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Malerei mit Fotografie - Das Kunstmuseum Stuttgart präsentiert eine umfassende Ausstellung zum Werk von Elger Esser.

Stuttgart - "Als ich 16 Jahre war", sagt Elger Esser, "habe ich beschlossen, Fotograf zu werden, als ich 28 war, habe ich beschlossen, kein Fotograf mehr zu sein." Die Bestätigung für diesen Weg holte sich der 1967 in Stuttgart Geborene als Meisterschüler bei Bernd Becher an der Düsseldorfer Akademie.

Was war in früheren Zeiten ein Ereignis? Der Bilderspeicher gibt Antwort, jener in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasch anwachsende Postkartenberg, der gleichermaßen das Geschehen an sich spiegelt wie auch den Umgang mit diesem. Eine Welle baute sich da auf, eine Welle, wie sie selbst auf dem Umweg über die Malerei (also das malerische Ereignis) zum Postkartenmotiv wurde - um nun, 130 Jahre später, Ausgangspunkt einer Malerei mit Fotografie zu werden. Kühn baut sich die Woge auf, eine Figuration ganz für sich, einst auserkoren einzig, um als das Andere im Diesseits auftreten zu können, als das in der Brandung körperlich Spürbare des Unbekannten.


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Der gebürtige Stuttgarter Elger Esser konzentriert sich in seinen Wellenbildern auf eben diesen Moment, da es nichts gibt außer der Welle - und schafft damit zugleich die Wahrnehmung einer Erinnerung wie auch die Behauptung einer neuen Eigenform. "Eigenzeit" aber nennt Esser selbst das Ausstellungspanorama, das Simone Schimpf für das Kunstmuseum Stuttgart auf den drei Stockwerken des Kubus ausbreitet. Und damit ist bereits die philosophische Tiefe angedeutet, in die sich Esser-Weggefährten gerne begeben.

Dieser Satz aber bleibt: "Als ich 16 Jahre war, habe ich beschlossen, Fotograf zu werden, als ich 28 war, habe ich beschlossen, kein Fotograf mehr zu sein." Der Widerspruch, es nun - technisch gesehen - mit fotografischen Arbeiten zu tun zu haben, mehr noch mit Werken, die sich der digitalen Wunderwelt verweigern, um sich dem verwirrenden Zauber der klassischen Laborentwicklung auszusetzen, ist deutlich. Aber ist es einer? Elger Esser ist darin Bernd Becher ganz nahe, wenn er im Ausstieg aus der Technik an sich der Äußerungswelt Fotografie neue Weiten eröffnet. Auch der Zyklusgedanke verrät die Düsseldorfer Schule. Und zuletzt ergibt sich gar eine eigentümliche Umkehrung: Esser, der doch zunächst weit mehr als etwa Thomas Struth, Candida Höfer oder Andreas Gursky auf das Einzelbild zu zielen scheint, nimmt trotz seiner Großformate die Dramatik des Singulären weit deutlicher zurück als die Genannten. Auch darin, der Kreis schließt sich, ist Elger Esser der Forscherposition Bernd und Hilla Bechers sehr nahe. Ein konzeptueller Realismus wird hier Bild, Erzählung zugelassen als ein Mittel, Zeiten und Räume zu überwinden. Ja, gerade dies mag manchem die Faszination von Essers Bildwelt begründen - dass er der Behauptung des Nur-so-Gültigen die Frage nach dem unmöglich Möglichen entgegenhält.

Kann etwa der gekenterte Dampfer sich nicht wieder aufrichten? Existiert jenes Paris an der Seine denn wirklich noch? Und ist schließlich Landschaft nicht wirklich am farbigsten, wenn sie scheinbar schwarz-weiß ist? Esser, an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe Professor im Fachbereich Medienkunst, gibt sich offenbar gerne jenen Möglichkeiten hin, welche die Technik ihm bietet. Umso mehr, als er gerade aus seiner technischen Virtuosität jene Freiheit gewinnt, die seinen Bild-Erzählungen ein eigenes Mehr gibt. Mehr an Vertrauen, Mehr an Wissen, Mehr an der Befragung des Fremden in uns.

Folgerichtig landet Elger Esser in seinem jüngsten (im Kunstmuseum auf der dritten Kubus-Ebene präsentierten) Zyklus in jenem Ort "Combray", den Marcel Proust in seinem Romanwerk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" in Anlehnung an den realen Ort Illiers und aus "literarischen Überformungen" "komponierte" (Simone Schimpf). Mit der Wiederentdeckung der Heliogravüre wagt er den größtmöglichen Gegensatz zur digitalen Gegenwart. Dass Esser zugleich - wie auch in allen anderen Zyklen - die letztgültige Härte meidet, muss nach der bisherigen Werkentwicklung nicht als Endposition gelten, sondern eher als Zwischenstand. In diese Richtung weist auch Simone Schimpfs provozierter Dialog der Arbeiten Essers mit literarischen und bildnerischen Zeugnissen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Da kann, bis in unsere Tage, noch etwas kommen - und aus Kritikersicht heißt dies: Da muss noch etwas kommen. Das Schöne zu pflegen und das nur Schöne zu meiden.

Zurück aber und hinein in die Wellen. Wie sie sich türmen, sind sie auch präsentiert - den Betrachtern bleibt nur die Untersicht und damit zwanghaft das Gefühl, überrollt zu werden. Ein großer Moment in dieser von der Hugo Boss AG unterstützten Ausstellung. Sie wird von einem aufwendigen Katalogbuch begleitet, das in seinen Textbeiträgen zum Spiegel der vielfältigen Wege wird, auf denen man sich den Werken Elger Essers nähern kann.

http://www.kunstmuseum-stuttgart.de

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