Kurs „Cane Fu“ für Rentner in Stuttgart Hier lernen Senioren, sich mit ihrem Gehstock zu verteidigen

Von Sascha Maier 

Selbstverteidigung mit dem Gehstock lernen Rentner in dem Kurs „Cane Fu“. Foto: S. Warrlich
Selbstverteidigung mit dem Gehstock lernen Rentner in dem Kurs „Cane Fu“. Foto: S. Warrlich

Viele ältere Menschen sind nicht mehr so gut zu Fuß. Schnell weglaufen ist dann in unangenehmen Situationen keine Option. Stattdessen kann der Gehstock bei der Selbstverteidigung helfen. Die Technik dafür lernen Stuttgarter Rentner in einem speziellen Kurs.

Stuttgart - Waltraud H. hätte der unbekannte Pöbler am Rande einer Montagsdemo besser nicht unterschätzt. Die 68-Jährige ist zwar nicht mehr so gut zu Fuß. Aber sie beherrscht seit einigen Wochen Cane-Fu – die Kunst, sich mit dem Gehstock zu verteidigen. Der Name des Kurses ist eine Anspielung auf den Begriff Kung Fu. Das englische Wort „Cane“ bedeutet auf Deutsch Gehstock. „Ich habe den aggressiven Mann auf Distanz gehalten, bis ihn andere Passanten zur Räson gebracht haben“, sagt Waltraud H. über ihre erste Praxis-Erfahrung in der Selbstverteidigung mit dem Gehstock.

Wie Rentner in Stuttgart in dem Cane-Fu-Kurs lernen, sich mit ihrem Stock zu verteidigen, sehen Sie im Video:

Waltraud H. ist eine der etwa zehn Teilnehmerinnen, die den Kurs beim Treffpunkt 50 plus im Treffpunkt Rotebühlplatz besuchte, der nun zu Ende gegangen ist. Die Teilnehmer haben eine Menge gelernt und schwingen den Stock gekonnt durch die Luft. Wie man mit einem Angreifer umgeht, weiß auch Elisabeth Bender: „Erst einen Stich in den Bauch, dann ein Schlag auf den Kopf.“ Wobei sie jemandem nur bei akuter Lebensgefahr ins Gesicht schlagen würde, so die 78-Jährige.

Gewalt als allerletztes Mittel

Denn dabei kann viel passieren. Jan Fitzner, selbst 62 Jahre alt, leitet den Kurs und ist Kampfsportexperte. Er trägt den 13. Grad in der Kung-Fu-Unterart Wing Chun, was in anderen Disziplinen ungefähr einem Schwarzgurt entsprechen würde. Auch mit philippinischen Stockkampfkünsten ist Fitzner vertraut. „Mit dem Stock kann man jemanden wirklich übel verletzen“, klärt er die Kursteilnehmerinnen auf – etwa ein Auge ausschlagen.

Hier sei wichtig, abzuwägen. „Es geht nicht nur um moralische Ermessensfragen, sondern es können auch ernsthafte rechtliche Konsequenzen drohen“, sagt Fitzner. Rentner, die sich bei Überfällen unverhältnismäßig brutal wehrten, seien deswegen auch schon vor Gericht verurteilt wurden. Der Kursleiter empfiehlt, Gewalt prinzipiell als allerletztes Mittel einzusetzen.

Selbstbewusstsein erlernen

Es ist auch nicht so, dass irgendjemand hier einfach losprügeln wollte. Viel mehr geht es den Kursteilnehmerinnen um ein gesundes Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, sollte es zu einem Ernstfall kommen. „Ich fühle mich jetzt sicherer, wenn ich aus dem Haus gehe“, sagt Elisabeth Bender.

So geht es auch Waltraud H., die sich neulich den Pöbler mit ihrem Gehstock vom Hals gehalten hat. Die Cannstatterin schwant auch schon, wann er das nächste Mal zum Einsatz kommen könnte: „Am Frühlingsfest, wenn die ganzen Betrunkenen unterwegs sind.“ Die sollten besser einem Bogen um die Rentnerin machen.

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