Mutter Natur anrufen: „Erdtelefon“ (1968) von Joseph Beuys Foto: Joseph Beuys Estate VG-Bildkunst, Bonn 2025

Joseph Beuys hat provoziert und den Kunstbetrieb auf den Kopf gestellt. Seine frühen Zeichnungen verraten einen ängstlichen, unsicheren Künstler.

Das Publikum schüttelte eher den Kopf, wenn es vor den Fettecken von Joseph Beuys stand, vor den Filzrollen, Schlittenparaden und kruden Objekten. Im Kunstbetrieb wurde Beuys dagegen lange wie ein Heiliger hofiert und als Jahrhundertkünstler und Messias gefeiert, der die Kunst revolutioniert und den Betrieb ja tatsächlich gewaltig aufgemischt hatte. Dann der Fall: In den vergangenen Jahren wurden vor allem seine völkischen Motive diskutiert, seine Nähe zu Rudolf Steiner und zur NS-Ideologie.

 

Seither gilt es, sich zu positionieren, weshalb es mutig ist, dass sich die Kunsthalle Tübingen nun an eine Beuys-Ausstellung gewagt hat. Die Direktorin Nicole Fritz ist die Angelegenheit jedoch erstaunlich unaufgeregt angegangen. Ihr geht es weder um Heldenverehrung noch um eine Abrechnung, obwohl sie sich ein durchaus heikles Thema vorgenommen hat: „Bewohnte Mythen“, so der Titel. Denn Beuys hat sich viel mit Spiritualität und Mythen beschäftigt, mit Volksglauben, Märchen und Naturphilosophien.

Und so begegnet man in der Kunsthalle Tübingen Quellennymphen, Zwergen und Zauberinnen, Nornen und Nebelfrauen. Als junger Mann meldete sich Beuys, 1921 geboren, für den Kriegsdienst und musste es bitter büßen. Als Bordfunker bei der Luftwaffe wurde er 1944 abgeschossen. Körperlich erholte er sich, psychisch nicht, sondern hatte mit Depressionen zu kämpfen. Wenn man das Blatt „Explodierender Schädel mit Kristall“ von 1952 sieht, bezieht man das fast zwangsläufig auf seine damalige psychische Verfasstheit.

Heilung wurde zum zentralen Begriff für Beuys, der dabei auf alte Mythen und Kräfte der Natur setzte. Deshalb steht in der Kunsthalle neben einem Erdklumpen ein Telefon, mit dem man sozusagen Mutter Natur anrufen und um Hilfe bitten könnte. Auf Zeichnungen sitzen Menschen vor einer Hütte oder ums Feuer herum, „Erdhorcher“ pressen sogar das Ohr auf den Boden und lauschen den Botschaften der Erde. Aus diesen frühen Zeichnungen spricht eine romantische Sehnsucht nach einem Einssein mit der Natur und nach Trost durch ihre Hilfe.

1972 wurde Beuys als Professor entlassen

Mit dieser Sehnsucht war Beuys nicht allein, weshalb in der Ausstellung auch Werke von Kollegen hängen, die ebenfalls nach den Schrecken des Kriegs Zuflucht in spirituellen und mythischen Themen suchten. Willi Baumeister beschäftigte sich mit der geistigen Energie der Farbe und malte metaphysische Landschaften. Fritz Winter war organischen, reinen Formen auf der Spur. Beuys wollte die Erde nach den „furchtbaren Vertotungen wieder zum Leben erwecken“.

Überraschend ist, wie Beuys zeichnete. Häufig sind die Motive wie hingehaucht, sodass man sie kaum ausmachen kann. Die Blätter sind unwahrscheinlich fein und zart, ja zögerlich. Aus diesen Zeichnungen spricht Ängstlichkeit, Schwäche und ein Mensch, der eher hilflos sucht, ohne genau zu wissen, was. Diese frühen Arbeiten lassen sich so gar nicht in Verbindung bringen mit dem späteren Beuys, der radikal und provokant den Kunstbetrieb aufmischte und sich selbstbewusst mit der Kamera bei seinen Aktionen begleiten ließ und Massen mobilisierte.

Keine zehn Jahre später wurde Beuys 1961 Professor an der Kunstakademie Düsseldorf und machte fortan immer neue Schlagzeilen. 1967 gründete er die Deutsche Studentenpartei, 1970 rief er die „Organisation für Nichtwähler, Freie Volksabstimmung“ ins Leben. 1972 wurde er dann als Professor entlassen, weil er unter dem Slogan „Jeder Mensch ist ein Künstler“ abgelehnte Bewerberinnen und Bewerber an seinen Kursen teilnehmen ließ und sich den Reglements der Akademie mehrfach widersetzte.

In Tübingen sind auch spätere Werke, Installationen und Videos sehen, in denen die Anleihen an Volksmythen, Natursymbolik und religiöse Rituale zur Methode wurden. In einer Aktion schmiert sich Beuys den Kopf mit Honig ein, denn „mit Honig auf dem Kopf tue ich natürlich etwas, was mit dem Denken zu tun hat“, wie er sagte. Er lud die Materialien mit seiner Privatsymbolik auf: Filz stehe für Wärme und Isolation, Honig für Heilung und Transformation, und im Fett sei etwas enthalten, „was den Wärmecharakter am besten demonstriert“.

In den 1960er Jahren tritt Beuys dann auch immer häufiger als Schamane in Aktion und nutzt Rituale aus Religion und Volksglaube, damit sie wie „magische Katalysatoren“ die verdrängten Gefühle der Menschen befreien. Er führte Fußwaschungen und Taufen durch. Der Glaube an Reinigung und Katharsis mag nachvollziehbar sein, aber manche Aktionen erinnern an heutige „Spiritual Coaches“ oder „Motivationsgurus“, die Hallen füllen mit Versprechen auf Wunderheilung oder Erfolg. Auch Kampfansagen wie „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ klingen heute naiv und reihen sich ein in die aktuellen Angriffe auf den Sozialstaat.

Nicole Fritz wertet nicht in ihrer Ausstellung, weist an einigen Stellen aber explizit darauf hin, dass die Gedankenwelt von Beuys heutige kritisch gesehen werden kann (aber nicht muss) – sei es, weil er lebende Tiere einsetzte, sei es, dass er auf patriarchale Muster zurückgriff, wenn er Frauen als Archetyp des großen Weiblichen feierte und ihnen „lebensspendende und feinfühlige Wärme“ zusprach, Männer dagegen kalten Intellekt besäßen. Letztlich überlässt die Ausstellung es dem Publikum, sich einen Reim auf die beuyssche Welt zu machen – und auf seine Vorstellungen von „energetischen Wechselwirkungen“, „Kräfteverhältnissen der Landschaft“ oder der „Überwindung der Materie“.

Gefühl statt Verstand

Energieplan
Beuys war überzeugt, dass eine undogmatische Spiritualität helfe, „zukünftigen Katastrophen entgegen zu wirken.“ So forderte er in seinem „Energieplan“, sich auf neue Weise in Tiere und Pflanzen einzufügen.

Info
bis 8.3., geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Donnerstag 11 bis 19 Uhr. adr