König-Wilhelm-Denkmal vor dem Cannstatter Kursaal Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Zu Königs Zeiten wurde im Cannstatter Kursaal fleißig musiziert, dabei hatte Wilhelm I. gar keine Konzession dafür. Heute hilft ein Kompromiss: Pro Jahr ist nur eine bestimmte Anzahl an Konzerten erlaubt.

Stuttgart - Wenn die Stuttgarter Saloniker am Sonntag, 28. Mai, zum Jazzfrühschoppen in der Konzertmuschel in Bad Cannstatt aufspielen, dann ist das keine Selbstverständlichkeit. Denn beim Bau-Antragsverfahren für die Erweiterung und Sanierung des Kursaals wurde vor einigen Jahren zum Erstaunen vieler Cannstatter festgestellt, dass unter König Wilhelm I. dereinst gar keine Baugenehmigung mit Konzession zum Musizieren vorlag. Erbaut wurde der klassizistische Kursaal von 1825 bis 1841 nach Plänen von Nikolaus von Thouret. Ergänzt wurde dieser Große Kursaal zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch ein Jugendstilgebäude, dem sogenannten Kleinen Kursaal. Das Areal des Kurparks birgt noch weitere Schätze, zum Beispiel eine frühere Werkstatt von Gottlieb Daimler. Heute befindet sich in dem Gewächshaus die Daimler- ­Gedächtnisstätte.

Und dann gibt es da noch die Konzertmuschel. Dass darin auch heutzutage noch musiziert wird, ist zu großen Teilen dem Bezirksvorsteher Bernd-Marcel Löffler zu verdanken. Der hat mit der Stadt Stuttgart verhandelt und erreicht, dass per Ausnahmegenehmigung wenigstens zwölfmal im Jahr in der Muschel musiziert werden darf – Konzession hin, Konzession her. Löffler weiß, dass „inzwischen die Gemengelage anders ist als noch vor zehn oder 20 Jahren“. Der Bezirksamtschef: „Einzelne Nachbarn stören sich an der Lautstärke.“ Doch mit dem Kompromiss können offenbar die meisten leben. Löffler: „Traditionsveranstaltungen wie die Fronleichnamsprozession des Musikvereins Hofen finden ja auch regelmäßig statt.“

Gepachtet hat die Konzertmuschel übrigens die Kursaal GmbH, die den Biergarten betreibt. Zur Konzertauflage gehört auch, dass es pro Monat maximal zwei Auftritte geben darf. Somit halten sich die Musik­veranstaltungen auch in den Sommer­monaten in Grenzen. Kapellmeister Patrick Siben jedenfalls freut sich, dass er „die ­Muschel zurückerobern konnte“. Denn hier hat das Klassik-Salonorchester vor 25 Jahren seine erste CD namens „Frischer Wind“ eingespielt und veröffentlicht.

Zum Cannstatter Kursaal hat Siben noch eine weitere Beziehung. Rose Brändle aus der Stuttgarter Klopstockstraße hat ihm vor 30 Jahren ihr Repertoire vermacht. Sie war „höhere Tochter“ gewesen, noch zu Königs Zeiten zur Welt gekommen und konnte Pianistin werden. Ihre schönste Zeit verbrachte sie – laut Siben nach eigenen Aussagen – in den Goldenen Zwanziger Jahren mit ihren „Kumpanen“ beim damaligen Hot Jazz im Cannstatter Kursaal. Am Sonntag nun präsentieren die Saloniker moderne Musik wie zu Rose Brändles Zeiten.