. .. hier vor dem Museum Kunstwerk in Nussdorf Foto: Drescher

Er ist in Stuttgart geboren, hat in Eberdingen-Nussdorf die Rectus AG groß gemacht und gibt dem Ort „gerne etwas zurück“. Gemeinsam mit seiner Frau Alison zählt Peter W. Klein zu den engagiertesten Kunstförderern im Land. Unser Autor Nikolai B. Forstbauer ist den Spuren Kleins zwischen Nussdorf und New York gefolgt.

Stuttgart - Hoch erhebt sich der Schlossturm über das Land – die Anfahrt nach Nussdorf, 35 Kilometer von Stuttgart entfernt, gäbe eine gute Postkartenfolge ab. Aber sind Post­karten nicht von vorgestern? In der Nahaufnahme könnte man es fast glauben. Das Schloss, ein historisierender Neubau von 1878, wirkt doch ein wenig aus der Zeit gefallen. Längst nicht mehr genutzte ­Gewächshäuser direkt gegenüber ver­stärken den Eindruck. Mehr noch das Gefühl, dass Nussdorf hier eine Weichenstellung vornehmen kann – hinein in das ­Immobilienwachstum oder auf zur Neubestimmung des Schlossareals insgesamt.

Nussdorfs Wegmarken: Das Schloss und das Kunstwerk

Am anderen Ende des Ortes mit seinen 1900 Einwohnern ist diese Frage schon entschieden. Kurz nach dem Ortsschild geht es links ab in ein Gewerbe­gebiet. Doch nicht nur immer mehr Ein­familienhäuser verändern das Areal, auch das Doppel aus dem privaten ­Kunstmuseum Kunstwerk und dem angrenzenden CafeK.

Kunstwerk? Ein Museum mit diesem ­Namen formuliert einen Anspruch, ein Selbstverständnis, eine Überzeugung. Seit 2007 gibt es das Museum ­Kunstwerk, 15 000 Besucher kommen pro Jahr, um die Werke aus der Sammlung internationaler Gegenwartskunst von Alison und ­Peter W. Klein zu ­sehen. Was diese Sammlung ausmacht? „Die Kleins“, sagt der Berliner Galerist Klaus-Gerrit Friese, „haben etwas Faszinierendes: Sie sind von den Inhalten, der Aussage von Kunst angezogen. Diese Aussagen machen sie zu ihrer – und vermitteln sie dann auch mit allem Nachdruck“.

Erinnerung an die Rectus AG

Und weil zu jedem guten Ort der Kunst ein gutes Café gehört, „aber auch, um in Nussdorf einen Ort der Begegnung zu ­schaffen“, hat Apfelkuchenliebhaber Klein mit dem ­CaféK auch dafür ­gesorgt.

Peter W. Klein, 1947 in Stuttgart geboren, kommt aus einer Unternehmerfamilie und ist bis heute auf verschiedenen Geschäftsfeldern tätig. Bis 2007 war er Vorstandsvorsitzender und Inhaber der Rectus AG in Nussdorf. 1974 in das väterliche Unternehmen eingetreten, führte er von da an die ­Geschäfte des Herstellers von Schnell­verschluss-Kupplungen. 2007 dann der „wegweisende Entschluss“: Klein verkauft das inzwischen zu einer weltweit agierenden Gruppe ent­wickelte Unternehmen an die Parker ­Hannifin Corp. in Cleveland.

Heute wehen die Parker-Fahnen ­in ­Nussdorf fast ein ­wenig demonstrativ – und der Schriftzug „Rectus“ auf einem Silo vor den Fabrikations- und Lagerhallen transportiert ein Stück Nostalgie. Erinnert auch an die Zeit, als Kunstwerke in den ­Firmenräumen präsentiert wurden. Seit den 1980er Jahren bauen Alison und ­Peter W. Klein ihre Sammlung auf. Das thematische Schwergewicht heißt zunächst Kunst mit Fotografie. Sichtbar wird das Engagement, als sich ­das Paar nach dem Verkauf des Unternehmens über die mit fünf ­Millionen Euro Grundkapital ausgestattete Alison-und-Peter-Klein-Stiftung verstärkt sozialen und kulturellen Belangen widmet und in Nussdorf das ­Museum Kunstwerk (1000 Quadratmeter Ausstellungsfläche) ­eröffnet wird.

Zwischen Nussdorf und New York

Investitionen in New York

Noch zuvor aber investiert Peter W. Klein in ein neues Unternehmen. Er erwirbt das­ Relais & Châteaux Hotel Glenmere Man­sion im ­Lower Hudson Valley in New York (80 Kilometer nördlich von New York City). 125 Werke von Kunstgrößen wie ­Robert Motherwell, Helen ­Frankenthaler oder Robert Rauschenberg sind in den 18 ­Suiten und Gästezimmern sowie in den öffentlichen Räumen der Anlage zu finden. Zudem schufen jüngere Künstlerinnen und Künstler Auftragswerke für spezielle Räume.

Drei Jahre dauern die denkmalgerechte Sanierung des Areals und weitere Vorarbeiten, 2010 eröffnet Glenmere Mansion. Einst Wohnsitz einer wohlhabenden Industriellenfamilie, war Glenmere einer der edelsten Landsitze Amerikas – entworfen von dem Architekturbüro Carrere & ­Hastings, das auch für die berühmte New York Public Library verantwortlich war. Die ­Mansion bietet Ausblicke auf den Glenmere Lake, ist umgeben von italienischen Gärten sowie 60 Hektar ­Ländereien. „Das Hotel habe ich noch“, sagt Peter W. Klein nur, wenn man ihn auf das Projekt ­anspricht. Dann glänzen seine Augen doch – Glenmere Mansion ist schließlich eine feste Adresse nicht nur für die US-amerikanische Prominenz.

In Nussdorf begrüßt schon mal der Chef

Auf der anderen Seite des Atlantiks wird man Peter W. Klein nicht am Empfang ­sehen. In Nussdorf schon. Zwei Führungen gibt es an einigen Sonntagen – um 11.30 Uhr und 15.30 Uhr. Und wenn Museumsleiterin Valeria Waibel mit den ­Besuchern im Haus unterwegs ist, werden im Foyer weitere Gäste schon mal von einem so freund­lichen wie zurückhaltenden Herrn begrüßt.

Intensive Vermittlungsarbeit

„Ich freue mich über jeden, der kommt“, sagt Klein. Vor allem über ­Kinder und ­Jugendliche. „Die intensive Zusammenarbeit mit den Schulen in der ­Region“, sagt Klein, „ist ein ganz wichtiger Baustein“. Folglich unterstützt er jetzt, da das Kunstmuseum Stuttgart wichtige Eckpunkte des Klein-Panoramas vorstellt, vor allem die Vermittlungsarbeit. Das Sammlerpaar finanziert freien Eintritt – freitagabends ­sowie an den Wochenenden. Auch die ­Führungen (Freitag 18 Uhr, Samstag 16 Uhr sowie Sonntag 15 und 16 Uhr) sind ­kostenlos. „Ein großartiges Angebot“, sagt Kunstmuseums­direktorin Ulrike Groos.

Nussdorf – New York – Nussdorf

Nussdorf – New York – Nussdorf. Das ist die ­Peter-W.-Klein-Strecke. Mehr noch aber zählt für ihn eine andere Entfernung. 42,195 Kilometer. Die Marathonstrecke. „Ich brauche das“, sagt Klein. Auch, weil man ohne langen Atem eine Kunstsammlung nicht weiter­entwickeln kann? Notwendige Dialoge auch nicht? „Für mich“, sagt Klein, „sind nach wie vor die öffentlichen Museen die Eckpfeiler der Kunst.“ Jedoch: „Die Welt hat sich gewandelt. Die öffent­lichen Kassen haben kein Geld mehr, auch die Kunst­museen müssen dem ins Auge sehen. Wir privaten Sammler sind es eigentlich, die heute den Markt am Laufen halten und jungen Künstlern die Möglichkeit geben, ­Anerkennung zu erlangen.“

Folglich ist für Alison und Peter W. Klein, die neben internationaler Gegenwartskunst auch die größte Privatsammlung an Kunst der Aborigines hüten, klar: „Da ­werden ­viele Dinge kommen, über die wir heute noch gar nicht nachdenken.“

Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart

Hommage an Sean Scully

Vielfältig sind Alison und Peter W. Klein dem Kunstmuseum Stuttgart verbunden. Am spektakulärsten bisher: Die Sicherung des Bildes „Gewitter am Abend“ (1942) von Otto Dix für die Sammlung des Kunstmuseums Stuttgart im Dezember 2014.

Aktuell zeigt das Kunstmuseum Stuttgart einen umfassenden Einblick in die Sammlung Klein. Der Titel „Über den Umgang mit Menschen, wenn Zuneigung im Spiel ist“ (bis zum 5. November, Di bis So 11 bis 18, Fr 11 bis 21 Uhr) verweist auf eine Arbeit von Anna Oppermann (1940–1993), ist aber auch Hinweis auf das Selbstverständnis des Sammlerpaars. Zentral präsentiert in der Schau sind Bilder des irisch-amerikanischen Malers Sean Scully.

Um Scully geht es auch im Museum Kunstwerk in Nussdorf. Bis zum 22. Dezember ist dort die Schau „Both – beide“ mit Bildern von Scully und Liliane Tomasko zu sehen. Es ist die erste ­gemeinsame Ausstellung des meist in New York lebenden Künstlerpaars.

Das ist Nussdorf

Nussdorf ist Teil der Gesamtgemeinde Eberdingen. Sie entstand 1975 durch den Zusammenschluss von Eberdingen, Hochdorf und Nussdorf. Nussdorf hat knapp 2000 Einwohner.

Urkundlich erwähnt wird der Ort erstmals um 1100 nach Christus. Die Besitzverhältnisse wechselten oft– vom Kloster Hirsau zu den Grafen von Vaihingen, an die Trucksessen von Höfingen, die Freiherren und Grafen von Reischach und das Haus Württemberg. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Dorf zu drei Viertel zerstört. Als Baudenkmale gelten das Schloss und die ehemalige ­Friedhofs- und jetzige Pfarrkirche zum Heiligen Kreuz.

Anlaufpunkt ist seit der Eröffnung im Oktober 2007 das private Kunstmuseum Kunstwerk (Siemensstraße 40, Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr). Zu sehen ist die Sammlung von Alison und Peter W. Klein. Der Neubau entstand in Teilen auf dem Firmengelände der Rectus AG, die Klein 2007 an die US-amerikanische Parker-Gruppe verkauft hatte. Der ­Eintritt ist frei. Die Teilnahme an ­Führungen – die nächsten finden statt am Sonntag, 20. August, um 11.30 Uhr und um 15 Uhr – kostet 5 Euro.

www.sammlung-klein.de

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: