Man bleibt heute gerne auf Distanz – auch bei Ausstellungsbesuchen Foto: Steffen Schmid

Eine 2014 vorgelegte Studie bescheinigte dem Kunststandort Metropolregion Stuttgart wenig Magie. Weitere Galerieabwanderungen verschieben auch aktuell die Kräfteverhältnisse – mit ungewissem Ausgang, befindet „Stuttgarter Nachrichten“-Autor Nikolai B. Forstbauer.

Stuttgart - Wie geht es eigentlich Künstlerinnen und Künstlern im Südwesten? 2013 wollte es das Kunstbüro der Kunststiftung Baden-Württemberg genau wissen. Unter dem Titel „Baden-Württemberg: ein Ort für junge Künstler“ gab man bei der Agentur Urban Media Project mit Sitz in Offenbach eine Studie zum Thema in Auftrag.

Düstere Bestandsaufnahme schon 2014

Ein halbes Jahr wurde nachgefragt, dokumentiert und analysiert. Befragt wurden Künstlerinnen und Künstler zwischen 25 und 35 Jahren, die entweder ihren Abschluss schon gemacht hatten oder dabei waren, ihr Studium zu beenden. Im Februar 2014 konnte unsere Zeitung die Studie exklusiv veröffentlichen. Das Kernergebnis? Baden-Württemberg sei wohl als Ausbildungsort attraktiv, weit weniger aber als Lebens- und Arbeitsort für Künstlerinnen und Künstler. „Die Städte im Südwesten“, hieß es seinerzeit, „sind fertig und bieten aus ­diesem Grund keinen Raum für künstlerische Intervention und Aktion.“

Die leicht düstere Sicht auf die Kunstdinge im Land spiegelte sich auch im Blick auf den Kunststandort Stuttgart. Und danach gefragt, was eine solche Bestandsaufnahme wert sei, sagte Petra Olschowski, seinerzeit Rektorin der Kunstakademie Stuttgart: „Nichts, wenn es dabei bleibt. Dann wird die Studie schnell verschwinden. Für mehr bräuchte man präzisere und genauere Informationen. Und dann hat sich für die Künstler die Situation noch lange nicht verbessert.“ Deshalb, so Olschowski, inzwischen Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, im Februar 2014, „müsste man jetzt diskutieren, welche Ergebnisse der Umfrage kulturpolitisch ernst genommen werden können und müssen und welche Konsequenzen sie mit sich bringen. Und dann müsste man dement­sprechend handeln.“

Schmerzende Abgänge

Gehandelt haben einige der unmittelbar Beteiligten: Die Galerie Klaus Gerrit Friese residiert seit 2015 in Berlin, die Galerie ­Parrotta wechselt im September ihren Standort und zieht ins direkte Kölner ­Umfeld, die ­Galerie Mueller-Roth hat ihre Präsenz 2014 weiter eingeschränkt und agiert aktuell aus einem Projektraum, die Galerie Franke stellt ihre Arbeit zum Herbst ein. Doch auch die Zeit des ursprünglich ­wesentlich durch Impulse aus der Kunst­akademie befeuerten Ausstellungs- und Projektraumes Lotte ist vorbei.

Noch gar nicht begonnen hat derweil die erst angedachte Zukunft des Kunstgebäudes am Schlossplatz als spartenübergreifende Kunstbühne.

Engagement und Ratlosigkeit

Positives? Ja, in Stuttgart haben auch ­Galerien eröffnet (von Braunbehrens, Kerstan), und ja, in den Städtischen Galerien im Kern der Metropolregion ist der Generationswechsel abgeschlossen. Und immer wieder wird die Dialogqualität der Kunstschaffenden und der Kunstvermittler gelobt. Und – ist es nicht normal, wenn Privatgalerien ihren Standort dorthin verlagern, wo sie sich für ihre Künstlerinnen und Künstler mehr Resonanz erhoffen?

Ist also ein Satz von Klaus Gerrit Friese Geschichte? Friese hatte 2014 gesagt: „Insgesamt bin ich ratlos: Es gibt weder eine Koordination der Beteiligten noch einen Draht zu den relevanten Gestalten, noch eine Ahnung, wie dieser herzustellen ist. Ein kleines Beispiel: Der Wunsch nach bezahlbaren ­Ateliers ist gut. Aber fehlen nicht auch die Leute, die eine Atmosphäre ausstrahlen, dass Künstler hier sein wollen?“

In Berlin ist Stuttgart nochmal so schön

In Berlin ist Stuttgart nochmal so schön

Dieser Widerspruch bleibt: Friese freut sich in Berlin über Interesse gerade aus Stuttgart, das er während seiner Arbeit in der baden-württembergischen Landeshauptstadt vermisste. Und auch dieser ­Widerspruch gilt: Sandro Parrotta entschloss sich zum Wechsel, nachdem man in Stuttgart sein Nutzungskonzept für einen der Hochbunker als zu wenig tragfähig ­erachtet hatte.

Schritte in die Breite

Zurück aber zum Positiven: Der Württembergische Kunstverein Stuttgart gibt (wie stets in seiner Geschichte der vergangenen 50 Jahre) der Vernetzung von Künstlerinnen und Künstlern weiter Rückendeckung. Und offenbar beflügelt vom Erfolg der Premiere, bietet das Galerienhaus Stuttgart mit den Galerien Horst Merkle, Schacher – Raum für Kunst sowie Kerstan unter dem Titel „Galerien Haus Open“ die zweite Auflage einer Gruppenschau, „die Künstlerinnen und Künstler berücksichtigt, die (noch) nicht im festen Programm der im Galerienhaus Stuttgart ansässigen Galerien sind und teils noch von gar keinem Galeristen regelmäßig repräsentiert werden“. Vorgestellt werden 29 Künstlerinnen und Künstler, die Eröffnung ist am 14. Juli.

Bietet vielleicht der Schritt in die Breite einen Ausweg aus einer Spirale, die Privatgalerien in den vergangenen Jahren immer stärker in Bedrängnis gebracht hat? Die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Kunstgegenstände auf 19 Prozent ist hier ebenso zu nennen wie die Mitfinanzierung der Künstlersozialkasse oder die Kosten des ­Urheberschutzes auch bei Weiterverkauf.

Kunsthandel vor Ort ist insgesamt in Gefahr

„Der Kunsthandel schützt, forciert und vitalisiert die Kunst – indem er sie in einem Kreislauf erhält“, sagte Birgit Maria Sturm, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Deutscher Galerien, jüngst unserer Zeitung. „Das“, so Sturm weiter, „ist eine Kulturleistung, die nicht hinreichend gewürdigt wird.“ Und sie warnte: „Folgerechte, Künstlersozialabgabe, asymmetrische Umsatz­besteuerung, Urheberrechte und nun die grotesken Untiefen des Kulturgutschutz­gesetzes mit unerfüllbaren Normen: Unser Markt wird von Restriktionen, Bürokratie und Sonderabgaben regelrecht stranguliert. Chapeau vor jedem Kunsthändler, der dem standhält.“

Der nächste Gradmesser für die Stand­festigkeit der Galerienszene in Stuttgart ist Ende September das zweitägige Galerienwochenende Art Alarm.