An der Uni Tübingen üben Schauspieler mit den Medizinstudierenden, wie sie den richtigen Ton gegenüber ihren Patienten finden. In Rollenspielen lernen sie Empathie.
Noch zeigt sich die Patientin entspannt, hockt gelassen im Bett und schaut eher erwartungsvoll als besorgt der Visite entgegen. „Wissen Sie denn schon, wann ich wieder nach Hause darf, Herr Doktor?“, fragt sie nach der Begrüßung. Der zieht erst mal einen Stuhl heran, so dass er ihr gegenüber auf Augenhöhe sitzt, das Klemmbrett mit ihren Falldaten auf den Knien.
„Sie müssen noch ein wenig Geduld haben“, sagt er. „Wir wollen noch mal schauen, woher genau Ihre Beschwerden kommen.“ – „Ist es denn was Schlimmes?“, fragt sie ein wenig beunruhigt.
Nun muss der Arzt zeigen, dass er sensibel schlechte Nachrichten überbringen kann. Es erschwert seine Aufgabe, dass er noch kein Doktor, sondern Medizinstudent im neunten Semester ist. Außerdem beobachten ihn bei dieser Visite zwölf Kommilitonen aus dem Nebenraum durch eine wandfüllende Glasscheibe, Stift und Checkliste griffbereit, um anzukreuzen, ob es ihm gelingt, der Patientin schonend, aber nicht beschönigend zu vermitteln, dass sie vermutlich an Krebs erkrankt ist. Dabei steckt hinter der ängstlich wirkenden Frau eine Simulantin: Ina Kuchenbuch, im Hauptberuf Schauspielerin und Sängerin, schlüpft seit drei Jahren in die Rolle einer Patientin, die angehenden Medizinern alle möglichen Krankheiten vorgaukelt.
Wie erkennt man Ängste und Hoffnungen?
Im „DocLab“, einer Abteilung der Uni Tübingen, schult sie ärztlichen Nachwuchs im empathischen Umgang mit Kranken. Die Kurse sollen helfen, neben körperlichem auch seelisches Leid wahrzunehmen, Ängste und Hoffnungen zu erkennen, Emotionen Raum zu geben und diese Emotionen auszuhalten. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit für Menschen, die ihre Berufung im Heilen und Helfen sehen.
Wohl auch deshalb erntete Howard Barrows, Neurologe, Medizinprofessor und Erfinder dieser Methode, nur Hohn, als er Anfang der sechziger Jahre auf einer Tagung seine Simulationspatienten der American Academy of Neurology ans Herz legen wollte. Heute lacht niemand mehr, denn inzwischen hat sich ein Paradigmenwechsel vollzogen. In den Vereinigten Staaten ist Barrows Methode als Prüfungsfach verankert, und seit zwanzig Jahren schauspielern Simulationspatienten an fast allen deutschsprachigen Universitäten. Künftige Ärzte profitieren davon, aber auch die Pflegekräfte, Rettungssanitäter, Physiotherapeuten, Psychologen und Psychiater von morgen. So sammeln Studierende nicht nur Wissen, sondern lernen es auch anzuwenden.
Im Tübinger DocLab begegnen sie zum Beispiel einer „adipösen Patientin“, voluminös an Hüfte und Hintern, durch einen zwanzig Kilo schweren Fettanzug aus Schaumstoff und Kunststoffgranulat aufgepolstert. Schwitzend stapft die Frau in einen Seminarraum, wo sie die Folgen einer Diabetes demonstriert. Die Studierenden sollen ihr eine passende Diät empfehlen, vor allem aber eins lernen: dabei einfühlsam zu sein.
Fehler ohne Folgen
Die Chancen dafür stehen gut. Die vermeintliche Diabetikerin kann ihren Auftritt im Gegensatz zu einer echten Patientin beliebig wiederholen. Fachärzte haben ihr geholfen, die Rolle realitätsnah zu spielen, ihre Kostümierung erhöht die Glaubwürdigkeit, und selbst falsche Ratschläge oder unsensible Äußerungen verursachen kein Leid. Besonders bei Untersuchungen unterhalb der Gürtellinie, wenn Schamgrenzen zu respektieren sind, können Studis üben und Fehler ohne Folgen für Kranke begehen. Gynäkologische Eingriffe werden zum Beispiel an einem Vaginalmodell durchgeführt, das sich unter dem langen Hemd einer Simulationspatientin verbirgt.
Die Auswahl an Requisiten in den medizinischen Fakultäten erinnert an den Fundus eines Gruselfilms: Kunstblut für simulierte Unfallopfer, Schminke für Blutergüsse, selbsthaftende Wunden, künstliche Arme und Beine, dazu passende Schwellungen und Geschwüre gehören zur Grundausstattung. Ebenso Ohropax zur Simulation eines Schwerhörigen, und gelegentlich auch Duftnoten, die ein Schauspieler in der Rolle eines betrunkenen Obdachlosen verströmt. In Lumpen gehüllt, nach Schweiß und Schnaps riechend, wird er auf einer Bahre in eine stilecht ausgestattete Sanitätsstation getragen – alles unverzichtbares Beiwerk, um ein Feingefühl zu verinnerlichen, das auch Patienten verdienen, die lallen und schimpfen.
Im Tübinger DocLab hat Medizinstudent Florian Kalb, 26, die Rolle des Herrn Doktor abgelegt und stellt sich der Kritik. Ein Dutzend Kommilitonen, die ihn vom Nebenraum aus beobachtet haben, empfangen ihn mit Beifall. Neben Psychotherapeutin Katrin Ziser, die den Kurs leitet, attestieren ihm alle, dass er seine Sache gut gemacht habe. Sie loben seine Körpersprache, die freundliche Hinwendung bei der Begrüßung, die Begegnung auf Augenhöhe und den ständigen Blickkontakt mit der Patientin. Kalb habe bedächtig und in kurzen Sätzen gesprochen, dabei taktvoll den Moment vorbereitet, in dem er den Krebsverdacht übermitteln musste. Etwas Kritik gibt es dennoch: Seine zu fachspezifische Reaktion auf das Entsetzen nach der Diagnose.
Klartext reden ist angesagt
„Kann ich denn an so etwas sterben, Herr Doktor?“, hatte Schauspielerin Ina Kuchenbuch gefragt. Florian Kalbs ausweichende Antwort: „Nicht jedes Karzinom muss letal verlaufen.“
„Weiß denn jeder Laie, dass letal tödlich bedeutet und ein Karzinom nichts anderes ist als Krebs?“, fragt eine Kommilitonin. Die Tutorin Katrin Ziser stimmt zu. Klartext reden, sei in jedem Fall angesagt, auch wenn’s wehtue. Die bittere Wahrheit, die sich hinter einem Fachbegriff verstecke, wirke letztlich bedrohlicher als ein offenes Wort.
Ina Kuchenbuch, die sich dazugesellt hat, moniert: „Ein bisschen zu viel drum herumgeredet haben Sie schon.“ Auf ihre wiederholte Frage, wann sie denn nach Hause dürfe, hätte die Gegenfrage nahegelegen, ob es daheim jemand gäbe, der sich um sie kümmere. Ist das schon zu viel Nähe? Die Studierenden diskutieren, wie weit Beistand gehen sollte. Ziser zieht klare Grenzen. „Eine Hand auf Arm oder Schulter eines fassungslosen Krebspatienten zu legen ist erlaubt“, sagt sie. „Aber Umarmen geht gar nicht, das wäre übergriffig.“
Der Kurs in medizinischer Menschlichkeit ist zu Ende. Katrin Zisers Ziel wäre erreicht, wenn sich Florian Kalb und die anderen Studierenden nach ihrer Ausbildung nicht in „Halbgötter in Weiß“ verwandeln, sondern als Diener ihrer Patienten auftreten, die auf Vitalwerte, aber auch in die Herzen der Leidenden schauen.