Die russische Justiz ermittelt gegen den Moskauer Regisseur Kirill Serebrennikov. Sein Reisepass wurde beschlagnahmt. Das setzt auch seine nächste Inszenierung im Ausland aufs Spiel – eine Premiere an der Stuttgarter Staatsoper im Oktober: „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck.
Stuttgart - Was unterscheidet die Sängerin Anna Netrebko vom Theaterregisseur Kirill Serebrennikov? Die Russin Netrebko kann als glühende Verehrerin ihres Präsidenten Wladimir Putin ungestört der internationalen Karriere nachgehen. Der Russe Serebrennikov dagegen muss als Putin-Kritiker und Teil der Bürgeropposition um seine weitere Existenz fürchten. Ein Teil dieser Existenz soll sich eigentlich demnächst auch in Stuttgart erweisen: Als erste Premiere der neuen Staatsopern-Saison steht Serebrennikovs Sicht auf Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ auf dem Plan. Ob es dazu kommt? Das ist sehr ungewiss.
Der 47-jährige Kirill Semjonowitsch Serebrennikov ist ein international angesehener Autor, Schauspiel-, Opern-, Tanz- und Filmregisseur. Seine Filme wurden in Cannes und Locarno gezeigt und prämiert, seine Inszenierungen waren bei den Wiener Festwochen und beim Festival in Avignon zu sehen. Seit 2012 ist Serebrennikov Leiter des Gogol Centers in Moskau – das Zentrum der aktuellen kritischen Künste in der russischen Hauptstadt. Hier gibt es Ausstellungen, Performances, Theaterabende, Konzerte, Diskussionen. Das Haus wird öffentlich finanziert. Einzelne Projekte, die keine Chance haben auf offizielle Gelder, ermöglicht Serebrennikov über eine gemeinnützige Gesellschaft namens „7. Studio“, deren Vorsitz er hat.
Im vergangenen Mai durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft das Gogol Center und die Räume vom „7. Studio“. Der Verdacht lautet, die Gesellschaft habe hier staatliche Zuschüsse von über 2,84 Millionen Euro unsachgemäß verwendet, also Untreue verübt. Offiziell richteten sich die Untersuchungen zunächst gegen die Verwaltung der Stiftung, Serebrennikov galt zunächst als Zeuge. Andererseits wurde von den Behörden sein Reisepass eingezogen. Dieser müsse von Experten untersucht werden, womöglich sei er in der Requisite des Gogol Centers gefälscht worden. Inzwischen sind die Beschuldigungen insgesamt auf Serebrennikov selbst ausgeweitet worden; die frühere Buchhalterin von „7. Studio“ beschuldigt ihn, die Veruntreuungen in Auftrag gegeben zu haben.
In Stuttgart zeigte Serebrennikov die „Salome“ ganz neu
Das alles können natürlich ganz gewöhnliche, ordentliche behördliche Ermittlungen sein, deren Ausgang man in Ruhe abwarten muss im Vertrauen auf den russischen Rechtsstaat; ungefähr so würde auf Anfrage wohl Frau Netrebko reagieren Es kann aber eben auch alles ganz anders sein. Hinter den Aktionen von Polizei und Staatsanwalt, vor allem hinter dem Einzug der Reisepapiere kann auch der Versuch stehen, den Putin-kritischen Künstler Serebrennikov zumindest einzuschüchtern, wenn nicht gar von der internationalen Bühne zu holen. Für diese Annahme spricht leider vieles – der „Tagesspiegel“ berichtet, der Ex-Buchhalterin sei vom Staatsanwalt Straffreiheit zugesichert worden, wenn sie gegen Serebrennikov aussage. Davon mache sie Gebrauch.
Das Stuttgarter Opernpublikum kennt Serebrennikov gut. Er hat hier im November 2015 eine „Salome“ von Richard Strauss inszeniert, die für viel Gesprächsstoff sorgte. Der Russe gehört zu jenen Regisseuren, die ein unglaubliches Gespür dafür haben, scheinbar sattsam bekannte Stoffe in einem völlig neuen Licht erscheinen zu lassen. Er spürt ihre Aktualität auf und führt sie vor Augen, ohne der Vorlage Gewalt anzutun. Dieses Wunder war auch in Stuttgart zu erleben: Der Regisseur verlegte die Geschichte an einen westlichem Luxus frönenden Hof. Salome war die gelangweilte verzogene Tochter des Hauses, auf den Bildschirmen des Sicherheitsdienstes sah man vor den Toren tobende Massen, der Prophet Jochanaan war ein islamischer Fundamentalist.