Balanceakt: Viola Brand (hier vor der WM-Pressekonferenz im Business-Bereich des VfB Stuttgart) darf sich bei den Titelkämpfen in der Porsche-Arena keine Wackler erlauben. Foto: Baumann

Vor der Weltmeisterschaft in der Stuttgarter Porsche-Arena setzen sich die deutschen Kunstradfahrer selbst unter Druck: Sie wollen alle Titel abräumen. Bei Viola Brand (22) ist die Anspannung besonders groß.

Stuttgart - Sport getrieben hat Viola Brand noch nie in der Stuttgarter Porsche-Arena. Und doch spielt die Halle in der Karriere der Kunstradfahrerin eine wichtige Rolle – als Motivationshilfe. 2010 saß Viola Brand dort bei der WM auf der Tribüne. Ihr Ziel ist seither, irgendwann selbst im Rampenlicht und auf dem Podium zu stehen. Seit klar ist, dass Stuttgart 2016 erneut die WM ausrichtet, wurde dieser Wunsch immer drängender – erst recht, weil die Studentin (Ernährungsmanagement und Diätetik) aus Schorndorf auf dem Weg zur Uni Hohenheim stets mit der S-Bahn an der Porsche-Arena vorbeifährt. Jetzt könnte der Traum wahr werden. „Ich bin unglaublich heiß auf meine Heim-WM“, sagt Viola Brand , die einzige Lokalmatadorin, „so eine Atmosphäre werde ich als Athletin nicht noch mal erleben.“

An diesem Freitag (ab 16.55 Uhr) steht die Qualifikation an, am Samstag (ab 16.05 Uhr) das Finale – in dem das deutsche Duo etwas gut machen will. 2015 in Malaysia belegten Lisa Hattemer (Gau-Algesheim) und Viola Brand die Plätze drei und vier. Schlechter waren die deutschen Frauen in der knapp 60-jährigen WM-Geschichte nur einmal: 1979, als sie komplett leer ausgingen. „Ich war in Malaysia extrem enttäuscht, auch weil ich mein Können nicht ausgeschöpft habe“, meint Viola Brand, die von ihren Eltern finanziell unterstützt und von ihrer Mutter Heike seit 16 Jahren betreut wird, „allerdings ist der Frauen-Einer international die absolut stärkste Disziplin. Schon kleine Fehler wirken sich extrem aus.“

Das Ziel: Jeder deutsche WM-Starter soll eine Medaille holen

Das weiß auch Bundestrainer Dieter Maute. Der Medaillenschmied aus Albstadt freute sich nicht über den WM-Sieg 2015 von Adriana Mathis, er sah den Triumph der Österreicherin aber positiv: „Sie hat gezeigt, dass es auch für Athleten aus anderen Ländern möglich ist, Gold zu gewinnen.“ In der Porsche-Arena fehlt Mathis, sie ist verletzt. Doch auch wenn sie dabei gewesen wäre, hätte Maute das Ziel ausgegeben, den Titel zurückzuholen. „Wir wollen alle Disziplinen für uns entscheiden“, sagt er, „außerdem soll jeder deutsche Starter eine Medaille holen.“ Auch Viola Brand, woran vor einem halben Jahr noch nicht zu denken war.

Am 2. Mai übte sie in der schmucken Halle in Weissach im Tal, wo sie an fünf Tagen in der Woche bis zu 20 Stunden trainiert, den nach dem Bundestrainer benannten Maute-Sprung vom Sattel auf den Lenker – und stürzte schwer. Sie brach sich drei Knochen im linken Mittelfuß, musste operiert werden und drei Monate pausieren. Eigentlich ist die Saison nach so einer Verletzung gelaufen. Doch Viola Brand ist nicht nur eine Akrobatin auf dem Rad, sondern auch eine Kämpferin. Und sie machte aus der Not eine Tugend.

Zusammenarbeit mit Mentaltrainer macht Brand noch stärker

Statt neue, aber auch riskante Elemente wie den Maute-Sprung oder den Sattel-Lenker-Handstand ins Programm zu nehmen, nutzte sie die wenige Zeit, die ihr nach der Verletzung im Training blieb, um ihre 2015er-Kür wieder zum Laufen zu bringen. Und zu perfektionieren. Mit Platz eins in der DM-Vorrunde in Moers löste Viola Brand das Ticket nach Stuttgart, seither ist klar: Sie darf sich bei der WM keine Wackler erlauben. Aber wenn sie fehlerfrei durchkommt, ist ihr eine Medaille kaum zu nehmen. „Vor einem Jahr war bei der WM jedem klar, dass ich auf dem Podest stehen werde. Das habe ich nicht geschafft“, sagt sie, „diesmal ist für mich nur wichtig, eine gute Kür zu fahren. Den Rest kann ich sowieso nicht beeinflussen.“

Was für Viola Brand spricht: Sie ist psychisch viel stabiler geworden. Das liegt vor allem an der Zusammenarbeit mit Frank Stockmann. Der Mentaltrainer hat der Athletin die Versagensangst genommen, sie lässt sich nicht mehr wie früher von negativen Gefühlen leiten. „Kunstradfahren“, sagt Brand, „hat eine große mentale Komponente.“ Was für sie nun eher eine Chance ist als ein Problem. „Ein Bewegungstalent mit extremem Willen und Ehrgeiz war sie schon immer“, meint Mutter und Trainerin Heike Brand, „nun ist sie auch im Kopf bereit.“

Für eine Weltmeisterschaft, bei der sie nicht nur unter Druck steht, sondern als Lokalmatadorin auch voll im Fokus – es ist genau das, was sie sich immer gewünscht hat.

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