Manche Vorschrift wirkt wie aus der Zeit gefallen - und gilt trotzdem noch in den Ferienorten rund um den Globus. Foto: Fotolia/Thomas Lachemund

Die Zeiten ändern sich, manch seltsames Gesetz bleibt. Ein Badeort an der spanischen Küste hat endlich sein Regelwerk überarbeitet.

Wenn sich sowieso jahrzehntelang keiner mehr daran hält, könnte langsam der Moment gekommen sein, Vorschriften ein wenig an den Zeitgeschmack anzupassen. Oder sie einfach zu streichen. Oder, noch besser, sich ein paar neue Regeln einfallen zu lassen, weil es wichtig rüberkommt, welche zu haben. Auch, weil es sich lohnen könnte, bei Zuwiderhandlung eine von vornherein festgelegte Gebühr für das Vergehen einzusammeln und damit die klamme Gemeinde-Spardose zu füllen. Im Ferienort Javea an der spanischen Costa Blanca jedenfalls galt bis vor kurzem noch die Strandverordnung von 1953, die längst von der Wirklichkeit überholt war. Jetzt ist sie offiziell hinfällig - und erst bei der Gelegenheit wird klar, dass sich hier knapp 100 Prozent aller Badegäste bereits seit einer gefühlten Ewigkeit und in größter Ahnungslosigkeit eines Vergehens schuldig machten.

Nur im Bademantel an den Strand

Denn vorgeschrieben war seit über einem halben Jahrhundert, zusätzlich zu Bikini oder Badehose den ansonsten nackten Leib mit einem Bademantel zu verhüllen, bis man ins Wasser ging - und sobald man in Gänze dem Mittelmeer entstiegen war, wieder in den Tiefen eines solchen Kleidungsstücks zu verschwinden. Aufs Abkassieren einer Gebühr haben die Stadtoberen dennoch verzichtet - zu viel Aufwand, zu viel Ärger und irgendwie auch kontraproduktiv, wenn man vom Fremdenverkehr lebt und der im Wesentlichen aus sommerlichem Badetrubel besteht und die Zeiten sich dann doch gründlich geändert haben, ohne dass der Vorschriften-Codex mit gereift ist.Auch ortsansässige Gastwirte wurden längst nicht mehr belangt, wenn sie ihre Bars und Restaurants an der Promenade und anderswo nicht schlossen, sobald eine Prozession durch den Ort zog. Auch das wäre nach dem bis dato unrevidierten Regelwerk vorgeschrieben gewesen.

Man ging offenbar in Javea recht cool um mit den überholten Maßgaben. Aber wer korrekt sein will, kann es nicht beim Schulterzucken belassen. Es musste Rechtssicherheit her. Deshalb hat die Gemeinde die alten Vorschriften kürzlich offiziell gestrichen - und zugleich neue auf der Höhe der Zeit erdacht, erlassen, verkündet und sogar die passende Gebührenordnung mit veröffentlicht. Demnach ist Sex am Strand und auf öffentlichen Plätzen nun in Javea verboten und wird mit 200 Euro Buße belegt, wenn man sich erwischen lässt. Schlimmer noch ist, sich auf der Straße zu prostituieren - Kostenpunkt 750 Euro. Genauso teuer wird es, trotz gehisster roter Badeverbot-Fahne ins Meer zu gehen: auch 750 Euro. Schließlich muss die Verhältnismäßigkeit gewahrt sein.

Was steckt hinter den neuen Regeln?

Ob die Strafen kassiert werden, ob die Zahl der Streifengänge erhöht wird und ob diese Regeln überhaupt notwendig sind? Alles unklar. Das eher beschauliche Javea steht ohnehin nicht im Ruf, ein Sündenpfuhl der freien Liebe zu sein - ob gratis oder gegen Geld. Was dann dahintersteckt? Vielleicht die Hoffnung, diesmal Regeln aufgestellt zu haben, die auch in einem halben Jahrhundert noch gesellschaftlicher Standard sind. Allein ist der Badeort mit seinen zur Schmonzette geeigneten Regeln jedenfalls bei weitem nicht - jedenfalls nicht im globalen Kontext der Ferienziele. Das beginnt damit, dass selbst im vergleichsweise liberalen Dubai öffentlich zur Schau gestellte Zärtlichkeiten nicht erlaubt sind. Das gilt auch für den kurzen Kuss unter langjährigen Eheleuten. Tatsächlich verfolgt wird so etwas freilich fast nie. Und geschieht es doch einmal, muss die Zärtlichkeit derart heftig ausgefallen sein, dass sich auch bei uns in Westeuropa die Passanten danach umgedreht hätten.

Kurioser noch sind viele Regionalgesetze in den USA: So ist es Fußgängern im Bundesstaat Connecticut zum Beispiel ausdrücklich verboten, eine Straße im Handstand zu überqueren. In Alabama ist es Männern bei Strafandrohung untersagt, im Beisein von Frauen auf den Boden zu spucken. In der Stadt Miami im Sonnenstaat Florida, immerhin mit vielen Stränden gesegnet, ist es Männern verboten, in der Öffentlichkeit einen Morgenmantel ohne Gürtel zu tragen - eine weitsichtige Regelung, die auch gut in die modernisierte Badeordnung von Javea passen würde. Angeblich drückt die Polizei bei fehlendem Gürtel dann fast immer beide Augen zu, wenn man sich denn wenigstens zuvor im heimischen Ankleidezimmer entschieden hat, irgendwas anzuziehen, bevor man den geliebten Morgenmantel übergeworfen hat. Jedenfalls sobald es über Socken hinausgeht - und den Mitmenschen ein Grundverständnis von gesittetem Auftreten signalisiert.

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