Nadira Husain mischt Motive verschiedener Religionen und Kulturen. Foto: Nadira Husain

Nicht nur heute leben Künstler zwischen den Kulturen. Auch der Esslinger Rolf Nesch verschlug es in die Fremde. Was hat das mit ihm gemacht?

Der Fotoapparat war schon nach wenigen Minuten patschnass, das Papier durchgeweicht und der Bleistift abgebrochen. Es muss wild zugegangen sein, als Rolf Nesch sich auf den Lofoten in das Boot von Heringsfängern wagte – und eigentlich in Ruhe Zeichnungen von der überwältigenden Natur machen wollte. Stattdessen stürmte es gewaltig, sodass selbst die Fischer seekrank wurden – und Nesch musste sich das imposante Toben einprägen, damit er nicht vergaß, wie „satanisch schön“ die Ruderboote im Sturm tanzten.

 

Im Kunstmuseum Stuttgart kann man nun noch einmal diese aufregende Reise nacherleben, die Rolf Nesch 1936 unternahm. Er suchte Trost in der Natur, denn ganz freiwillig hatte es den Esslinger Künstler nicht in den hohen Norden verschlagen. Als entschiedener Gegner des Nationalsozialismus sah er sich genötigt, 1933 die Heimat zu verlassen und in Norwegen ein neues Leben anzufangen. Er kehrte nicht mehr zurück und ging in die Geschichte ein als deutsch-norwegischer Künstler.

Um das Leben zwischen den Kulturen geht es in der neuen Ausstellung „Prägungen und Entfaltungen“, die drei ganz unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten zusammenbringt, die doch eines verbindet: Sie alle mussten nicht nur ihre Heimat verlassen, sondern das Leben in einer neuen Welt hat ihr künstlerisches Schaffen maßgeblich geprägt. Rolf Nesch entdeckte in Norwegen die Natur für sich, während seine Motive in den 1920er Jahren vom prallen Leben erzählten: von Arbeitern im Hüttenwerk Wasseralfingen, von lustigen Musikern, die mit Verve ihre Instrumente triezen. Oder auch von gut gekleideten Herrschaften im feudalen „Café Vaterland“, so der Titel eines Drucks von 1926.

Ausschnitt aus Rolf Neschs „Tier“ von 1953 Foto: VG Bild-Kunst/Frank Kleinbach

Ahmed Umar, geboren 1988, ist aus dem Sudan geflohen, wo er als Künstler und queerer Aktivist verfolgt wurde. Auch er ging nach Norwegen – und hatte seine religiösen Prägungen im Gepäck. Im Kunstmuseum scheinen Hände aus den Wänden zu wachsen und elegant geschwungene Objekte aus Holz und Glas zu halten. Umar verbindet hier das Fingerknochenzählen des konservativen sunnitischen Islams mit dem Sufismus des Sudans. Die Holzelemente, die er in die Glasbläserobjekte eingebunden hat, sind wiederum Souvenirs aus Afrika.

Auch Rolf Nesch, dem die Kuratorin Eva-Marina Froitzheim den größten Auftritt gewährt, beschäftigte sich nach seiner Flucht aus Deutschland vermehrt mit religiösen Motiven. Er identifizierte sich als Verfolgter mit dem Heiligen Sebastian, weshalb er ihn immer wieder darstellte.

So war es auch ein „Heiliger Sebastian“, den die Galerie der Stadt Stuttgart 1959 von Nesch ankaufte, der in Norwegen inzwischen erfolgreich tätig war. Deshalb sollte das große Materialbild, das aus Keramik, Glassteinen und Zinnstegen besteht, drei Jahre später auch auf der Biennale von Venedig gezeigt werden – im neuen norwegischen Pavillon. Stuttgart aber lehnte ab: Das Werk sei in der Galerie fest verbaut und nicht transportabel. Eine herbe Enttäuschung für Nesch, der das Bild in einer Reihe mit Picassos „Guernica“ sah. Er war sich sicher, dass er bei der Biennale einen Preis gewonnen hätte. Nesch ist sicher kein Künstler aus der ersten Liga. Sein Werk lässt sich nicht auf einen Nenner bringen, weil er sich immer wieder auf ganz unterschiedlichen Feldern ausprobierte. Mal malte er sozusagen mit Nägeln, die er ins Bild hämmerte, dann wieder nutzte er dünne Drahtnetze, die ihm Struktur gaben, oder brachte Steine und Glasstücke auf die Leinwand.

Seine Stärke war zweifellos die Zeichnung. Gerade bei den Drucken gibt es viele schöne Motive – wie die Elbbrücken, die er in einer Hamburg-Serie so leicht wie poetisch eingefangen hat.

1959 machte die Staatsgalerie eine große Nesch-Ausstellung, zu der er selbst in die alte Heimat zurückkehrte. Er war längst norwegischer Staatsbürger, dachte in Bezug auf Nation aber sehr modern und hielt es für „vernünftiger, ‚Mensch’ zu sein, Europäer, Weltbürger“.

Wie eine solche gemischte Identität heute aussieht, versucht Nadira Husain im dritten Teil der Ausstellung sichtbar zu machen. Sie ist in Paris aufgewachsen als Kind eines muslimisch-indischen Vaters und einer französisch-baskischen Mutter und will mit Collagen aus verschiedensten Materialien und Motiven diese Identität des „Bâtarde“ auszudrücken – des weiblichen Bastards, wie postmigrantische Identitäten abwertend bezeichnet werden.

Ahmed Umar erinnert mit seinen Objekten aus Holz und Glas an religiöse Rituale. Foto: VG Bild-Kunst/Foto Ahmed Umar

Im Obergeschoss hängen Husains überdimensionalen Kleidungsstücke, die an Kaftane erinnern, aber aus verschiedensten Stoffen und Garnen bestehen und bemalt und mit Keramik versehen wurden. Da steht ein Kleidungsstück auf riesigen Füßen aus Keramik, dann wieder deuten Ketten aus großen Stoffperlen Arme an.

Wie Ahmed Umar sucht also auch Nadira Husain nach ästhetischen Lösungen, die das Zusammenspiel verschiedener kultureller und religiöser Motive sichtbar machen. So kann man das Schutzamulett des „blauen Auges“ genauso entdecken wie Jali-Elefanten aus der indisch-islamischen Baukunst, aber auch kleine christliche Putten mit Flügeln. Bei ihnen haben sich allerdings Frauen eingeschlichen, die selbstbewusst Zigaretten rauchen.

Von Esslingen in die weite Welt

Oberesslingen
Aufgewachsen ist Rolf Nesch zwar nicht in Esslingen, aber er wurde 1893 in Oberesslingen geboren. Wie die Kunstmuseum Stuttgart besitzt auch die Galerie der Stadt Esslingen zahlreiche Werke von ihm, die bis 1. Februar in der Villa Merkel gezeigt werden.

Info
Ausstellung bis 12.4., geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr, Freitag 10 bis 21 Uhr. adr