Szene aus Pasolinis Film „Was sind die Wolken?“ Foto: Projektgruppe Kunstgebäude

Neue Akteure und neue Themen drängen in Stuttgart in das Kunstgebäude Stuttgart. Jegliches Geschehen dort ist in Zusammenhängen zu sehen, schreibt „Stuttgarter Nachrichten“-Autor Nikolai B. Forstbauer .

Stuttgart - Die Politik steht vor der Tür. Das Staats­ministerium hat Platzbedarf im Kunst­gebäude angemeldet, wenn 2019 die Sanierung der Repräsentationsräume der Landesregierung im Mitteltrakt des Neuen Schlosses ­beginnt. Und die Politik ist ­bereits drin im Kunstgebäude, empfängt die Besucher mit einer begehbaren Bibliothek als Annäherung an eine Kernfrage der Protestkultur: Kann der lyrische Blick auf Zustände und Ereignisse analytisch sein?

Auftakt mit Analyse von Peter Weiss’ „Viet Nam Diskurs“

Peter Weiss’ Theaterstück „Viet Nam Diskurs“, 1967 in Frankfurt uraufgeführt, macht das Künstlerkollektiv CPKC – das sind Emily Fahlén, Peter Spillmann und Marion von Osten – zum Ausgangspunkt seiner Materialsammlung. Nicht die revolutionäre Bewegung ist das Thema, sondern die Frage, wie diese wahrgenommen, dokumentiert und reflektiert wird – und welche neuen Machtmechanismen dabei entstehen.

Solch künstlerisches Verfahren ist – nicht anders als die aktuell neu gepflegten Felder Ensemblekunst und Erweiterte Malerei – seit den späten 1960er Jahren Standard, was den Blick dankbar schnell auf die innere Präzision der Materialsammlung lenkt. Hier wird vielleicht ungewollt deutlich, wie viel mehr denn die faktischen Anlässe die Rezeptionsmechanismen und deren Hierarchieentwicklung in den Vordergrund treten.

Parcours der Diskurs-Ausrufezeichen

Folgerichtig jagt im weiteren Parcours ein Diskurs-Ausrufezeichen das andere, ist noch eine buchstäblich überragende Holzkonstruktion im Zentrum des Kunstgebäude-Kuppelsaals in ihrer gewollten Rohheit zugleich eine Absage an alle Repräsentation.

Plötzlich ist alles Kunst

Und dann? Ist doch plötzlich alles Kunst, alles Poesie – die ja doch die bitterste aller Künste sein kann. Iris Dressler und Christine Peters führen die Linien der Schau „Was sind die Wolken?“, im gleichnamigen Film hat der italienische Regisseur und Autor Pier Paolo Pasolini 1968 Shakespeares „Othello“ in ein Marionettentheater verwandelt. In Regie, Bild und Ton ein Meisterwerk und eine tief berührende Hommage an die Kunst als einzig gültiges Sinnbild der Hoffnung. Auch wenn die Schau an keiner Stelle das Dialogpaar Revolution und Romantik offen aufruft – die Hoffnung auf ein Stück Himmel klingt doch immer wieder an.

Kunst als Diskussion des Zusammenlebens

So führt die Ausstellung, das Projekt, der Parcours, das Archiv „Was sind die Wolken?“ Träume an widerstreitenden Fäden vor – bis hin zu zum zentralen „Capitulation Project“ von Frédéric Moser und Philippe Schwinger, in dem sich die Auseinandersetzung mit der Geschichte – im Zentrum das Verbrennen von Dörfern durch die US-Armee in Vietnam und den vorgeblich digitalen Krieg gegen den Irak 2003 – zu einer Frage nach den ­Möglichkeiten des Zusammenlebens an sich ­erweitert.

Offene Schnittstellen zur Kluge-Schau im Kunstverein

„Was sind die Wolken?“ will viel, kann ­zuweilen fesseln – und irritiert doch jene, die auch das unbestreitbare großartige Panorama „Alexander Kluge – Gärten der Kooperation“ im Vierecksaal des Kunstgebäudes besuchen. Ein paar Schritte geht es nur durch den Glastrakt, doch eine eigene Welt soll man dort betreten. Vierecksaal und Glastrakt sind vertraglich gesicherte Bühne des Württembergischen Kunstvereins ­Stuttgart. So weit, so gut. Doch ist nicht ­gerade Pasolinis Film „Was sind die Wolken?“ Thema einer von sieben Stationen des zuvor weniger umfangreich im La Virreira Centre de la Imatge in Barcelona präsentierten ­Kluge-Panoramas? Und ist nicht Kunstvereins-Co-Direktorin Iris Dressler gemeinsam mit Hans D. Christ und Valentin Roma ­Kuratorin der Ausstellung „Gärten der ­Kooperation“?

Ausstellungsarchitektur wird zum Mitakteur

Erweiterung, Präzisierung, Ausgründung – es gibt viele falsche wie richtige Begriffe für die Linien zwischen den Räumen im Kunstgebäude. Mehr noch aber: Nicht nur die Politik steht ja vor der Tür eines der ­national größten Ausstellungshäuser, auch ein neues Thema: Architektur. Folgerichtig für Stuttgart und längst überfällig.

Doch auch hier gilt: Die Architektur ist bereits drin im Kunstgebäude – noch jedes Projekt der Kunstvereinsverantwortlichen Iris Dressler und Hans D. Christ macht dies deutlich. Was aber, wenn nun aus den ­bewusst kühlen Schirmleuchten der Kluge-Ausstellung in der Schau „Was sind die Wolken?“ Sinn­bilder gewaltsamer Befragungsmethoden werden?

Die Position der Projektgruppe Kunstgebäude

Ein Argument gegen die über Jahrzehnte ja erfolgreich geübte Hoheit des Kunstvereins über Vierecksaal, Kuppelsaal und Eingangskabinette ist es zumindest nicht. Und was sagen jene, die in und mit der Projektgruppe Kunstgebäude (und der Ausstellung „Was sind die Wolken?“) seit Frühjahr 2017 den Weg zu einer spartenübergreifenden Kunstplattform als machbar skizzieren wollen? Elke aus dem Moore (Institut für Auslandsbeziehungen), Marie Bues und Martina Grohmann (Theater Rampe), Hans D. Christ und Iris Dressler (Württembergischer Kunstverein), Klaus Dörr (Schauspiel Stuttgart) und der einst noch zu Zeiten von Tilman Osterwold als Kunstvereinsdirektor bereits im Kunstgebäude aktive Jean-Baptiste Joly (Akademie Schloss Solitude) zeigen sich auf Anfrage zurückhaltend.

Nachdenken über die Freiheit

„Der Ausstellung ,Was sind die Wolken?‘, die das Jubiläum der Reformation zum Anlass nimmt, um über Freiheit, Emanzipation und Imagination nachzudenken, folgt Anfang April 2018 die Konferenz ,New Narratives‘“, sagen sie. Und: „Dem folgt die große Bauhaus-Ausstellung zum zweifachen Jubiläum (1918 und 1968). Im Herbst 2018 ist das Symposium ,Softpower at play‘ mit Ausstellung und Workshops zum Thema ,Kulturaustausch der Zukunft‘ vorgesehen.“

Projektgruppe Kunstgebäude erwartet Signale der Politik

Und was ist, wenn 2019 das Kunstgebäude auch Bühne für Staatsempfänge wird? „Dann“, lässt die Projektgruppe wissen, „gilt nach wie vor die bekannte Position: Die Institutionen, die am Projekt Kunstgebäude mitwirken, wünschen sich ein zugleich kollektives, zeitgenössisches, internationales und ortsgebundenes Programm, das unabhängig agiert und neue Positionen fördert.“ Und: „Dabei geht es uns in erster Linie ­darum, neue Formen von Kooperationen zu entwickeln. Wie die Politik dazu steht oder stehen wird, wird sich in den nächsten ­Monaten herausstellen.“

Sinnbild Europas als Traum und Schrecken

Bei Pasolini fragt der gemeinsam mit Jago auf einer Müllhalde abgeladene Othello: „Was sind die Wolken?“. Und Jago? Antwortet mit einem „Wer weiß“, das so durchdringend hoffnungsvoll ist, dass alle Verzweiflung verfliegt.

Was also sind die Wolken? In der im Kunstgebäude zu erlebenden Konstellation nicht zuletzt eine eigene Unendlichkeit in der ­Geschichte Europas. Sie von der Reformation trennen zu wollen ist so wenig möglich wie von der Kolonialgeschichte. Und die Kunst? Sie kann, wie Ana Vaz in ihrer ­Videoarbeit „Amérika: Bahia de las ­Flechas“, die Sichtweisen umkehren, kann die Blicke öffnen.

Gut zu wissenn

Vierecksaal und Glastrakt im Kunstgebäude Stuttgart sind Bühne des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart. Für die Altbau-Räume mit dem Kuppelsaal steht ein abschließendes Nutzungskonzept noch aus.

Jeden Sonntag Führungen

Die Ausstellung „Was sind die Wolken?“ ist Teil eines spartenübergreifenden Programms der Projektgruppe Kunstgebäude. Zu sehen ist sie bis zum 4. März (Di, Do-So 11-18 Uhr, Mi 11-20 Uhr). Der Eintritt kostet 5 Euro (ermäßigt 3 Euro). Kostenlose Führungen gibt es jeden Sonntag um 17 Uhr.