SMS werden im Alltag kaum noch genutzt – trotzdem gehören sie weiterhin zum Angebot Foto: fotolia

Per SMS kommen Reisende an ihre Bordkarten und Bankkunden an ihre mobilen TANs. Doch in der täglichen Kommunikation wird die klassische Kurznachricht immer unwichtiger. Warum bleibt sie trotzdem bestehen?

Berlin - Es ist noch nicht lange her, da rangierten Bücher wie „SMS von letzter Nacht“ ganz vorne auf der Beliebtheitsskala der Deutschen. Mit den schrägen, oft peinlichen Kurznachrichten, die alkoholisierte Menschen zu später Stunde in ihr Mobiltelefon hauen, konnte sich fast jeder identifizieren. Lebensweisheiten auf 160 Zeichen: Eine gefühlte Ewigkeit gehörten sie zum Alltag, genau wie der regelmäßige Datenstau an mitteilungsfreudigen Silvesternächten.

Vorbei die Zeiten. Allein über den Messenger Whats-App werden heute weitaus mehr Nachrichten verschickt als per SMS – nämlich weltweit täglich 30 Milliarden Mitteilungen. Für SMS liegt dieser Wert bei 20 Milliarden Kurzbotschaften pro Tag. Experten sind sich einig: Die 160-Zeichen-Nachricht wird in wenigen Jahren zumindest in den Industrienationen aus der Mobilfunklandschaft verschwunden sein. Das liegt vor allem am sich wandelnden Kommunikationsverhalten: Mobilfunkbetreiber bieten ihren Kunden günstige Internet-Flatrates fürs Smartphone, den Messenger-Dienst Whats-App hat fast jeder Smartphone-Nutzer installiert – und nutzt ihn auch. So mancher Jugendlicher hat in seinem Leben noch kein einziges Mal eine SMS verschickt.

Das Meinungsforschungsinstitut You Gov hat kürzlich 800 Smartphone-Besitzer nach ihrem Nutzungsverhalten gefragt. Wenig überraschend: 68 Prozent nehmen das Gerät hauptsächlich zum Telefonieren in die Hand. An zweiter Stelle, mit 49 Prozent, rangieren Messenger-Dienste. Bei der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen spielt die SMS hingegen kaum noch eine Rolle. Mehr als zwei Drittel der Befragten gaben an, hauptsächlich Messenger-Dienste zu nutzen.

Der Vorteil der Messenger-Dienste ist zugleich der größte Nachteil für die SMS, sagen Kommunikationsexperten: „Gerade die digitalaffine Nutzergruppe verschickt auch gerne mal ein Bild oder ein Video“, sagt Klaus Schulze-Löwenberg vom Mobilfunkkonzern Telefónica Deutschland, zu dem unter anderem die Marken E-Plus, Base und O2 gehören. Das Unternehmen kooperiert mit Whats-App, indem es spezielle Flatrate-Tarife für den Mitteilungsdienst anbietet.

Und doch – so richtig wollen sich die Telefonanbieter noch nicht von der SMS verabschieden. Selbst Telefónica vermeidet es, vom Tod der SMS zu sprechen. Dass sich die Branche nur ungern von der SMS trennen möchte, leuchtet ein. Immerhin stellt sie noch immer ein lukratives Geschäft dar. Ob sich mit Datenverkehr genauso viel verdienen lässt wie mit Kurzmitteilungen, darüber schweigen sich die Unternehmen aus.

Fest steht: Vom Simsen wird sich niemand so schnell verabschieden. „Bei uns ist auch weiterhin eine SMS-Flat in allen Tarifen enthalten“, bekräftigt Telekom-Sprecher Dirk Wende. „Der große Vorteil von Kurzmitteilungen ist, dass man sich mit ihnen geräte- und netzübergreifend austauschen kann. Vielen ist Whats-App zu unsicher, gerade nach der Übernahme durch Facebook.“

Man könnte diese Aussage als Marketingstrategie eines Global Players abtun. Immerhin bietet die Telekom mit Joyn einen eigenen Messenger-Dienst an. Tatsache ist aber auch, dass Whats-App in der Vergangenheit immer wieder mit groben Datenschutzpannen auf sich aufmerksam gemacht hat. Datenschützer warnen davor, dass bei Whats-App alle Daten über US-Server laufen und damit amerikanischen Behörden zugänglich sind. Alternativen wie Threema, die auf einen höheren Datenschutz setzen, haben bisher noch keinen flächendeckenden Durchbruch erzielt.

„Das Aus der SMS würde ich noch nicht ausrufen“, sagt Torsten Gerpott, Mobilfunk-Experte der Universität Duisburg-Essen. Zwar gehe die SMS-Nutzung in Deutschland allmählich zurück – und damit auch die Gewinnmarge der Konzerne –, dennoch ändere sich der Markt nur langsam. „Viele Nutzer bleiben ihrem gewohnten Kommunikationsverhalten treu“, sagt Gerpott. „Die SMS wird deshalb noch jahrelang relevant bleiben.“

Neben einem besseren Datenschutz bietet die traditionelle Kurznachricht noch einen weiteren Vorteil. „Sie ist technisch ein wenig zuverlässiger als Web-Dienste“, sagt Gerpott. Während bei einem IP-Stream beim Versand etwas verloren gehen könne, würden SMS bei Problemen bis zu fünfmal erneut verschickt.

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