K. R. H. Sonderborg: New York, Park Avenue South 333 Foto: Kunstmuseum

In den 1920er Jahren schon Mainstream und doch in Hitler-Deutschland als „entartet“ verfemt, in der Gegenwart schon Klassiker und doch irritierend: Jazz provoziert ganz gegensätzliche Kräfte. Energien, die seit 100 Jahren auch die Kunst beeinflussen, wie die Schau „I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920“ im Kunstmuseum Stuttgart zeigt.

Stuttgart - Durchsichtig fast das mit beiden Händen vor die Brüste gezogene Kleid, durchsichtig fast auch die Figur selbst. Ein übergroßer Kopf auf schmalen Schultern, ein Willen, der sicht- und spürbar nicht zu dieser gefährdet wirkenden Figur passt. Oder gerade doch? 1997 malt die südafrikanische Malerin ­Marlene Dumas das großformatige Aquarell „Josephine (not tonight)“. Ein Verweis auf die 1925 erstmals aufgetretene Tänzerin ­Josephine Baker, wie stets bei Dumas auch ein Spiel mit den Ebenen von Porträt und Selbstporträt. Es ist weniger ein stilles, denn ein hoch konzentriertes Bild – und ­ führt damit mitten hinein in eine Phalanx der Überraschungen, als die sich das Panorama der Schau „I Got Rhythm . Kunst und Jazz seit 1920“ im Kunstmuseum Stuttgart erweist.

30 Jahre nach Karin von Maurs epochemachendem Herkulesprojekt „Vom Klang der Bilder. Die Musik in der Kunst des 20. Jahrhunderts“ in der Staatsgalerie Stuttgart gibt es nun in Stuttgart also eine neue Bestands­aufnahme in Sachen Kunst und Musik. Hätte man von Kunstmuseumsdirektorin Ulrike Groos, die nun „I Got Rhythm“ gemeinsam mit Kunstmuseumsmitarbeiter Sven Beckstette und dem Berliner Musikexperten Markus Müller erarbeitet hat, nicht eher eine Schau zu den musikalisch-künstlerischen Querverbindungen der experimentellen Szenen der 1980er Jahre erwartet?

Groos’ Antwort beginnt mit der Analyse dessen, was das Musikfeld, das wohl erstmals 1915 als „Jazz“ skizziert wird, eigentlich ausmacht. Die neuen Töne, in New York gefiltert aus der afroamerikanischen Musik der US-Südstaaten, entwickeln nach Ende des Ersten Weltkriegs 1918 temporeiches Eigenleben. Jazz und „Großstadt“ (wie auch Otto Dix 1927 sein weltberühmt gewordenes Triptychon betitelt) werden Synonyme.

Spiel mit Geschlechterrollen

Die in den 1990er Jahren so gefeierte Clubkultur, das in den 1970er Jahren ­etablierte Spiel mit Geschlechterrollen, die Frage des individuellen Grenzgängertums – all dies hat in den 1920er Jahren seinen ­Ursprung. Und eben auch der Widerhall ­dieser Energie in der bildenden Kunst.

Mit gutem Grund also identifizieren die Macher von „I Got Rhythm“ den Jazz als Massenphänomen, das einen Begriff vorwegnimmt, der Mitte der 1950er erstmals aufkommt und bis heute trotz aller Kommerzialisierung den Charakter des Aufbruchs bewahren konnte: Pop.

Der Pop schafft Stars, der Jazz Ikonen. Zu diesen zählt 1925 eine junge Tänzerin – Josephine Baker. Ihr Tanz weckt erotische Fantasien, ihr Auftritt ist ebenso Provokation wie Sinnbild der Befreiung. Die Kunst kann an dieser Frau nicht vorbei und will es auch gar nicht – bis eben hin zu Marlene ­Dumas’ „Josephine (not tonight)“ und der ebenfalls zu sehenden Wandarbeit ­„Consume“ von Kara Walker von 1998. Ist Baker Opfer oder Heldin? Die Kunst ruft voller Überzeugung: „Heldin“ – wohl wissend, welche Opfer Josephine Baker bringen musste.

Zwischen Expressionismus und Realismus

Zurück aber in die 1920er Jahre, zurück damit auch an den Beginn dieser sich über die drei Kubus-Stockwerke des Kunstmuseums Stuttgart chronologisch entwickelnden Schau. Die zeitliche Leitlinie ist berechtigt, ergeben sich doch entlang der Zeitschiene immer wieder neue Reaktionsmuster im Zusammenspiel von Jazz und Kunst. Denn das ist es immer, ein Zusammenspiel, ein Kräftemessen dagegen nie. Als neue Musik, als Klangwelt voller Energie, trifft der Jazz auf eine Kunstsze­nerie, die seit Ende des 19. Jahrhunderts in rascher Folge die eigenen Koordinaten verändert. Im Spannungsfeld zwischen bereits beruhigtem Expressionismus und einem vor dem Hintergrund des Weltenbrandes um demaskierende Wahrheit bemühten Realismus bietet der Jazz vielen Künstlerinnen und Künstlern Impulse. Schön, dass die Schau auf Hauptwerke von Ernst Ludwig Kirchner („Negertanz“ von 1911) oder Max Beckmann („Begin the Beguine“, 1948) nicht verzichtet, noch mehr aber auch überrascht – mit Bettina Ehrlich-Bauers „Johnny spielt auf“ von 1928 ebenso wie mit Carl Lohses hoch intensivem Porträt „Jazzsänger“ von 1920.

Auf der zweiten Ebene wird ein Rollenwechsel spürbar. Die Künstler, in den ­1920er Jahren vor allem an motivischen Anstößen interessiert, agieren nun im Rhythmus des Jazz. Drei Jahrzehnte vor dem Punk ist es der in Zeiten der Verfemung im von Hitler-Deutschland besetzten Europa als Clubmusik härter und schneller gewordene Jazz, der den Rhythmus des Drippings von Jackson Pollock mitbestimmt. Und doch rückt in dieser Schau ein anderer Maler deutlicher in den Vordergrund: Kurt Rudolf Hoffmann, besser bekannt als K. R. H. Sonderborg. Landschaft, obgleich noch als malerischer Anlass vorhanden, wird aufgelöst in einer neuen Größe – Zeit.

Sonderborg, 1965 bis 1990 Professor für ­Malerei an der Stuttgarter Kunstakademie, forciert das Tempo, malt parallel zur Musik und eilt in diesen Momenten auch sich selbst davon. Als „Swing Boy“ war Sonderborg ja 1941 mit gerade 17 Jahren von der Gestapo verhaftet worden. Jazz war dem jungen Sonderborg Haltung. Dem seit Beginn der 1950er Jahre schnell erfolgreich wirkenden Maler ­Sonderborg ist Jazz ein sinnlicher Takt, eine Begründung, Malerei als Akt der Verdichtung und des unbedingten Jetzt zu verstehen. Die Musik als Beschleuniger – das ­findet sich auch in Walter Stöhrers Großformat „Mannequins for Fats Domino“von 1974.

Verschmelzung mit der neuen Musik

Von hier aus muss es andere Wege geben, und so wie der Jazz – gänzlich ausdifferenziert von der späten Verehrung des Swing bis hin zu einer Verschmelzung experimenteller Positionen mit der Neuen Musik – der Reflexion der eigenen Kunstform mehr und mehr Raum gibt, antwortet auch die Kunst in der ganzen Breite von der Ironie eines ­Albert Oehlen bis hin zur Wiederauf­führung im Werk von Stan Douglas. Zu sehen ist beides im dritten Kubus-Stockwerk, und wer dort ankommt, versteht diese Ausstellung mehr und mehr als Loop. Für die Freiheit, die sie meinen, nutzen die Musiker vor allem des Free Jazz und des Cool Jazz nur zu gerne den Dialog mit der Kunst – und so sind Plattencover logischer Teil dieser Schau.

Das Spektakuläre – bis hin zur ersten Studie zu Mondrians „Broadway Boogie Woogie“ und der „Jazz“-Suite von Henri Matisse – hat hier eine eigene Selbstverständlichkeit. So passt es, dass „I Got Rhythm“ zuletzt auch die Parallelen in der Suche nach einer neuen afroamerikanischen Identität und nach den Wurzeln des Jazz beleuchtet. Ernie Barnes’ „History of Jazz“ lässt nicht nur begangene Felder Revue passieren – die Kunst fordert hier den Jazz auf, neue Felder hinzuzufügen. Nicht anders sind auch Stan Douglas’ Videoarbeiten zu verstehen. Ja, es ist die Kunst, die an den Jazz glaubt.

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