Kunstmuseum Stuttgart Reinhold Nägele mit „Wow!“-Faktor

Von Nikolai B. Forstbauer 

Reinhold Nägele, Neubau des Tagblattturms in Stuttgart Foto: SWMH, VG Bild-Kunst, 2018
Reinhold Nägele, Neubau des Tagblattturms in Stuttgart Foto: SWMH, VG Bild-Kunst, 2018

An diesem Sonntag geht die Schau „Reinhold Nägele. Chronist der Moderne“ im Kunstmuseum Stuttgart zu Ende. 50 000 Besucher und begeisterte Reaktionen zeigen: Die Ausstellung ist ein Publikumserfolg.

Stuttgart - Zahlen? Gibt es auch. Und sie sind gut. Jedoch: Die heiteren Untertöne und das Strahlen der Beteiligten im Kunstmuseum Stuttgart verraten den Voll­treffer. Mit der Sonderausstellung „Reinhold Nägele. Chronist der Moderne“ hat das Team um ­Direktorin Ulrike Groos einen Publikumserfolg gelandet.

Fast 50 000 Besucherinnen und Besucher

Ttatsächlich wäre es zu kurz gedacht, würde man nur auf die fast 50 000 Besucherinnen und Besucher der Schau im Erdgeschoss des durch seinen Glaskubus weithin sichtbaren Kunstmuseums am Stuttgarter Schlossplatz verweisen. „Reinhold Nägele. Chronist der Moderne“ – erarbeitet von Anna-Maria Drago ­Jekal – weckt ganz offensichtlich ­besondere Gefühle bei den Besucherinnen und Besuchern. Gefühle der ­Verortung als Bürger ihrer Stadt und Region, Gefühle der Identität.

Flucht aus Hitler-Deutschland nach New York

Reinhold Nägele? 1884 in Murrhardt ­geboren, absolviert er nach der Schulzeit in Stuttgart bei seinem Vater in Murrhardt eine Lehre als Dekorationsmaler. Es folgt der ­Besuch der Kunstgewerbeschule in ­Stuttgart. 1907 wird Nägele durch eine ­Ausstellung in der Galerie Cassirer in Berlin bekannt, und 1923 ist er Mitbegründer der Künstlervereinigung Stuttgarter Secession.

Dann aber der Bruch: 1933 entzieht ­Hitler-Deutschland Nägeles Frau Alice Nördlinger die Kassenzulassung als Ärztin. 1937 wird der Maler aus der Reichskammer der Bildenden Künste ausgeschlossen, 1938 schließt Alice Nördlinger auch ihre Privatpraxis. Die Söhne werden nach England in Sicherheit gebracht. 1939 emigriert Nägele mit seiner Frau und kommt über Paris und London nach New York. Dort entstehen unter anderem die wichtigen „Times Square“-Bilder. 1963, zwei Jahre nach dem Tod von Alice Nördlinger, kehrt Reinhold Nägele nach Murrhardt zurück. Am 30. April 1972 stirbt Reinhold Nägele in Stuttgart und wird in Murrhardt bestattet.

Für Nägele ist Malerei eine Haltung

Nägele ist ein Maler, der die Ausweg­losigkeit der Katastrophe des Ersten Weltkriegs ebenso zeigt wie er der Technisierung der Landschaft nachspürt und zum Kronzeugen eines Stuttgart in wirklichem Aufbruch wird – in den 1920er Jahren beseelt von einem noch unverdächtigen Begriff, der alle Lebensbereiche erfasst: Moderne.

Es geht um Behauptung und Realität, und es geht mehr noch um eine Haltung, die ­Realität als Einsicht meint. Das ist weit ­entfernt von einer Position, die Reinhold ­Nägele zum ­liebevollen Dokumentaristen verkürzt.

Letzte Führung am Sonntag um 15 Uhr

Und genau hier beginnt wohl das ­Geheimnis der stillen, aber im Gästebuch ungewöhnlich nachdrücklich – vom ­häufigen „Vielen Dank für diese tolle ­Ausstellung!“ bis hin zum knappen „Wow!“ – ­ formulierten Übereinkunft zwischen der Ausstellung und ihrem Publikum. Diese ­Bilder behaupten nicht, sie fragen. Noch an diesem Freitag (von 10 bis 21 Uhr) sowie an diesem Samstag und Sonntag (von 10 bis 18 Uhr). Die letzte Führung? Gibt es an diesem Sonntag um 15 Uhr.

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