinen Erfolg. Heute hängen die Gesichter mit den biografischen Hintergründen im Treppenaufgang – als Zeugnis des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte, das auch im Kreis Böblingen Spuren hinterlassen hat.

In Israel begeht Ciechanower den 100. Geburtstag

Heute kann Ciechanower, der 1924 im polnischen Maków Mazowiecki geboren wurde, keine Reisen mehr nach Deutschland vornehmen. „Insgesamt befindet sich Mordechai in einer guten körperlichen und geistigen Verfassung. Tatsächlich feiert er in Israel nicht seinen 99., sondern seinen 100. Geburtstag. Dafür hat sich auch Staatspräsident Jitzhak Herzog als Gratulant angekündigt“, sagt Merkt. Warum der Jubilar in Israel bereits den 100. feiert? „Das liegt daran, dass sich Mordechai bei der Selektion im KZ ein Jahr älter gemacht hat, um nicht direkt in den Tod geschickt zu werden. Dieses Geburtsdatum behielt er zeitlebens“, erläutert Merkt.

Auch wenn Mordechai Ciechanower in Tailfingen keine Aufklärung mehr leisten sollte, seine und die Geschichte hunderter weiterer NS-Opfer geraten nicht in Vergessenheit. Dafür sorgt auch Benjamin Merkt mit seiner Gedenkstättenarbeit: „Gerade die jüngere Generation zeigt großes Interesse an der Zeit des Nationalsozialismus. Und viele Jugendliche sehen auch dadurch einen Bezug zu der Verfolgung, da einige selbst Rassismus und Ausgrenzung erfahren oder aus Ländern mit autokratischen Systemen stammen. Das schafft ein Verständnis und Interesse, das wir brauchen, wenn wir die Zeitzeugen mal nicht mehr haben.“