Die Kuratorin Gisela Sprenger-Schoch erklärt die Arbeit der Künstlerin Morgan O´Hara, die mit ihren Live Transmissions Bewegungen in Echtzeit visualisiert. Foto: Ines Rudel

In der Ausstellung „Tanz. Bewegung. Geste. Bild“ werden vermeintliche Gewissheiten schnell in Zweifel gezogen. Wo hört die Bewegung auf und wo fängt das Bild an, ist nur eine der spannenden Fragen, welche die Exponate aufwerfen.

Göppingen - Scharfe Trennungen verschwimmen. Die wechselseitige Beziehung von Tanz und Bildender Kunst zeigt die Ausstellung „Tanz. Bewegung. Geste. Bild“ seit Sonntag noch bis zum 24. März in der Kunsthalle in Göppingen. Zu sehen sind auf 800 Quadratmeter und über zwei Ebenen rund 90 Arbeiten von etwa 40 europäischen und US-amerikanischen Künstlern, die sich in Grenzregionen zwischen Bild und Tanz bewegen. Begleitet wird die Ausstellung von einem Programm, das neben Führungen auch Tanzperformances und Workshops beinhaltet.

Kuratiert ist die Ausstellung von Gisela Sprenger-Schoch und Werner Meyer. „Viele der Arbeiten, sind aus der Bewegung heraus entstanden“, erklärt Sprenger-Schoch zum Schaffensprozess einiger der ausstellenden Künstler. Und: „Eigentlich wird die Geschichte zweier Kunstsparten erzählt.“ Künstler wie Vaslaw Nijnsky oder Sophie Taeuber-Arp sind als Tänzer zur Bildenden Kunst gekommen und hätten in ihren Bildern den tänzerischen Hintergrund auf eine neue Art interpretiert. Wichtig ist der Kuratorin, dass die beiden Ausdrucks- und Kunstformen, die Bildende Kunst und der Tanz, gleichberechtigt sind. Es sind auch Videoinstallationen zu sehen, etwa die sich in einer Dauerschleife drehende Ulrike Rosenbach oder Choreografieaufnahmen. „Die Ausdrucksarten hätten sich überschnitten im Denken und das führe zu einer wunderbaren Umarmung, findet Sprenger-Schoch.

Eine Geschichte von Neulandsuchern

Das spannende Thema der neuesten Ausstellung in der Kunsthalle eröffnet seltene Einblicke in das Beziehungsgeflecht zweier Kunstdisziplinen im 20. und 21. Jahrhundert. Die Kunsthalle selbst beschreibt den Inhalt der Ausstellung als das Experimentieren in der Verbindung von Tanz und Kunst, als eine Geschichte von Neulandsuchern, die im Austausch künstlerischer Positionen radikale Umbrüche und Entwicklungen hervorbrachten. In vielen der ausgestellten Arbeiten sind die Grenzen der Disziplinen verwischt. Wo fängt das Bild an und wo hört die Bewegung auf? Eine Antwort auf diese Frage scheint zunächst ganz einfach. Doch die ausgestellten Arbeiten im Grenzbereich zwischen Bild und Tanz belehren den Betrachter eines Besseren und rufen Zweifel am vermeintlich Unumstößlichen hervor, sie bringen die für viele Menschen seit Kindesbeinen an geltenden Gewissheiten ins Wanken. Die Trennung ist eben überhaupt nicht so eindeutig und scharf definierbar, wenn die Bewegung verbildert wird, wenn sie auf einer Fläche oder in einer Skulptur eingefangen wird.

Eines der vielen Beispiele dafür ist die Arbeit der US-amerikanischen Künstlerin Morgan O´Hara. Ihre sogenannten Live Transmissions sind feine Bleistiftzeichnungen, welche aufs Papier gebrachte Bewegungen darstellen. Mit beiden Händen gibt O´Hara jene Bewegungen wider, die sie zeitgleich wahrnimmt. Am Ende entsteht ein Bild mit einem vermeintlich willkürlichen Geflecht aus zahlreichen Linien, die sich wild überkreuzen, annähern, von einander entfernen, sich verdichten oder sich wieder entflechten. Die Künstlerin ist zum Symposium am 23. Februar eingeladen, um live zu zeichnen.

Die Lichtzeichnungen von Ólafur Elíasson

Einen anderen Weg, Bewegung als Bild darzustellen, geht William Anastasi. Der US-Amerikaner visualisiert in seinen Arbeiten Bewegungen, die von außen auf ihn einwirken, zum Beispiel das Rütteln der U-Bahn beim Fahren. Diese „Krizeleien“, wie Anastasis Arbeiten im Katalog der Ausstellung beschrieben werden, kumulieren trotz Ausreißer meist um ein nicht genau auszumachendes Zentrum. Kaum weniger bemerkenswert sind die Lichtarbeiten von Ólafur Elíasson, der ebenfalls mit einer Reihe von Bildern in der Ausstellung vertreten ist. Auf schwarzem Hintergrund sind weiße, feine, helle Linien zu sehen – mal ruhig, mal laut, mal harsch, mal ganz sanft. Die Linien sind aber nicht gezeichnet, es ist Licht, das mit der Langzeitbelichtung einer Fotokamera eingefangen wurde.

Ebenfalls mit einer Kamera eingefangen ist der schmerzhafte Rhythmus der Israelitin Sigalit Landau. Das Video zeigt, wie eine nackte Frau am Strand in Tel Aviv einen Ring aus Stacheldraht wie einen Hula-Hoop-Reifen um ihre Hüfte kreisen lässt. Die Haut zwischen dem dunklen Schamhaar und dem Bauchnabel ist schon blutig von dem grausamen Spiel, das so viel mit der Situation im Nahen Osten gemein hat. Immer wieder dreht sich der Stacheldrahtreifen aufs Neue um den Körper, jedes Mal tut es weh und doch hört die Tänzerin nicht auf sich zu bewegen. Das Video hält also niemals an und trotzdem steht es still. Die genaue, trennscharfe Grenze zwischen Tanz, Bewegung und Bild, es gibt sie nicht.

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