Der Turner Milan Hosseini stammt aus Heilbronn. Im Gegensatz zu anderen Talenten trainiert er aber nicht im Stuttgarter Kunst-Turn-Forum, sondern in Berlin. Was steckt dahinter? Und welche Ziele hat er für den DFB-Pokal in der Stuttgarter Porsche-Arena?
Wer rund ein Jahr zurückblickt, auf den DTB-Pokal 2022, der kann auf den Bildern zweierlei erkennen: einen Milan Hosseini mit einem wahrlich glücklichen Lächeln im Gesicht. Und tatsächlich schwärmt der Turner auch heute noch von seinem Debüt bei dieser traditionsreichen Veranstaltung in Stuttgart: „Ich hätte mir damals keinen besseren Start vorstellen können.“ Was man auf den Fotos aber auch erkennen kann: teils leere Tribünen.
Die 37. Ausgabe jedenfalls war noch von Corona geprägt. Nun, ein Jahr später, soll die Stimmung zurückkehren, es soll also so werden, wie es Hosseini aus seiner Kindheit kennt.
Aus kindlicher Begeisterung wurde ein Lebensinhalt mit Ambitionen
Damals war der Knirps als Zuschauer zu Gast beim DTB-Pokal, „krass“ fand er es dann, als er im vergangenen Jahr selbst dort antreten durfte. Überraschend war das zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr. Denn aus der kindlichen Begeisterung für das Turnen („Ich sah die Sportler, ihre Salti und alles, was sie konnten. Das fand ich faszinierend und wollte es auch können“) ist beim heute 21-Jährigen längst ein Lebensinhalt mit großen Ambitionen geworden. Von Freitag an tritt Milan Hosseini als Mitglied der deutschen Nationalmannschaft erneut beim DTB-Pokal an.
Auf ein „besonderes Gefühl“ freut sich der Turner, der einen guten Mehrkampf abliefern möchte. Auch, um Sicherheit zu bekommen für die darauffolgende Woche, wenn eine EM-Qualifikation ansteht. 2022 wurde er in Stuttgart zweimal Dritter (Boden/Team), es folgte im weiteren Verlauf des Jahres der deutsche Meistertitel am Boden und eine WM-Teilnahme als Ersatzturner. Nach einem Jahr, in dem er wegen einer Operation an der Schulter hatte kürzertreten müssen, war das mehr, als er erwartet hatte.
„Ich habe erstmals wieder alle Geräte turnen können und das letztes Jahr gut hinbekommen“, sagt Hosseini, „ich hoffe, dass es in diesem Jahr so weitergeht.“ Den ersten Beleg dafür hat er geliefert. Beim Weltcup in Cottbus „hat er eine gute Bodenübung gezeigt“, sagt Valeri Belenki, der Bundestrainer. Diese wurde mit Platz zwei belohnt. In Stuttgart will er diese Leistungen bestätigen, um sich nicht nur für die EM, sondern auch für die WM im Herbst zu empfehlen. „Er ist ein junger Turner, der das Potenzial für einen Finalplatz bei der EM hat“, sagt Belenki, „wenn alles klappt, nehmen wir ihn mit nach Antalya.“ Hosseinis Blick geht noch weiter.
Die Olympischen Spiele in Paris im Visier
Im kommenden Jahr finden in Paris die Olympischen Spiele statt. Zwar hat er mit seinen 21 Jahren noch genügend Zeit für viele folgende Karriere-Highlights, die Spiele quasi vor der Haustür üben dennoch einen gehörigen Reiz auf den jungen Turner aus. „Da wäre ich schon gerne dabei“, sagt Milan Hosseini – und weiß: „Unmöglich ist das nicht.“ Beinahe ein Heimspiel wäre Olympia im Nachbarland. Ein echtes Heimspiel dagegen ist der DTB-Pokal am Wochenende in Stuttgart – einerseits. Andererseits hat das Turntalent trotzdem eine mehrstündige Anreise zu bewältigen. Wie das zusammenpasst? Da lohnt der Blick ins Jahr 2015.
Bis dahin turnte Milan Hosseini hauptsächlich in seinem gewohnten Umfeld bei der TG Böckingen in Heilbronn. Ab und an ging es nach Stuttgart zu den Einheiten im Kunst-Turn-Forum. Im Alter von 14 Jahren wurde klar: So geht es nicht weiter. „Ich hatte richtig Lust aufs Turnen, aber es war klar, dass ich dafür an einen Bundesstützpunkt wechseln musste“, erinnert sich Hosseini.
Der Umzug nach Berlin hat sich gelohnt
In Stuttgart hatte es mit einem Internatsplatz nicht geklappt, täglich von Heilbronn in die Landeshauptstadt pendeln wollte er nicht. Am Ende habe ihm „das Gesamtpaket in Berlin am besten gefallen“. Also zog er als Teenager ans Sportinternat in der Bundeshauptstadt. „Das war ein großer Schritt“, bestätigt er – zieht aber nach fast acht Jahren ein positives Zwischenfazit: „Stand jetzt hat es sich gelohnt.“
Sein Abitur hat er mittlerweile in der Tasche, turnerisch stimmt der Weg. Nun will er sich weiterentwickeln, Kraft aufbauen, seine Übungen schwieriger gestalten und technisch noch besser werden – um dann eben tatsächlich einmal unter den olympischen Ringen zu turnen. „Das ist der Traum“, sagt der Bodenspezialist, „dafür arbeite ich.“ Meist in Berlin, am Wochenende aber mal wieder in Stuttgart.