Der russische Regisseur Kirill Serebrennikov im Sommer 2015 in Stuttgart Foto: Dominique Brewing

Die russische Justiz ermittelt gegen den Moskauer Regisseur Kirill Serebrennikov. Sein Reisepass wurde beschlagnahmt. Das setzt auch seine nächste Inszenierung im Ausland aufs Spiel – eine Premiere an der Stuttgarter Staatsoper im Oktober: „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck.

Stuttgart - Was unterscheidet die Sängerin Anna Netrebko vom Theaterregisseur Kirill Serebrennikov? Die Russin Netrebko kann als glühende Verehrerin ihres Präsidenten Wladimir Putin ungestört der internationalen Karriere nachgehen. Der Russe Serebrennikov dagegen muss als Putin-Kritiker und Teil der Bürgeropposition um seine weitere Existenz fürchten. Ein Teil dieser Existenz soll sich eigentlich demnächst auch in Stuttgart erweisen: Als erste Premiere der neuen Staatsopern-Saison steht Serebrennikovs Sicht auf Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ auf dem Plan. Ob es dazu kommt? Das ist sehr ungewiss.

Der 47-jährige Kirill Semjonowitsch Serebrennikov ist ein international angesehener Autor, Schauspiel-, Opern-, Tanz- und Filmregisseur. Seine Filme wurden in Cannes und Locarno gezeigt und prämiert, seine Inszenierungen waren bei den Wiener Festwochen und beim Festival in Avignon zu sehen. Seit 2012 ist Serebrennikov Leiter des Gogol Centers in Moskau – das Zentrum der aktuellen kritischen Künste in der russischen Hauptstadt. Hier gibt es Ausstellungen, Performances, Theaterabende, Konzerte, Diskussionen. Das Haus wird öffentlich finanziert. Einzelne Projekte, die keine Chance haben auf offizielle Gelder, ermöglicht Serebrennikov über eine gemeinnützige Gesellschaft namens „7. Studio“, deren Vorsitz er hat.

Im vergangenen Mai durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft das Gogol Center und die Räume vom „7. Studio“. Der Verdacht lautet, die Gesellschaft habe hier staatliche Zuschüsse von über 2,84 Millionen Euro unsachgemäß verwendet, also Untreue verübt. Offiziell richteten sich die Untersuchungen zunächst gegen die Verwaltung der Stiftung, Serebrennikov galt zunächst als Zeuge. Andererseits wurde von den Behörden sein Reisepass eingezogen. Dieser müsse von Experten untersucht werden, womöglich sei er in der Requisite des Gogol Centers gefälscht worden. Inzwischen sind die Beschuldigungen insgesamt auf Serebrennikov selbst ausgeweitet worden; die frühere Buchhalterin von „7. Studio“ beschuldigt ihn, die Veruntreuungen in Auftrag gegeben zu haben.

In Stuttgart zeigte Serebrennikov die „Salome“ ganz neu

Das alles können natürlich ganz gewöhnliche, ordentliche behördliche Ermittlungen sein, deren Ausgang man in Ruhe abwarten muss im Vertrauen auf den russischen Rechtsstaat; ungefähr so würde auf Anfrage wohl Frau Netrebko reagieren Es kann aber eben auch alles ganz anders sein. Hinter den Aktionen von Polizei und Staatsanwalt, vor allem hinter dem Einzug der Reisepapiere kann auch der Versuch stehen, den Putin-kritischen Künstler Serebrennikov zumindest einzuschüchtern, wenn nicht gar von der internationalen Bühne zu holen. Für diese Annahme spricht leider vieles – der „Tagesspiegel“ berichtet, der Ex-Buchhalterin sei vom Staatsanwalt Straffreiheit zugesichert worden, wenn sie gegen Serebrennikov aussage. Davon mache sie Gebrauch.

Das Stuttgarter Opernpublikum kennt Serebrennikov gut. Er hat hier im November 2015 eine „Salome“ von Richard Strauss inszeniert, die für viel Gesprächsstoff sorgte. Der Russe gehört zu jenen Regisseuren, die ein unglaubliches Gespür dafür haben, scheinbar sattsam bekannte Stoffe in einem völlig neuen Licht erscheinen zu lassen. Er spürt ihre Aktualität auf und führt sie vor Augen, ohne der Vorlage Gewalt anzutun. Dieses Wunder war auch in Stuttgart zu erleben: Der Regisseur verlegte die Geschichte an einen westlichem Luxus frönenden Hof. Salome war die gelangweilte verzogene Tochter des Hauses, auf den Bildschirmen des Sicherheitsdienstes sah man vor den Toren tobende Massen, der Prophet Jochanaan war ein islamischer Fundamentalist.

Mit seiner Kritik an Homophobie trifft der Regisseur in Russland einen besonders wunden Punkt

Serebrennikov machte dem Opernpublikum den scheinbar wohl bekannten Stoff völlig fremd – und ließ ihn so in ganzer Kraft und Dringlichkeit neu brennen. Ähnliches darf man von seinem nächsten Auftrag am hiesigen Opernhaus erwarten: Engelbert Humperdincks Märchen-Weihnachtsoper „Hänsel und Gretel“ soll am 22. Oktober Premiere feiern. Das Haus des Intendanten Jossi Wieler erwartet seinen Gastregisseur am 18. September zum Probenbeginn. Doch es sieht schlecht aus. Denn wie soll er ohne Pass kommen?

Serebrenikov ist seit Jahr und Tag Teil der bürgerlichen Opposition gegen die Putin-Autokratie in Moskau. Er hat regelmäßig an Demonstrationen teilgenommen, auch an verbotenen. Das allein macht ihn noch nicht zum Ziel politischer Justiz. Entscheidender ist, dass er sich auch in vielen Arbeiten kritisch mit der Entwicklung der russischen Gesellschaft auseinander setzt. Eines seiner Hauptthemen ist dabei die Verfilzung von Politik und Kirche, der Schulterschluss des russischen Präsidenten mit dem orthodoxen Patriarchen gegen eine liberale, offene, kritische und selbstkritische multikulturelle Gesellschaft nach westlichem Vorbild. Ein Thema, bei dem Politik und Kirche dieses Bündnis besonders offensiv zeigen, ist der Kampf gegen Homosexualität. Auch deswegen greift Serebrennikov in seinen russischen Arbeiten just dieses Thema auf.

Homosexualität selbst kann Russland nicht wieder unter Strafe stellen, ohne gegen die Konvention der Europäischen Menschenrechte zu verstoßen. Ein Umweg bietet sich mit dem gesetzlichen „Verbot homosexueller Propaganda in der Öffentlichkeit“, das im Grunde jede inhaltliche Thematisierung in Medien, Kultur und Öffentlichkeit unter Strafe stellt, es sei denn, sie drückt ihre Abscheu gegenüber Homosexuellen aus. Exakt hier ist der Punkt, der Serebrennikovs jüngste Inszenierung zum Kippen brachte, ein Handlungsballett am Bolschoi-Theater über den legendären Tänzer Rudolf Nurejew, das auch dessen homosexuelle Seite thematisierte

Manches erinnert an die Repressionen gegen den chinesischen Künstler Ai Wei Wei

Das Bedrohliche an derlei Aktionen ist, dass sich die Behörden hier der Zustimmung großer Teile der Bevölkerung sicher sein können. Die russische Gesellschaft ist mehrheitlich weiterhin zutiefst homophob. So betrachtet ist es ebenso klug, einen Künstler wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder zu belangen – die grassierende Korruption wird auch gerade von Putin-Kritikern immer wieder beklagt. Diese Strategie der Isolierung kritischer Geister von ihrem Publikum macht offenbar Schule; unter dem Vorwurf des Steuerbetrugs hatten ja auch die chinesischen Behörden den Künstler Ai Wei Wei inhaftiert.

Ob Stuttgart seinen neuen „Hänsel und Gretel“-Abend bekommt, ist bei alledem noch das geringere Problem. Aber just an dieser Stelle wird sich nun entscheiden, ob Serebrennikov als Künstler noch Freiheit genießt. Es ist sicher kein Zufall, dass die EU-Kommission dem Regisseur gerade ihren diesjährigen Europäischen Theaterpreis zuerkannt hat; verliehen werden soll er im November. Und auch innerhalb Russlands ist die kritische Öffentlichkeit noch nicht ganz verstummt und durchaus mutiger als so manche Star-Sopranistin: Jewgeni Mironow ist nicht nur einer der berühmtesten und mit Staatspreisen überhäufter Schauspieler des Landes, ein Volksidol. Er gehört auch zum „Präsidialen Rat für Kunst und Kultur“ Wladimir Putins. Mironow hat jetzt in einem offenen Brief an Putin Unterstützung für Kirill Serennikov bekundet.

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