Wahrzeichen Stuttgarts: Kuppel des Kunstgebäudes Foto: dpa

„Mitstreiter gesucht“, betitelte unsere Zeitung im September die exklusive Nachricht, das Kunstgebäude Stuttgart, aktuell in zentralen Räumen durch den Landtag genutzt, könne nach 2016 spartenübergreifendes Forum aktuellen künstlerischen Schaffens werden. Jetzt wird das Land gar Vorreiter des Projekts.

Stuttgart - Baden-Württembergs Finanz- und Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) kennt sich aus mit der Kunst – nicht nur durch seine Zeit als Beiratsvorsitzender der Kunststiftung Baden-Württemberg. Schmid weiß um die Bedeutung wichtiger Köpfe, weiß um die Kräfte, die frei ­werden können, wenn man unterschiedliche Positionen zusammenbringt.

Und nun ist sich Schmid, der als für die Liegenschaften des Landes verantwortliche Finanzminister den Schlossplatz als Bühne für das Internationale Trickfilmfest sicherte und dem Kunstmuseum Stuttgart bei dessen großer Sonderschau zum Werk von Michel Majerus eine Majerus-Skaterrampe als befahrbares Kunstwerk auf dem Schlossplatz ermöglichte, ganz sicher: „Hier wird etwas völlig Neues entstehen“.

Hier – das ist im Kunstgebäude Stuttgart . Noch bis Anfang 2016 – so ist es geplant, wenn der Zeitplan für die Sanierung des Landtagsgebäudes gehalten werden kann – ist dort das Landesparlament zu Gast. Dann aber soll rück- und umgebaut werden. Um ein Projekt zu realisieren, das unsere Zeitung bereits umfassend vorgestellt hat: Das Kunstgebäude – im Vierecksaal und Glastrakt aktuell bis 20121 vertragsrechtlich gesicherte Bühne des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart, soll in den eigentlichen Kernbereichen Forum experimenteller Kunstformen werden. Damit ist ein neues Kapitel in der Kunstgebäude-Geschichte begonnen.

Bereits 2005 schrieb unsere Zeitung: „Immer dann entfaltete der Kulturquartier-Motor Kunstverein/Kunstgebäude besondere Kraft, wenn er projektbezogen gezielt Allianzen einging, immer wieder etwa mit der Akademie Schloss Solitude und der Stadtbibliothek. Und welche Leichtigkeit solche Handlungsfreiheit mit sich bringt, konnten in den vergangenen ‚Theater der Welt‘-Wochen die Besucher der Hafenbar spüren. Offene Türen sucht die Stadt, offene Türen bot der Kunstverein – und markierte so den Anfang eines Weges, an dessen Ende nach dem Modell des Pariser Gegenwartskunstforums Palais de Tokyo eine bis in die späten Abendstunden geöffnete Ausstellungs-, Diskussions- und Filmkunstbühne stehen könnte.“

Allianz aus bildenden und darstellenden Künsten

Im November 2015 heißen die Hauptakteure der Initiative Armin Petras (Intendant des Schauspiels Stuttgart),  Martina Grohmann (Co-Intendantin des Theaters Rampe in Stuttgart) und Hans D. Christ (Co-Direktor des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart). Damit kündigt sich eine Allianz aus bildenden und darstellenden Künsten an. „Wir können dort in Deutschland etwas Einzigartiges schaffen“, ist Armin Petras überzeugt – und verweist auf „doch bereits bestehende Häuser, die sich aber auf experimentelle Theaterformen konzentrieren“. Gleichwohl sei, so Petras, die seit 2014 in zahlreichen Gesprächen mit Vertretern ganz unterschiedlicher Kultureinrichtungen entwickelte Perspektive für das Kunstgebäude, nicht eine beliebig verschiebbare Option – und verweist auf die Volksbühne in Berlin. Mit Chris Dercorn wird dort ein Museumsmann, Nachfolger von Frank Castorf. alles andere als eine interdisziplinäre Kunstmaschine Volksbühne wäre eine Überraschung.

Wie aber kann das Kunstgebäude, dem doch die zentrale Rolle im Kulturquartier der Landeshauptstadt zukommt, die angedachte Plattform der Gegenwartskünste werden? Als Initiative der inhaltlich Beteiligten – so skizziert es ein am Freitag offiziell der Landesregierung übergebenes Papier.

Organisatorisch verantwortlich sein soll ein Trägerverein, der „finanziell und personell entsprechend ausgestattet werden muss“ (Kunstvereins-Co-Chef Christ). Die inhaltlichen Leitlinien sollen dann „in einer Programmkonferenz diskutiert werden, die dann wiederum Experten für das jeweilige Thema bestimmt“. Was zunächst etwas ­diffus klingt, ist nicht nur für Hans D. Christ längst gängige Arbeitspraxis. Ob im Theater Rampe, ob in der internationalen Fördereinrichtung Akademie Schloss Solitude – stets gilt, die bestmöglichen Experten für ein gewähltes Thema zu gewinnen, die sich dann an die Vertiefung machen.

Bewusste Entscheidung gegen Intendantenmodell

„Wir haben uns bewusst gegen das Intendantenmodell entschieden“, sagt Hans D. Christ. Eben von diesem war Jürgen Walter (Grüne), Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, lange ausgegangen. Nun rückt er am Freitag drei Kerngedanken in den Mittelpunkt. Das neue Kunstforum soll „keine Verlängerung bestehender Spielstätten oder Institutionen sein“. Und: „Der Dialog der Disziplinen ist Kennzeichen des gegenwärtigen Kunstschaffens. Transdiziplinarität gewährleistet, die Potentiale des Kunst- und Wissenschaftsstandorts Baden-Württemberg konzentriert an einem Ort abzubilden und stärker global zu vernetzen.“ Zweiter Kernpunkt für Walter: „Das Programm wird von internationalen Experten aus verschiedenen Sparten (Regisseure, Künstler, Wissenschaftler und andere) entlang eines Themas entwickelt“. Ein neuer Blick auf das Bauhaus könne etwa ein solches Thema sein.

Dritter Kernpunkt: „Die Umsetzung findet auf Basis von Kooperationen statt, bei der lokale kulturelle Ressourcen genützt werden“. Und so wagt Walter zuletzt eine Prognose: „Die Programmkonferenz ist eine hoch interessante, zukunftshaltige Konstellation – sie wird zur Internationalisierung der Kulturszene im Land beitragen“.

Hoch fliegende Pläne setzen harte Vorarbeit voraus – das ist beim Thema Kunstgebäude nicht anders. Eine Machbarkeitsstudie soll von Frühjahr 2016 zunächst einmal klären, welche baulichen Veränderungen möglich und notwendig sein werden. Im Frühjahr 2018 dann könnte das Forum der Künste starten – lokal initiiert und verankert und global vernetzt. Als „Kunsteinrichtung des Landes“, wie Finanz- und Wirtschaftsminister Schmid zuletzt betont.

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