Die Band Tocotronic – ein Kind der neunziger Jahre, aber bis heute erfolgreich Foto: picture alliance/dpa/Annette Riedl

Unser Kolumnist Jörg Scheller ist nun doch der Neunzigerjahre-Nostalgie anheimgefallen. Er mochte diese Dekade nie, doch inzwischen findet er, dass sie gar nicht so übel ist.

Nun hat sie mich doch noch erwischt: die seit einiger Zeit grassierende Neunzigerjahre-Nostalgie. Eigentlich dachte ich, ich sei immun dagegen. In den Neunzigerjahren waren mir selbige zuwider. Die Cross-over-Trends kamen mir beliebig vor, die Spaßgesellschaft machte mir keinen Spaß, das neoliberale Narrativ von der Überwindung der politischen Gegensätze wirkte auf mich wie billige Propaganda, und es war absehbar, dass diejenigen, die in der damals modischen Rede vom „Ende der Geschichte“ kein westliches Wunschdenken erkannten, selbst bald Geschichte sein würden.

 

Sich in optimistischer Gelassenheit üben

Letzte Woche aber besuchte ich in Mailand ein Konzert der 1989 gegründeten Band dEUS. Und während mich die auf so sanfte wie energetische, so poetische wie kraftvolle Weise alle Genregrenzen verwischende Musik der Belgier umhüllte, dachte ich mir: Vielleicht war sie doch nicht so übel, diese Scharnierdekade zwischen dem vermeintlichen Ende der Geschichte nach dem Mauerfall und ihrer definitiven Wiederkehr am 11. September 2001. Vielleicht hatte sie, was unserer Gegenwart fehlt.

Bei dEUS fließen Genres und implizit Kulturen ineinander, als wären sie nie voneinander getrennt gewesen. Rock, Indie, Hip-Hop, Funk, Punk, Avantgarde, all das bildet ein Kontinuum. Im Rückblick zeugt diese Musik von einer Zeit, in der die Identitäten noch nicht so verhärtet waren wie heute, in der man spielerisch Inspirationen aus diversen Bereichen mischte und in vielerlei Hinsicht naiver, träumerischer, offener unterwegs war – ausgerechnet in einem Jahrzehnt, das oft als post-utopisches kritisiert worden ist!

Am Ende des Sets spielen dEUS ihren größten Hit, „Suds & Soda“ (1994). Der Refrain nimmt sich wie eine Aufforderung aus, sich in optimistischer Gelassenheit zu üben und die – vermeintlichen – Widersprüche zu feiern, statt sie angstvoll zu meiden: „There’s always something in the air / Sometimes suds and soda mix okay with beer.“

Auch typisch Neunziger: Tocotronic

Als dEUS in der Zugabe das melancholische „In a Bar Under the Sea“ (1996) anstimmen, klingt es, als sängen sie über die westlichen Konsumkulturen, in denen trotz historisch einmaligen Wohlstands und Sicherheit – oder gerade deshalb? – wieder Angst, Ressentiment, Radikalität, Ideologie dräuen: „What life would mean / If we hadn’t been / So disappointed in the sun.“ Beim Verlassen der Magazzini Generali geht mir eine Liedzeile einer weiteren typischen Band der Neunzigerjahre durch den Kopf: „Im Blick zurück entstehen die Dinge“, singt Dirk von Lowtzow in Tocotronics Lied „Höchste Höhen“ (2005). So entstehen auch in mir neue, freundlichere Neunzigerjahre – eine Dekade, die es so nie gegeben hat, aber die es heute vielleicht gegeben haben muss.