Freuen sich über guten Messe-Start: Stuttgarter Galerist Marko Schacher und Maler Jim Avignon Foto:  

Offen für alles und für alle – so sieht sich die Kunstmesse Art Karlsruhe gern. Immer wieder aber wird es auch richtig ernst. Zum Glück, findet „Stuttgarter Nachrichten“-Autor Nikolai B. Forstbauer.

Stuttgart - Das Publikum liebt diese Messe, liebt die Vielfalt der Art Karlsruhe, genießt das ­Gefühl, eine mutmaßlich oder real hermetische Welt überraschend offen erleben zu können. Die Künstlerinnen und Künstler sind hin- und hergerissen – die Aufsteiger fragen sich, ob sie in Karlsruhe noch gesehen werden dürfen, die Etablierten nehmen die Sache lockerer und lassen – wie bei der ­Vorbesichtigung der Maler Markus Lüpertz oder der Bildhauer Werner Pokorny – ­spüren, dass man eigentlich nur nach dem rechten schaue.

Mehr als 200 Galerien in vier Messehallen

Und die eigentlichen Akteure? Mehr als 200 Galerien präsentieren sich in den vier Hallen der Messe Karlsruhe – und wohl kaum nur, weil Fernsehfachmann Rudij Bergmann schon früh durch die Gänge streift, agiert manche und mancher, als gelte es, sich schärfstens vom Kunst-Glitzerbild nicht nur der Privatsender zu dstanzieren.

Die Kunstmesse Art Karlsruhe ist auch in ihrer 16. Ausgabe zuvorderst eine Einladung, sich ohne Scheu durch künstlerische Äußerungsmöglichkeiten treiben zu lassen. Nichts ist hier peinlich. Doch nur, weil es ­andererseits hohe Qualität gibt.

Die Botschaft: Perfekt sind andere

Diese Messe ist nicht zu verstehen ohne ihren Vordenker, Macher und „Kurator“,­­ ­ohne den Schloss Mochental-Galeristen Ewald Karl Schrade. Seine ­Begeisterung für künstlerische Äußerungen an sich wie sein sehr klares Bekenntnis zu Qualitäten auch innerhalb eines an sich schon diskussionsfreien Gesamtwerkes prägen die Art ­Karlsruhe. Auch und gerade in ihrer 16. ­Auflage. Perfekt sind andere – diese Botschaft trägt die Art Karlsruhe keineswegs kokett vor sich her. Sie ist ernst gemeint, umso mehr, als die Divers-Winde so kräftig durch die Gesellschaft wirbeln, dass ­Schlagerstar Helene ­Fischer mit „Regen­bogenfarben“ eine ­Hymne auf die Vielfalt platziert.

Marko Schacher überrascht

So können zuletzt alle entspannt durch die Hallen schlendern – und sich positiv überraschen lassen. Vor allem auf dem umgekehrten Weg. Hinein also in die Halle vier und die Titelbehauptung „Contemporary Art 21“. Vieles, viel zu vieles, sieht hier ­irgendwie aus wie ....

Doch Halt!, da ist inmitten einer buch­stäblich bunten Kunstarena die eigentünlich grau-weiße Alltags-Wahrnehmungswelt von Leszek Skurski bei Von & Von (Nürnberg) und da ist ein Auftritt der ­Galerie Marko Schacher, wie man sich ihn doch auch konsequent in ihrem „Raum für Kunst“ im Galerienhaus Stuttgart wünschen würde. Schacher vertraut Claudia Thorbans auf und zwischen Acrylglas­scheiben entwickelten Naturhymnen im Ringen gegen Jim Avignons Erzählfreude – und gewinnt.

Markt-Comeback von Max Ackermann

In der Halle Drei wird dann schnell klar: Die 16. Art Karlsruhe macht keinen Auf­steiger zu ihrem Helden – und verbeugt sich auch nicht unabgesprochen zeitgleich vor Bildwelten der 1980er oder 1990er Jahre. Nein, es ist die Messe des Max Ackermann (1887-1975). In den späten 1940er und ­frühen 1950er Jahren im Feld der lyrischen Abstraktion aus eigener Einschätzung ­unverdient im Schatten von Willi ­Baumeister, spürte er diesen nach ­Baumeisters Tod 1955 gleichwohl noch deutlicher.

Und nun? Viele Jahre nach umstrittenen Anläufen einer neuerlichen Marktpositionierung? Pokert Die Galerie (Frankfurt), überzeugend auch mit Johannes Heisigs Bild „Brandschatz“ von 1996, mit musealer Ackermann-Qualität in schwindelerregenden 180 000 Euro-Höhen – mit gutem Grund. Die „One-Artist-Show“ von Die Galerie zeigt die mögliche Spitze der Ackermann-Bildwelt – und zieht alle weiteren Art Karlsruhe-Stationen (am Stand etwa der ­Stuttgarter Galerie Valentien oder der Galerie Döbele) Ackermanns mit.

Starke Stuttgarter Phalanx

Kommt man aber nicht zuvorderst wegen des Galerienvergleichs auf eine Kunstmesse? In diesem punktet in Halle Drei („Klassische Moderne und Gegenwartskunst“) das ­Stuttgarter Kunsthaus Fischer – allen voran mit Werken von Wolf Nikole Helzle – mit einigem Nachdruck. Gerade so, als gelte es, den immer wieder durch Spitzen gesicherten Messe-Anspruch der Zugänglichkeit zu spiegeln.

Als Qualitätsstütze der Art Karlsruhe darf und muss längst schon die Galerie Schlichtenmaier (Grafenau und Stuttgart) gelten. 50 Jahre Galeriearbeit sind in diesem Jahr zu feiern – da darf man schon mal weiter ausholen. Hauptwerke von Adolf Fleischmann, Anton Stankowski und Walter Stöhrer sorgen für Rückendeckung in einem ­Panorama, das von Willi Baumeister bis zu Platino reicht.

Gefeierter Aufsteiger: der Maler Yongchul Kim

Wer sich bisher noch immer nicht aufgefordert sieht, die Art Karlsruhe zu besuchen (möglich bis einschließlich diesen Sonntag) – Karl Hofers „Männerkopf im Profil“ (1948) bei Michael Schwarze, Lotte Lasersteins „Frau mit spitzem Hut“ (1940) bei der Berliner Salongalerie „Die Möwe“ sowie Emil Noldes „Aquarell mit zwei Seglern“ (um 1946) und Ida Kerkovius’ „Zwei Figuren“ (1949) am zentralen Halle-Drei-Stand der Düsseldorfer Galerie Ludorff sind die ­Anreise auf jeden Fall wert. Zu klassisch? Dann weiter in die Halle Zwei („Moderne Klassik + Gegenwartskunst“). Die Stuttgarter Galerie Michael Sturm – mit einem ­zweiten Standbein nun auch fest in Wien vertreten – setzt auf Farbformfreude von ­Dave Bopp und die wunderbar bittere Erzähl-Ironie von Andrea Bender, benachbart überrascht Brigitte March mit ihrem Engagement für Daniel Schöning.

Und Stuttgart, prägend präsent zudem mit den Galerien Abt Art, Klaus Braun und Von Braunbehrens, zieht noch einen weiteren Trumpf: Die Galerie Thomas Fuchs ­befeuert mit einer „One Artist Show“ weiter den rasanten Aufstieg des Malers Yongchul Kim.

Sonderschau der Sammlung Ruppert als Ruhepol

Wie frisch auch scheinbar Historisches sein kann, zeigt ein paar Meter weiter Markus Döbele mit der Bildkonkurrenz von Günther C. Kircherger und Georg Karl Pfahler in den Jahren 1958 bis 1962.

Es gibt sie also mehr denn je, die Felsen in der Art Karlsruhe-Brandung – zu nennen sind hier natürlich Galerien wie ­Nothelfer (Berlin) und Van der Koelen (Mainz). Aber auch der Blick auf eine Privatsammlung. In diesem Jahr gilt er den konkret-konstruktiven Werkblöcken des jüngst verstorbenen Sammlers Peter C. Ruppert. Die sorgsam präsentierte Schau ist notwendiger Ruhepol im leicht unüberschaubar wirkenden Geflecht von Druckgrafik und Fotografie in Halle Eins. Auftritte wie die der Galerie Peter Sillem (Frankfurt) deuten – mit Werken etwa von Frank Mädler – das Potential an, das für die Art Karlsruhe in der neuen Lust an der Kunst mit Fotografie liegen könnte.

Skulpturenplätze – ein Modell für weitere Themen?

Ein Modell liefert die Messe selbst. ­Nirgends sonst wird das Thema Skulptur so intensiv gepflegt. Da mag es bei manchen der Skulpturenplätze Irrtümer geben – Pole wie die Vogelskulpturen des in Leipzig lebenden Schweizers Matthias Garff (Galerie Tobias Schrade) und die vor der Explosion stehenden Stahl-Zeugen von Erich Hauser (Galerie Schlichtenmaier) ­belegen noch einmal: Kunst-Freude und Kunst als Philosophie mit anderen Mitteln sind auf und mit der Art Karlsruhe zwei untrennbare Seiten einer 2019 wieder an Wert gewinnenden Messemedaille. Der Hans Platschek-Preis für das durchaus sperrige Werk von Monika Bonvicini passt da bestens ins Bild.

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