Vordenker, Analyst, harter Arbeiter: Kunstrad-Bundestrainer Dieter Maute ist ein Erfolgsgarant, der stets seine Athleten in den Fokus stellt – mit denen ihm Einmaliges gelungen ist.
Selbst in dem Moment, in dem er in der Sportwelt Einmaliges erreicht hatte, stand nicht er selbst im Fokus. Das Rampenlicht gehörte seiner Athletin. Dieter Maute jubelte in der voll besetzten Arena in Göppingen mit Jana Pfann, nahm sie in den Arm, beglückwünschte die neue Weltmeisterin im Kunstradfahren. Und dachte nicht an seine eigene Lebensleistung – obwohl sie kaum zu toppen sein wird.
Dieter Maute (58) ist nicht nur eine lebende Kunstrad-Legende. Sondern nun auch der Mann mit den 100 WM-Titeln. „Diese Zahl war nie ein Ziel“, sagte er, „mir ist immer nur wichtig, dass die Rechnung für meine Sportler aufgeht.“ Das hat so gut funktioniert, dass unter dem Strich eine Bilanz steht, die kein anderer Coach vorzuweisen hat.
Den Job von Vater Manfred Maute übernommen
Dieter Maute war selbst ein höchst erfolgreicher Kunstradfahrer. Er holte zwischen 1986 und 1995 fünfmal WM-Gold, erfand den nach ihm benannten Maute-Sprung vom Sattel auf den Lenker, war immer ein Vordenker, Methodiker, Analytiker. Und damit prädestiniert für die Karriere nach der Karriere. 2003 übernahm er von seinem Vater Manfred Maute, dem dreimaligen Weltmeister, der in diesem Sommer im Alter von 85 Jahren verstorben ist, den hauptamtlichen Posten als baden-württembergischer Landestrainer, wurde zudem noch Honorar-Bundestrainer – und schrieb seine einmalige Geschichte weiter.
Die Premiere als WM-Coach feierte Dieter Maute im französischen Schiltigheim, einschließlich der Titelkämpfe 2024 in Bremen holte das deutsche Kunstrad-Team seither unglaubliche 91 Titel. Nun folgten in Göppingen vor voll besetzten Rängen in einer großartigen Atmosphäre die Triumphe von Jana Pfann (Frauen-Einer), Philipp-Thies Rapp (Männer-Einer), Henny Kirst/Antonia Bärk (Frauen-Zweier) sowie Lea-Victoria Styber/Nico Rödiger (Zweier, offene Klasse). Zusammen mit seinen eigenen Siegen und den fünf zweiten Plätzen, die er einst eingefahren hat, kommt Dieter Maute nun auf 100 Gold- und 96 Silbermedaillen, an denen er direkt beteiligt war – und auf die er auch ein bisschen stolz ist. „Das könnte ja eine Schlagzeile wert sein“, meinte er mit einem Schmunzeln, das überdeckte, wie viel Arbeit hinter diesen Erfolgen steckt: „Der Kunstradsport begeistert mich, aber er bestimmt auch mein Leben. Rund um die Uhr.“
Dieter Maute ist Ratgeber und Problemlöser
Diese Aussage zeigt, wie Dieter Maute, der in Albstadt lebt, seinen Job versteht: Er beginnt und endet nicht an der Tür der Sporthalle. Ganz im Gegenteil. Mit unvergleichlichem Fachwissen trainiert er Anfänger und WM-Gewinner mit der selben Akribie und Empathie, doch er formt seine Schützlinge nicht nur sportlich. „Ich begleite Menschen auf einem langen, schwierigen Weg“, sagte er in Göppingen, „ich versuche, sie im Kunstradfahren ans Limit zu bringen. Am schönsten allerdings ist, wenn ich sehe, wie sie sich zu Persönlichkeiten entwickeln, die viele Werte des Leistungssports ins Leben danach mitnehmen. Ich versuche, eher ein Ratgeber und Problemlöser als ein Trainer zu sein.“ Das funktioniert. Wie auch das gesamte System.
Natürlich gibt es im Kunstradfahren weltweit weniger Konkurrenz als in anderen Sportarten. Trotzdem ist die Dominanz der Deutschen keine Selbstverständlichkeit. Sondern Ergebnis einer Entwicklung. Die Trainingsmethodik und Technikleitbilder, die Manfred und Dieter Maute erfunden, festgeschrieben und visualisiert haben, werden konsequent umgesetzt, die Förderung unter Einbindung der Heimtrainer klappt, es kommen bislang stets neue Talente nach. „Der Kunstradsport wird auch in anderen Ländern ernsthaft betrieben“, sagte Dieter Maute während seiner 32. WM, „aber nicht mit derselben Konsequenz und Genauigkeit wie bei uns.“ Und ohne eine derart charismatische Führungsfigur an der Spitze.
Dieter Maute denkt nicht an die Frührente
„Ihn zeichnet seine unglaubliche Fachkompetenz und seine Geradlinigkeit aus, er kommuniziert sehr offen“, sagte Sonja Kaiser, die aus Nufringen stammt und seit 2003 Co-Trainerin von Dieter Maute ist. „Dazu hat er eine unstillbare Wissbegier – über den Sport hinaus.“ Ähnlich äußerte sich Lara Füller. „Niemand hat eine größere fachliche Expertise als er“, sagte die Weltmeisterin von 2024 aus Ludwigsburg, die in der Qualifikation für Göppingen ganz knapp gescheitert war und stattdessen als TV-Expertin und Co-Moderatorin von Veranstalter Jens Zimmermann arbeitete, „zudem findet er immer die richtigen Worte und überzeugt mit seiner menschlichen Art.“ Von der die deutsche Kunstradszene noch ein Weilchen profitieren wird.
Dieter Maute hat nicht vor, in Frührente zu gehen, folglich wird er noch fast ein Jahrzehnt lang Bundestrainer bleiben. „Manchmal bin ich mittlerweile zwar an der Belastungsgrenze“, sagte er, „das ändert aber nichts daran, dass ich den Job sehr gerne mache.“ Was sich fast so anhörte, als sei auch die Zahl von 150 WM-Titeln nicht gänzlich ausgeschlossen.