Normalerweise gehört kriminalistischer Spürsinn nicht zur Jobbeschreibung der Stadtmitarbeiter. In diesem Fall war dieser aber dringend gefragt. Foto: dpa

Ein Jahr lang saßen die Einwohner eines Stadtteils von Waldenbuch immer wieder auf dem Trockenen. Die Erklärung dafür fehlte. Jetzt kennt die Stadt den Grund – und er ist kurios.

Waldenbuch - Es konnte jeden treffen, zu jederzeit und völlig unerwartet. Das Shampoo schäumte gerade in den Haaren, da fing der Duschkopf an zu tröpfeln. Mitten beim Zähneputzen versiegte der Wasserfluss. Eben noch schoss eine Fontäne aus dem Gartenschlauch, dann lag er plötzlich schlaff im Gras. Ein Jahr lang haben die Einwohner im Waldenbucher Stadtteil Hasenhof mit der Frage gelebt: Was ist mit unserem Wasser los? Wer den Hahn aufdrehte, musste damit rechnen, ohne Vorwarnung auf dem Trockenen zu sitzen. Jetzt ist das Rätsel gelöst – und die Antwort überraschend und kurios.

Kriminalistischer Spürsinn gehörte bisher nicht zu den Qualifikationen, die vom Rathauspersonal der Schönbuchstadt erwartet werden. Der Bauamtsleiter Joachim Russ ist vor allem dann gefragt, wenn in der Kommune Straßen erneuert, Baugebiete geplant oder Leitungen verlegt werden mussten. Das hat sich im Frühjahr 2018 geändert. „Immer wieder haben sich Bewohner aus dem Stadtteil Hasenhof bei mir gemeldet und von Problemen mit dem Wasserdruck berichtet“, erzählt der Bauexperte.

Mal war dieser Haushalt betroffen, mal jener

Was er damals noch nicht wusste: Mit diesen Meldungen spülten die Bürger dem Amtsleiter ein handfestes Problem ins Haus. Gemeinsam mit dem Wasserversorger, dem Zweckverband Ammertal-Schönbuchgruppe (ASG), ging Joachim Russ auf Spurensuche. „Das Bild war diffus. Mal war dieser Haushalt betroffen, mal jener. Von einer Minute auf die andere war das Wasser wieder da. Auch bei den Tageszeiten ließen sich keine Regelmäßigkeiten erkennen“, berichtet er. Die Experten vermuteten Luft in der Leitung.

In den folgenden Wochen wurden Datenlogger ins Versorgungsnetz eingebaut, die zusätzliche Messdaten lieferten. Am Wasserhochbehälter wurde die Steuerung der Pumpen neu ausgerichtet. Die Einwohner des Hasenhofs – etwa jeder zweite Haushalt war betroffen – beteiligten sich an den Ermittlungen, fertigten Echtzeit-Protokolle an und schickten Videosequenzen von tröpfelnden Wasserhähnen ins Rathaus. Alles vergebens.

Plötzlich kamen die Detektive dem Verursacher auf die Schliche

Im Herbst 2018 kam die Wende. Das Wasser lief wieder zuverlässig aus der Leitung. Irgendetwas schien gewirkt zu haben. Doch die Freude war von kurzer Dauer. Im Mai 2019 liefen die nächsten Fehlermeldungen ein, und das kommunale Detektiv-Team musste seine Arbeit wieder aufnehmen. Die ASG änderte die Ermittlungstaktik, und kurz darauf stand fest: Irgendwo wird immer wieder eine große Menge Wasser aus dem Netz gezogen. Als Wasserschlucker aber kam nur einer in Frage: die benachbarte Tennisabteilung des TSV.

Die Tennisspieler hatten ihre Vereinsgaststätte für eine Anwohner-Information der Stadt im März zwar bereitwillig zur Verfügung gestellt, an der Versammlung aber nicht teilgenommen. „Wir selbst hatten ja keine Probleme“, sagt der technische Abteilungsleiter des Vereins, Manfred Buddrus. Hätte er genauer hingehört, wäre ihm aufgefallen, dass die Nachbarn stets dann auf dem Trockenen saßen, wenn auf den Sandplätzen die Beregnungsanlagen eingeschaltet wurden.

Telefonische Standleitung zu einer Betroffenen

Geklärt wurde der Fall dann bei einem Vor-Ort-Termin Anfang dieser Woche von Joachim Russ. Probeweise wurden die Wassersprenger in Gang gesetzt und über die telefonische Standleitung zu einer Anwohnerin mit dem Fließverhalten abgeglichen. Das Puzzle fügte sich zusammen: Weil die Beregnung der Sandplätze über zwei Speichertanks Probleme gemacht hatte, hatten die Sportler das System umgebaut und das Wasser direkt aus der Hauptleitung bezogen. Weder der Versorger noch die Stadt waren über die Baumaßnahme informiert worden.

„Das ist nicht optimal gelaufen“, stellt der Waldenbucher Bauamtsleiter fest. Das bedeutet aber nicht, dass die Stadt dem Tennisverein jetzt den Hahn abdreht. Denn die Erkenntnis, dass sie dem Hasenhof das Wasser abgegraben haben, lässt auch die Sportler nicht kalt. „Es tut uns unendlich leid“, sagt Manfred Buddrus. Im Winter will man auf ein neues Verfahren umstellen. Bis dahin werden die Tanks wieder aktiviert, die Zuleitung gedrosselt, und es darf nur jeweils ein Tennisplatz bewässert werden.

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