Der Posaunist Albert Mangelsdorff Foto: Jörg Becker

Zur Ausstellung „I Got Rhythm“ im Stuttgarter Kunstmuseum“ präsentieren wir die Größen des Jazz. Hier: Albert Mangelsdorff (1928–2005), Wegbereiter in Europa.

Stuttgart - „I Got Rhythm – Kunst und Jazz seit 1920“ heißt die aktuelle Sonderausstellung im Kunstmuseum Stuttgart. Untersucht werden die Querverbindungen und Beeinflussungen zwischen Jazz und Kunst. In einer 13-teiligen Serie stellen wir Größen des Jazz vor. Folge 11: Albert Mangelsdorff. 

Vor zehn Jahren ist der Posaunist Albert Mangelsdorff, die Galionsfigur des deutschen Jazz, an Leukämie gestorben. Im Frankfurter Stadtteil Praunheim wuchs er als Sohn eines sozialdemokratischen und antifaschistischen Buchbinders auf. Er gehörte während der Nazizeit zu den Swing Kids, die vor den Tanzlokalen Wachen aufstellten und die, wenn die Gestapo nahte, flott vom „Tiger Rag“ zur „Löwenjagd im Taunus“ wechselten.

Alberts Bruder Emil, der vor kurzem 90 wurde, spielte schon Saxofon in Bands, wurde von Nazis verprügelt, verhaftet und in die Wehrmacht eingezogen. Albert hatte Glück, weil er noch zu jung war. Nach dem Krieg startete er seine Karriere als Rhythmusgitarrist in US-Clubs, er studierte Harmonielehre und nahm bei Fritz Stähr, dem Soloposaunisten der Frankfurter Oper, Unterricht. In der schlechten Luft eines Jazzkellers übte er täglich mehrere Stunden.

Vom Bop und Cool zum Free Jazz

Das 1961 formierte Albert-Mangelsdorff-Quintett mit Heinz Sauer am Tenorsaxofon wurde zum Wegbereiter des europäischen Jazz. Auf einer Asientournee ließen sich die Musiker von fremden Einflüssen inspirieren, experimentierten mit modalen Improvisationen und begaben sich auf den Weg vom Bop und Cool zum Free Jazz. 1963 erschien das Album „Tension“, von dem Mangelsdorff später sagte: „Für mich war es der Beginn dessen, von dem ich sagen könnte: Ab hier gilt’s.“

Mit Jazzleidenschaft und handwerklichem Fleiß hatte er sein mehrstimmiges Posaunenspiel perfektioniert, das zu seinem Markenzeichen wurde. Dabei wird ein Ton angeblasen, ein zweiter ins Mundstück ­gesungen, und durch ihre Interaktion entstehen Multiphonics, also Obertöne, ja sogar ganze Akkorde. Mangelsdorff war der erste Jazzposaunist, der 1972 ein komplettes ­Solokonzert bestritt.

1980 wurde Mangelsdorff zum weltbesten Jazzposaunisten gewählt

Es folgten fruchtbare Jahre: mit dem United Jazz and Rock Ensemble und in kleinen Besetzungen, etwa im Duett mit Wolfgang Dauner, und weitere Soloauftritte. Mangelsdorff leitete das Berliner Jazz-Fest, saß der Union deutscher Jazzmusiker vor, wurde 1980 zum weltweit besten Jazzposaunisten gewählt und erhielt den Großen Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.

Ausgleich fand der sympathische Mann in der Familie, bei seiner Ehefrau ­Ilo und Sohn Ralph, heute ein bekannter ­Countertenor, sowie in Wald und Feld als Hobbyornithologe. Der Gesang einer Blaumeise vor dem Fenster etwa inspirierte ­Albert Mangelsdorff zu einem unverwechselbaren Solo.

Alles rund um die ­„I  Got Rhythm“-Schau, Hörbeispiele, ­Videoclips und alle Folgen unserer Serie sammeln wir auf: www.stn.de/igotrhythm

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