Eine Gedenkstätte nahe des US-Airfields erinnert an die Schrecken, welche Männer jüdischer Herkunft auch auf den Fildern erleben mussten. Foto: Horst Rudel

Hunger, Kälte und totale Erschöpfung prägten das Leben der Häftlinge des KZ-Außenlagers Echterdingen-Bernhausen. Zu Fuß liefen sie durch die Filderorte zu den Zwangsarbeitsstätten. Nun gibt es die Idee, ihre Wege nachzuzeichnen.

Filder - Im Winter vor 75 Jahren haben sich fünf Häftlingedes KZ-Außenlagers Echterdingen-Bernhausenein Versprechen gegeben, das Benjamin Gelhorn nie losgelassen hat. Wenn einer von ihnen diesen Wahnsinn überleben sollte, müsste er dafür sorgen, dass alle anderen ein würdiges Begräbnis erhalten. Viele Jahre später ist der Sohn eines polnischen Lumpensammlers mit seinem Lastwagen immer wieder am Stuttgarter Flughafen vorbeigefahren, um die Produktionsabfälle aus Strickwarenfabriken abzuholen. Immer dann hat sich der Schwur in sein Bewusstsein zurückgedrängt. Einen „bleden Hund“ hat er sich dann geschimpft. „Du hast es doch versprochen“, ist in dem Buch „Im Angesicht des Todes“ von Thomas Faltin nachzulesen.

 

Benjamin Gelhorn war einer von 600 Menschen, die in dem Außenlager des KZ Natzweiler gefangen waren. Nachdem er eine Zeit lang im KZ Auschwitz-Birkenau verbracht hatte und später im KZ Stutthof bei Danzing war, hat man ihn im November 1944, wie viele andere Männer jüdischer Herkunft auch, mit dem Zug auf die Filder gebracht.

Bombenschäden am Flughafen ausbessern

Die Häftlinge mussten in den Steinbrüchen von Bernhausen, Leinfelden und Plieningen schuften, die Bombenschäden an der Start- und Landebahn des Flughafens ausbessern oder beim Bau der Verbindungsstraße zwischen Flughafen und Autobahn aushelfen. Nachts schliefen sie in Stockbetten, die sich in dem Hangar befanden, nördlich der heutigen KZ-Gedenkstätte – auf dem US-Airfield am Stuttgarter Flughafen.

Jeden Tag aufs Neue zwang man die Männer, zu Fuß zu ihren Arbeitsstätten zu laufen. Ihr Weg führte mitten durch Bernhausen, Echterdingen und Leinfelden. Obwohl es verboten war, steckten manche Bewohner der Ortschaften ihnen Butterbrote und Äpfel zu, stellten Körbe mit Lebensmitteln an den Steinbrüchen ab.

Die Wirtin des Gasthauses Post in Leinfelden soll regelmäßig Lebensmittel in den Leiterwagen gelegt haben, den sie den Kolonnen zur Verfügung stellte. Sie ließ den Wagen von den Häftlingen im Stall abholen. Weil die Frau die Wachen mit Schnaps ablenkte, hatten die Zwangsarbeiter Zeit, die Lebensmittel unbemerkt in ihrer Kleidung zu verstecken. Ende Dezember brach das Fleckfieber aus, 50 Männer überlebten die Krankheit nicht. Das Lager wurde im Januar aufgelöst. Es bestand 60 Tage, dennoch ließen 119 Männer dort oder auf einer der Baustellen ihr Leben. Sie starben an Hunger, Kälte und totaler Erschöpfung.

Eine Idee ähnlich wie die Stolpersteine

75 Jahre später wollen die Sozialdemokraten von Leinfelden-Echterdingen jene Wege, welche die Männer genommen haben, nachzeichnen. Mit Hinweistafeln, die im Flecken stehen, „ähnlich der Stolpersteine, die es in ganz Deutschland gibt“, erklärt Stadträtin Barbara Sinner-Bartels, die Verbündete für diese Idee sucht. Sie will Geschichte in den heutigen Alltag der Menschen tragen. Das sei in Zeiten, in denen der Rassismus in der Gesellschaft spürbar zunehme, besonders wichtig. Historie könnte so beispielsweise für Schulklassen erlebbar werden.

Die Tafeln könnten an der Echterdinger Lamm-Kreuzung oder am Kreisel nahe des Blumenladens Hess aufgestellt werden. Bekanntlich erinnert bereits eine Gedenkstätte an das ehemalige Lager, dass so vielen Männern den Tod brachte. Künstlerin Dagmar Pachtner hat sie gestaltet, im Juni 2010 wurde sie eröffnet. Zwei „Wege der Erinnerung“ kreuzen sich nahe des US-Airfields. Entlang einer Mauer sind die Namen aller ehemaligen Häftlinge zu hören. 200 Menschen der Filder haben diese auf ein Band gesprochen. Seitdem kommt immer wieder der Wunsch auf, die Gedenkstätte zu erweitern, zu vollenden. Denn bisher ist nur ein Teil der künstlerischen Idee verwirklicht. Pfeile, Tafeln, Würfel – die unter anderem zu den Steinbrüchen und dem Massengrab im Bernhäuser Forst weisen sollen – fehlen, monierten erst im Herbst 2018 Sozialdemokraten aus Filderstadt.

Die Kommune müsse sich der Geschichte stellen

Vor einigen Jahren gab es einen gemeinsamen Antrag der SPD-Fraktionen beider Städte. Die Bereitschaft, die Gedenkstätte zu erweitern, war damals aber in Leinfelden-Echterdingen nicht besonders groß. Oberbürgermeister Roland Klenk hatte sich gegen eine weitere „Investition in Beton“ ausgesprochen und dafür Zuspruch im Gemeinderat gefunden. Nun scheint sich das Blatt gewendet zu haben. Der Rathauschef hat den jüngsten Vorschlag der SPD-Fraktion L.-E. nicht gleich abgelehnt, was Barbara Sinner-Bartels als einen Fortschritt bezeichnet. Er will sich dazu mit seinem Filderstädter Kollegen Christoph Traub beraten.

Traub ist nicht abgeneigt. „Auch aufgrund aktueller Ereignisse“ müsse sich seine Kommune dieser Frage nähern. Es sei wichtig, dass es einen solchen Erinnerungsort gebe und dass dieser entsprechende Aufmerksamkeit erhalte. Er hat das Thema mittlerweile auch im Rat der Gedenkstiftung, welche die beiden Städte gegründet haben, angesprochen. Er würde aber zunächst den zweiten Bauabschnitt der Gedenkstätte verwirklichen, dort auch Parkplätze einrichten. Die Wege der Häftlinge in den Ortschaften nachzuzeichnen, könnte dann aber ein weiterer Schritt sein.

Sterbliche Überreste von 34 jüdischen Opfern gefunden

Auf diesen Tafeln könnte dann auch die Lebensgeschichte von Benjamin Gelhorn nachzulesen sein – stellvertretend für alle 600 Häftlinge. Der Mann hat den Holocaust überlebt. Er ist mit 89 Jahren in einem Altersheim in München gestorben. 1982 hat er versucht, die Amerikaner am Flugplatz zu überzeugen, dass auf ihrem Gelände jüdische Häftlinge vergraben wurden. Das brachte ihm zunächst nur Kopfschütteln ein. Bei Bauarbeiten wurden dann aber die sterblichen Überreste 34 jüdischer Opfer auf dem Gelände des US-Airfields entdeckt, die im Dezember 2005 am Fundort nach Gesetzen der jüdischen Religion würdig wiederbestattet wurden. So ist das Versprechen, das sich die fünf Häftlinge vor 75 Jahren gegeben haben, doch eingelöst worden.