Mittlerweile wünschen sich auch viele Schüler eine solche Bushaltestelle im Egert. Foto: Rudel

Die ökologische Mustersiedlung Egert in Esslingen soll – immerhin 15 Jahre nach der ersten Planung – an den ÖPNV angebunden werden. Ganz freiwillig geschieht das nicht.

Esslingen - Fabian Dobeschinsky muss einen wirklich rabenschwarzen Tag gehabt haben. Normalerweise genießt der für den öffentlichen Nahverkehr in Esslingen zuständige Sachbearbeiter wegen seines Fachwissens in dieser komplexen Materie hohes Ansehen in der Verwaltung und im Gemeinderat. Doch am Mittwoch musste sich Dobeschinsky im Ausschuss für Technik und Umwelt derart harsche und deutliche Kritik an seiner Arbeit gefallen lassen, dass sich der SPD-Fraktionschef Andreas Koch am Ende genötigt sah, sich schützend vor Dobeschinsky zu stellen.

Des einen Pech ist in diesem Fall allerdings möglicherweise der anderen Glück. Denn als Resultat der Diskussion könnten die Bürger des oberhalb von Esslingen-Zell liegenden Wohngebiets Egert möglicherweise nun deutlich schneller als erwartet an das Busnetz angebunden werden.

Wobei: das Wort „schneller“ sollte man bei diesem Thema lieber nicht verwenden. Denn bereits vor zwölf Jahren ist der Grundstein für die Sonnensiedlung Egert gelegt worden. Doch auf die bereits damals angedachte Busanbindung – für eine ökologische Mustersiedlung eigentlich eine Grundvoraussetzung – warten die Bewohner noch heute. Zunächst war es die schleppende Vermarktung des Egert, die die Dringlichkeit einer Haltestelle in Frage stellte, später fehlte das Geld zur Erweiterung des Busnetzes.

1200 Meter Fußmarsch zum Bahnhof in Zell

Mittlerweile aber wohnen 350 Menschen im Egert, davon 150 Kinder und Jugendliche. Bis 2020 sollen es dann sogar 500 Menschen – darunter 220 junge Menschen – sein. Weil diese aktuell 1200 Meter Fußweg und 80 Höhenmeter auf ihrem Weg vom Zeller Bahnhof auf den Egert zu bewältigen haben, hat sich der Esslinger Jugendgemeinderat des Themas angenommen. Die Mitglieder haben sich dabei intensiv mit dem Vorschlag eines Bürgers aus dem Jahr 2015 beschäftigt und eine eigene Variante zur nahezu kostenneutralen Anbindung des Egert erarbeitet.

Der Vorschlag: statt innerhalb einer Stunde zwei Mal die vom Zeller Bahnhof gerade einmal 450 Meter entfernte Haltestelle in der Johannesstraße anzufahren, könnte die Linie 102/103 doch hier nur noch einmal halten und stattdessen den Schwenk hinauf ins Wohngebiet Egert zum dortigen Lindenplatz fahren.

An dieser Stelle kommt Fabian Dobeschinsky ins Spiel. Er hatte offenbar keine große Lust, sich mit diesem Projekt zu beschäftigen und kramte aus seiner Schublade eine ganze Reihe sonderlich anmutender Argumente hervor, warum das nicht möglich sei. Zum einen sei die Verschlechterung des Angebots in der Johannesstraße nicht wünschenswert. Zum anderen fehle ein Toilettenhäuschen am Lindenplatz, die Busfahrer hätten wegen des Abstechers ins Egert zu kurze Ruhezeiten und auf dem Lindenplatz gebe es nur eingeschränkte Wendemöglichkeiten, weil auf der Linie 102 und 103 demnächst 18-Meter-Gelenkbusse eingesetzt werden sollen.

Jugendgemeinderat wider- und zerlegt die Argumente

Hatte Fabian Dobeschinsky gehofft, damit die offensichtlich unliebsame Anfrage des Jugendgemeinderats zu den Akten legen zu können, so sah er sich gewaltig getäuscht. Denn die Jungpolitiker haben sich intensiv mit den Argumenten beschäftigt – und sie fast alle wider- und zerlegt. Der Lindenplatz habe einen Durchmesser von 25 Metern und sei damit sieben Meter größer als das für einen Wendekreis gefordert werde. Zudem sei es unwahrscheinlich, dass die Stadt eine ökologische Mustersiedlung geplant – die Wendemöglichkeit für einen Bus aber nicht berücksichtigt habe.

Auch haben die Jugendgemeinderäte gestoppt und festgestellt, dass die Ruhezeiten der Busfahrer derart lang sind, dass es ohne Probleme möglich wäre, die Egert-Runde einmal pro Stunde einzubauen. Und an einem Toilettenhäuschen dürfe ein solch wichtiges Verkehrsprojekt nun wirklich nicht scheitern.

Dobeschinskys Vorgesetzter, der Finanzbürgermeister Ingo Rust, zog schließlich die Notbremse. Eigentlich wollte Rust den Egert erst im Rahmen des Projekts „Attraktivierung des ÖPNV“ an das Busnetz anbinden. Jetzt sagte er zu, noch einmal intensiv die vom Jugendgemeinderat geforderte Änderung zu prüfen und gegebenenfalls als Interimslösung einzuführen.

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