Weithin sichtbar: Kunstgebäude am Schlossplatz in Stuttgart Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Wie unsere Zeitung berichtete, zieht von 2020 an die Landespolitik mit Veranstaltungen erneut mit in das Kunstgebäude Stuttgart. Auch inhaltlich tut sich dort etwas.

Stuttgart - Das Kunstgebäude am Schlossplatz in Stuttgart ist eines der größten Ausstellungshäuser in Deutschland. Wie einst schon zwischen Württembergischem Kunstverein Stuttgart (seinerzeit als Hausherr) und ­Galerie der Stadt Stuttgart (seinerzeit als Untermieter) ist das Gebäude auch aktuell nutzungsgeteilt.

Kunstverein eröffnet Alexander Kluge-Ausstellung

Den Anbau mit Glastrakt und Vierecksaal bespielt der Württembergische Kunstverein – und eröffnet dort an diesem Freitag um 19 Uhr die bisher umfassendste Bestandsaufnahme zum Gesamtschaffen des Filmemachers Alexander ­Kluge. Eine Grundkonzeption des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst sieht für den historischen Kuppelsaal, den Erdgeschoss-Verteilersaal und die ­umlaufenden Räume im Erd- und Obergeschoss eine spartenübergreifende Nutzung vor. Die hierfür notwendige Sanierung ist ­jedoch bisher nicht finanziert.

Staatsministerium wird Akteur im Kunstgebäude

Die Sanierung des für Repräsentationszwecke des Landes genutzten Mitteltraktes des Neuen Schlosses verändert diese Ausgangslage erheblich. Von 2020 an wäre danach – und wohl für drei Jahre – das Staatsministerium eine wichtige Größe im Kunstgebäude. Gut für die Kultur: Die Raumnot der Politik wird die Sanierung im Kunstgebäude möglich machen und ­beschleunigen. Schwierig für die Kultur: Festliche Veranstaltungen des Landes brauchen Raum und verändern die Positionierung.

Kunstministerium sieht Vorteile

„Einerseits“, sagt Petra Olschowski, parteilose Staatssekretärin im Ministerium für ­Wissenschaft, Forschung und Kunst auf ­Anfrage, „bringen die neuen Entwicklungen unsere Pläne durcheinander. Andererseits eröffnen sich durch die gemeinsame ­Nutzung von Kunst- und Staatsministerium über einen Zeitraum von etwa drei Jahren neue Möglichkeiten – inhaltlich, aber auch bezogen auf notwendige Baumaßnahmen.“ Und sie betont: „Der Umbau im Jahr 2019 kommt jetzt mit erhöhtem Druck, auch ­Zeitdruck. Jetzt besteht die Chance, die notwendigen Umbaumaßnahmen sehr schnell umzusetzen.“ Zuletzt sagt Olschowski: „Wir planen nicht an den Bedarfen der Kultur vorbei. Die nun vorgezogene Baumaßnahme soll mit der Expertise der Vertreter der ­Kultur realisiert werden.“

Architektur als neues Thema

Doch auch ohne die überraschende Allianz mit der Politik muss in der Kunstgebäude-Projektgruppe aus Württembergischem Kunstverein Stuttgart, Schauspiel Stuttgart, Theater Rampe, ­Akademie Schloss ­Solitude, Institut für Auslandsbeziehungen und Kunstakademie Stuttgart wohl noch einmal neu nach­gedacht werden.

Ein neues Thema soll Einzug finden. „Urbanismus, Stadtentwicklung und die Frage, wie wir leben wollen“, bestätigt das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst auf Anfrage, „ist ein wichtiges Thema gerade für Stuttgart. ­Dieses könnte auch im Kunstgebäude einen Raum finden“. Das Ministerium bestätigt zudem „Gespräche mit der Architektenkammer Baden-Württemberg und dem Bund Deutscher Architekten unter dem Vorzeichen, dass Architektur in und für Baden-Württemberg ein wichtiges Thema war und bis heute ist“. Einig sei man sich, dass „das Thema stärker öffentlich vermittelt werden sollte“.

Kunstgebäude als Motor des Kulturquartiers Stuttgart

Werner Sobeks Vorstoß schon 2014

Zur Erinnerung: Im Juli 2014 skizzierte Werner Sobek, Leiter des ­Instituts für Leichtbau, Entwerfen und Konstruieren der Universität Stuttgart und international ­bekannter Vordenker nicht nur des Leichtbaus, sondern auch der fachübergreifenden Zusammenarbeit von ­Architekten, Ingenieuren, Gestaltern und Künstlern, in unserer Zeitung eine mögliche Zukunft für das Kunstgebäude Stuttgart.

„Die Region Stuttgart“, sagte Sobek ­seinerzeit, „verfügt über ein enormes Potenzial an Gestaltern – sei es im Bereich der Architektur, des Industrie- und des Kommunikationsdesigns, der Fotografie oder bei der Ausstellungsgestaltung. Diese kreative Kraft und Vielfalt muss viel stärker als bisher im Herzen der Stadt sichtbar ­werden.“ Und Sobek bekräftigte: „Wir brauchen ­dringend einen Ort, an dem über die Disziplinengrenzen hinaus über Gestaltung ­diskutiert werden kann, an dem wir der ­breiten Öffentlichkeit neue Entwicklungen präsentieren können – kurz: ein Ort, der ­informiert, inspiriert, verbindet. Das Kunstgebäude ist hierfür aufgrund seiner Lage und seiner ­Gestaltung prädestiniert.“

Architektur als ständiges Thema

Auf viel Gegenliebe war Sobek mit seinem Vorstoß 2014 nicht gestoßen. Haben sich die Vorzeichen für den Blick auf das Thema Architektur in seiner ganzen Vielfalt inzwischen geändert? Bedingt auch durch das jüngst in Stuttgart selbst wieder erwachte Interesse an städtebaulichen Fragen und Zusammenhängen? Eine weitere Frage schließt sich an, spielt doch Architektur in vielen Projekten des Württembergischen Kunstvereins eine ­wesentliche Rolle – in der Analyse baulicher Strukturen als Abbilder sozialer Verhält­nisse. Wie auch die Akademie Schloss ­Solitude dieses Themengebiet erschließt – als Befragung des ­öffentlichen Raumes. Soll daran angeknüpft ­werden? „Es gibt gerade für dieses Thema“, so eine Ministeriums-Sprecherin, „bei ­verschiedenen ­Kulturein­richtungen in Stuttgart Ressourcen. Konkrete Konzepte, die mit diesen ­Ressourcen arbeiten ­beziehungsweise davon ausgehen, gibt es aktuell noch nicht“.

Ministerium führt Gespräche

Nimmt man die Ideen von Werner Sobek und die Vorstellungen des Ministeriums ­zusammen, ist die Frage folgerichtig, ob das neue Thema Architektur auch einen neuen (Koordinations-)Partner in der Projektgruppe verlangt. „Wir sind hier grundsätzlich offen“, heißt es aus dem Ministerium – „daher auch die Gespräche mit den Vertretern aus der Architektur“.

Staatssekretärin Olschowski sieht „starke Setzung“

Mit Blick auf den Dialog von Kunst und Politik im Kunstgebäude sagt Staatssekretärin Petra Olschowski: „Das Herz des ­Kulturquartiers Stuttgart bildet das Kunstgebäude am Schlossplatz in seiner geografischen Gelenkfunktion zwischen Staats­theater-Areal, Staatsgalerie, Institut für Auslandsbeziehungen, Landesmuseum Württemberg, Kunstmuseum Stuttgart und den gern als Festivalbühne genutzten Innenstadtkinos in der Bolzstraße.“ Und: „Das Kunstgebäude kann für drei Jahre Ort der Begegnung von Kunst und Politik werden mit gemeinsamen Diskursformaten. Das ist auch inhaltlich eine starke Setzung.“ Eine „Setzung“, die sich durch das Thema Architektur auch nach 2022 verstetigen könnte.

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