Mit dem Kunstprojekt „Interflux“ wollen Kulturschaffende Stuttgarts Rathaus-Passage aufwerten. Seit der Eröffnung im November ist nicht mehr viel passiert. Was ist künftig geplant?
Von Stuttgarts „hässlichster Unterführung“ und einer „Pissrinne“ war in der Vergangenheit die Rede, wenn es um die Stuttgarter Rathaus-Passage ging. Im Rahmen der Eröffnung des urbanen Kunstprojekts „Interflux“ im November sollte damit Schluss sein. Das Trio aus SPD-Stadträtin und Kunstvermittlerin Sara Dahme, der ehemaligen White-Noise-Betreiberin Ninette Sander und Elisabeth Beha gab gemeinsam mit hiesigen Künstlerinnen und Künstlern den Startschuss für das Projekt im urbanen Raum. Das Ziel: den trostlosen Ort in eine Art Kultur-Tunnel zu verwandeln. Kunstwerke und Veranstaltungen sollen die Unterführung zur Stadtbahn an der Haltestelle Rathaus aufwerten und die Passage so einladender gestalten.
Zur Eröffnung im November verschönerten Kunstschaffende, die über einen Open Call, einem öffentlichen Aufruf seitens der Kulturförderung der Stadt Stuttgart, zu dem Projekt gekommen waren, den unterirdischen Weg ins Leonhardsviertel: Auf einer Seite laden seitdem gesellschaftskritische Plakate zum Diskurs ein, auf der anderen Seite sollen Motive, die sich zwischen Graffiti, Pop und abstrakter Malerei bewegen und aus Fragmenten alter Plattencover entstanden sind, die Passage bunter machen.
Stuttgarts „Pissrinne“ verschönern – wie geht es bei Interflux weiter?
„Es sollen noch weitere Kunstwerke und Veranstaltungen dazukommen“, kündigte Mitbegründerin Ninette Sander im November an. Gut einen Monat später ist die Kulisse nach wie vor dieselbe, außerdem getan hat sich kaum etwas. Kommt da noch was? Was haben die Kulturschaffenden für die kommenden Monate in petto?
Die Zusammenarbeit mit einer Vielzahl an Akteuren bringe Hürden mit sich, sagt Stadträtin, Kunstvermittlerin und Interflux-Mitbegründerin Sara Dahme. „Wir arbeiten mit drei verschiedenen Akteuren zusammen, da dauert es einfach etwas länger“, erklärt sie. Neben dem Ordnungsamt müssen Projekte in der Passage mit dem Tiefbauamt der Stadt Stuttgart sowie der LBBW, der das Gebäude gehört, und der SSB abgesprochen werden.
„Alle Parteien zeitgleich an einen Tisch zu bekommen, ist schwierig. Deshalb haben wir einfach viel Zeit verloren.“ Für die kommenden Monate und das neue Jahr seien jedoch einige Projekte in der Mache.
Stuttgarter Schülerinnen und Schüler sollen mit entscheiden
Während die Kulturschaffenden ein ursprünglich geplantes Boulder-Konzept in der Passage aufgrund rechtlicher und sicherheitstechnischer Auflagen nicht realisieren können, ist ein gemeinsames Projekt mit dem städtischen Amt für Sport und Bewegung bereits in Planung. Angedacht sind sogenannte Springspiele auf dem Boden der Passage.
Aktuell seien die Interflux-Designer mit dem Amt und einer Firma, die die Bodenspringspiele herstellt, im Austausch darüber, was vor Ort möglich ist.
Und welche Spiele sollen es in die Passage schaffen? Diese Frage wollen die Macherinnen in Form eines Beteiligungsprozesses mit Schülerinnen und Schülern der nahegelegenen Jakob-Schule beantworten. „Die Schülerinnen und Schüler sollen mitentscheiden können, welche Spiele umgesetzt werden“, erklärt die SPD-Stadträtin, die auch als Kunstvermittlerin an Schulen tätig ist. Der ganze Prozess werde aber noch eine Weile dauern. Dahme zeigt sich dennoch optimistisch, dem Konzept im neuen Jahr Leben einhauchen zu können.
Mehrere Performance-Events im neuen Jahr geplant
Was steht ansonsten auf der Agenda? „In unserem Open Call an die Künstlerinnen und Künstler haben wir sehr viel mehr Performances und Interventionen vorgeschlagen bekommen als Kunstwerke, die fix vor Ort bleiben“, erzählt Dahme. Diese Projekte sollen im kommenden Frühjahr und Sommer eine Bühne bekommen. „Es wird immer wieder Events geben, bei denen wir die Projekte präsentieren.“
Los geht es bereits am Abend des 16. Januars mit einer Performance der Stuttgarter Künstlerin Stefanie Oberhoff im Rahmen des Stuttgarter Filmwinters.
Die Bühnenbildnerin, Figurenspielerin und Regisseurin weist dann auf künstlerische Art und Weise auf die Dinge in der Passage hin, die Passanten und Passantinnen häufig davon abhalten, den Weg durch die Unterführung zu nehmen. Ganz praktisch gesprochen: Oberhoff präsentiert etwa einen überdimensionalen Kothaufen in der Passage. Zu sehen war die Performance unter anderem im Herbst bereits in Schorndorf, wie ein Video auf dem Instagram-Kanal der Künstlerin zeigt.
Neben der Performance stehen weitere Ideen auf Dahmes, Sanders und Behas Zettel: „Weil in den Haushaltsverhandlungen gerade Förderungen im Bereich Literatur extrem gekürzt werden, wollen wir auch der Literatur in der Passage eine Bühne bieten, beispielsweise in Form von Graphic Novels“, erzählt Sara Dahme. Aktuell liefen Gespräche mit der Berthold Leibinger Stiftung, die jährlich den Comicbuchpreis auslobt. Eine Rückmeldung stehe jedoch noch aus.
Zudem gebe es die Idee von Kunstpatenschaften für die bunten Panele des Stuttgarter Künstlers Hartmut Landauer, die bereits jetzt die Passage schmücken. Weitere Events mit anderen Künstlerinnen und Künstlern seien ebenfalls in Planung. Auch das Stuttgarter Clubkollektiv habe Interesse an gemeinsamen Aktionen angemeldet.
Bürokratie als größte Herausforderung
Die größten Herausforderungen seien nach wie vor die zahlreichen Absprachen mit den beteiligten Akteuren und die Genehmigungen der Ämter, sagt Dahme. „Das sind zum Teil extrem kleinteilige Abläufe, die uns viel Zeit und Organisation kosten“, so die Interflux-Mitbegründerin. „Wir sind aber dabei, sie im nächsten Jahr Schritt für Schritt umzusetzen.“
Sara Dahme hat dennoch Freude an der Zusammenarbeit und ist überzeugt, die Interflux-Vorhaben mit dem Team zu erreichen – auch wenn es zwischendurch kleine Missverständnisse gibt – die sie aber wegschmunzelt. So wurde etwa ein zuvor von der SSB genehmigtes Kunstwerk in der Rathaus-Passage von einer Krankheitsvertretung im SSB-Reinigungsdienst, die nicht wie ihr Vorgänger über das Kunstprojekt informiert war, kurz nach der Anbringung wieder entfernt. „Das zeigt einfach, wie herausfordernd die Kommunikation mit so vielen Verantwortlichen ist“, so die Stadträtin.
Trotz allem zeigt sie sich optimistisch. „Grundsätzlich ging es uns mit Interflux ja darum, einen ersten Impuls zu setzen und zu zeigen: Die Aktion verändert etwas“, so Dahme. „Das Tolle für uns ist, dass wir auch schon mit diesem zurückhaltenden Impuls ganz viele Akteure und Menschen erreicht haben, die jetzt Lust haben, sich einzubringen und zu engagieren.“
Vandalismus in der Stuttgarter Rathaus-Passage bleibt nicht aus
Auch das Feedback zum Projekt sei bislang vorwiegend positiv. Gerade auf Social Media meldeten sich viele Fans der Kunstaktion. Gleichzeitig wiesen diese jedoch auch häufig daraufhin, dass Plakate in der Passage abgerissen oder etwas beschmiert worden sei.
„Vandalismus ist natürlich ein Thema“, sagt Dahme. Auch das Tiefbauaumt der Stadt teile den Macherinnen regelmäßig mit, wenn vor Ort etwas zerstört wurde. Sara Dahme und Ninette Sander sind dann selbst vor Ort, um das wieder in Ordnung zu bringen.
Auch die Betreiber des Kiosks am Eingang der Unterführung beobachten solche Vorfälle. Der Neffe des Betreibers, der regelmäßig im Kiosk arbeitet, erzählt von Vandalen, die etwa mit Eddings in der Passage unterwegs gewesen und dort Kunstwerke beschmiert hätten.
Wildpinkler sind in der Stadtmitte nach wie vor ein Problem
Seit der Club und die Bar des White Noise direkt nebenan geschlossen haben, hätte das Projekt Interflux die Gegend zwar aufgewertet, sagt er – es seien oft Menschen unterwegs, die sich die Kunst ansehen und das Areal werde entsprechend häufiger gereinigt. Gerade abends und nachts – wenn vor Ort kaum mehr Menschen unterwegs sind – bestehe aber nach wie vor das Problem von Wildpinklern und entsprechendem Gestank um die Passage.
Also doch kein Aus für die „Pissrinne“? Sara Dahme, Ninette Sander und Elisabeth Beha wollen dem weiter entgegenwirken. Auch wenn die finanzielle Förderung der Stadt bald wegfällt.
Kulturförderung läuft aus – neue Unterstützer für Interflux gesucht
Aktuell wird Interflux noch durch das städtische Kulturamt im Rahmen des Programms „Kunst im öffentlichen Raum“ (KiöR) gefördert. Doch diese Förderung läuft zum Ende des Jahres 2025 aus. Das Kunstprojekt allerdings ist laut Initiatorinnen auf etwa drei bis fünf Jahre. Aufgrund der prekären Lage des Stuttgarter Haushalts und diversen Kürzungen im Kultur-Bereich rechnen Sara Dahme und ihre Mitstreiterinnen nicht mit einer Verlängerung der Förderung.
„Wir sind gerade dabei, verschiedene Fördertöpfe von privaten Stiftungen und Sponsoren anzufragen“, sagt Dahme.
Die Förderung der Stadt habe die Möglichkeit geboten, das Ganze in einem ersten Schritt aufzusetzen und sichtbar zu machen. Nun sei es an ihnen das Projekt voranzutreiben. „Es ist wie in der Kunst“, so Dahme: „Wenige Menschen können sich unter einer bestimmten Idee etwas vorstellen. Jetzt haben wir etwas, das diese Idee im öffentlichen Raum zeigt und darauf können wir aufbauen.“