Charly Parker (vorne) Foto: www.mauritius-images.com

An diesem Freitag um 19 Uhr eröffnet das Kunstmuseum Stuttgart die Sonderschau „I Got Rhythm“. Beleuchtet werden die vielfältigen Beziehungen zwischen Jazz und Kunst. Grund genug, vorab der Faszination Jazz nachzugehen.

Der kalifornische Fotograf William Claxton, der für eine Reportage über die Blue Note die riesige amerikanische Jazzlandschaft durchstreift hat, stellte einmal fest: „Der Jazz ist die fotogenste Musik überhaupt. Und zwar weil sie – wie auch die Fotografie – auf Improvisation und Rhythmus basiert.“

Hinzuzufügen ist, dass tatsächlich keine andere Musik so häufig fotografiert wurde wie eben der Jazz. Wie vielfältig die Bezüge zur Malerei oder zum Tanz sind, wie viele Künstler – von Matisse, Cocteau, Picasso, Mondrian, Dix, Léger, Pollock, Calder bis Warhol, Basquiat, Sonderborg und Haring – sich vom Jazz, von der „Musik des Jahrhunderts“, inspirieren ließen, zeigt nun „I Got Rhythm“, diese von Sven Beckstette, Ulrike Groos und Markus Müller für das Kunstmuseum Stuttgart organisierte Ausstellung.

Es ist zu wünschen, dass sich Menschen, denen Jazz vorkommt wie ein Störenfried ihrer Gemütlichkeit und Seelenruhe, die Museumstüren öffnen in eine vielversprechende Klang- und Bilderwelt. Vielleicht kann mancher Schwellenängste überwinden, um bald erstaunt festzustellen, dass sich Vorbehalte gegen diese manchmal in der Tat stachelige Musikform und gegen nicht immer leicht verständliche Kunstwerke ­auflösen, wenn sie – wie hier – in einem nachvollziehbaren Zusammenhang erlebt ­werden können.

Unterschiedliche Kontraste, Blickwinkel und Klangfarben

Jazz. Was für ein Flechtwerk von Stilen zwischen legendärem Ursprung und postmoderner Aktualität! Was für eine musikalische Wundertüte! Welch ein Horizont, was für Kontraste, Blickwinkel und Klang­farben! Es ist doch ganz erstaunlich, wie der Jazz seit seinen Anfängen vor über hundert Jahren in New Orleans sich unwiderstehlich auf dem nordamerikanischen Kontinent, im alten Europa und schließlich auf dem ­ganzen Globus ausgebreitet und völlig unterschiedliche Menschen für sich ein­genommen hat.

Aber der Jazz war von Anfang an und ist es noch heute: die Sache einer Minderheit. Doch die populäre Musik, wie sie uns in Fernsehserien, Fahrstühlen oder Disco­theken begegnet, die wir als Schlager, Rock oder Funk im Radio oder von der Konserve hören, die gesamte Gebrauchsmusik, kommt vom Jazz her.

Ernst-Joachim Berendt schreibt in Das große Jazzbuch: „Wer sich für Jazz interessiert und einsetzt, hebt das Niveau der ­Klänge und trägt etwas von seiner Kraft, Wärme und Intensität in unser Leben.“

Logische Entwicklung vom Ragtime zum Free Jazz

Gefragt, was für ihn das Imposanteste am Jazz sei, pflegte der im Jahr 2000 auf einem Hamburger Zebrastreifen tödlich verunglückte Journalist und Produzent zu antworten: „Seine stilistische Entwicklung.“ Die vollzog sich vom Ragtime bis zum Free Jazz mit einer Folgerichtigkeit, die für die Entwicklung der Kunst überhaupt charakteristisch ist. Nämlich als Ausdruck der Zeit.

Die unbeschwerte Fröhlichkeit des Dixieland passt in die Zeit vor dem Ersten ­Weltkrieg, im Chicago-Stil äußern sich die aufregenden Turbulenzen der „Roaring Twenties“, während der populäre Swing-Stil der Standardisierung des Lebens vor dem Zweiten Weltkrieg, dem typisch amerikanischen „Love of Bigness“ (Marshall Stearns) Elan verleiht. Der Bebop fängt die Nervosität der 1940er Jahre ein, der elegante Cool Jazz die scheinbare Gelassenheit derer, die es sich auf der Sonnenseite des Lebens eingerichtet haben. Der Hard Bop dagegen steckt voller Protest, konnte aber von Soul und Funk absorbiert werden, während der zornige, heftige und kompromisslose Free Jazz der 1970er Jahre sich ungleich schwerer vereinnahmen ließ und das Mögliche im Chaos auszuloten versuchte.

Und heute? Da gibt es jede Menge Crossover-, Fusion- und Nostalgie-Projekte. Und ein Jazzer wie der einstige Avantgarde-Saxofonist Archie Shepp proklamiert das Ende des Jazz: „Kein Original in Sicht.“ Er meint, dass der Rap – dem Elend der großen Städte entsprungen – längst die Funktion des Jazz übernommen habe.

Jazz muss lebendig sein

Wenn heute frühere Jazzstile rekonstruiert und verfeinert werden, widerspricht das eigentlich dem Wesen des Jazz, denn „diese Musik steht und fällt mit ihrer Lebendigkeit“ (Berendt). Doch genügt es schon, ein Live-Konzert auf dem Schlossplatz in Stuttgart beim Sommerfestival Jazz Open, einen Auftritt im schicken Club Bix oder in der urigen Atmosphäre des Clubs Kiste zu ­erleben, um zu realisieren, wie lebendig, vielfältig und spannend Jazz heute sein kann. In die Staatlichen Musikhochschulen drängen zahlreiche begabte junge Menschen, um sich nach einigen Jahren – hervorragend ausgebildet – auf dem freien Musikmarkt bewähren zu müssen. Nein – der Jazz ist nicht tot, ja, er riecht nicht einmal ­komisch. Er ist ein Kind unserer Zeit. Und zwar ein ganz tolles.

Die Schau „I Got Rhythm – Kunst und Jazz seit 1920“ wird an diesem Freitag um 19 Uhr im Kunstmuseum Stuttgart eröffnet. www.kunstmuseum-stuttgart.de

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