Myriaden von Schlüsseln, Blutbahnen menschlicher Erinnerung, universelle Sinnlichkeit: „Keys In Your Hand“ von Chiharu Shiota im japanischen Pavillon in Venedig Foto: Biennale

Klimawandel, Flüchtlinge, Kapitalismus: Politisch aufgeladen wie lange nicht präsentiert sich die Kunst bei der Biennale in Venedig. Und sie spiegelt Mentalitäten, die Entsprechungen bei der Expo in Mailand haben.

Venedig - „Sui vaporetti“ steht auf dem Kommunalwahlplakat – „Ihre Boote“. Die öffentlichen Wasserverkehrsmittel sind heillos überfüllt, Venezianer wieder Vorrang bekommen. Die Lagunenstadt erstickt an Touristen, Chinesen und Amerikaner drängen sich auf dem Markusplatz und vor der Seufzerbrücke, tragen Smartphones an Selfie-Sticks vor sich her, machen visuelle Beute: „Ich vor Kulisse“.

Manche Orte verfehlt die Masse zielsicher, etwa die Kunstbiennale in den kühlen Giardini, wo Künstler der Welt auf die Gegenwart blicken. Zumeist kritisch wie Kurator Okwui Enwezor, Nigerianer mit US-Pass, der 2002 schon die Documenta in Kassel gestaltet hat. Nun lässt er im Zentralpavillon junge Damen aus dem „Kapital“ von Karl Marx lesen. Niemand hört zu, doch das Bild genügt, um die Finanzkrise wieder heraufzubeschwören, enteignete Steuergelder und Sparzinsen.

Garben aus Macheten

„All The World’s Futures“ lautet das Biennale-Motto, doch Zukunft existiert hier oft nur als bedrohliche Ahnung in durchökonomisiertem Dasein, schwindenden ­Lebensgrund- lagen. Samson Kambalu aus Malawi zeigt einen horizontal schwebenden Fallenden, der sich an einem Geldautomaten festkrallt, Andreas Gursky die Leere in ­Industrie- und Börsenmotiven der 1990er. Was bleibt vom Kapitalismus? Auf dieser Biennale: Wüste.

Am zweiten Ausstellungsort, dem Lagerhausschlauch Arsenale, hat der Algerier Adel Abdessemed Garben von Macheten aufgestellt: Die Gewalt blüht. Goncalo ­Mabunda aus Mosambik hat ihr aus Schusswaffen und Patronenhülsen einen Thron geschweißt. Und Massinima Selmani, wiederum aus Algerien, erfasst in subtiler Feinzeichnung Fluchtreflexe: Ein roter Teppich, halb eingerollt, Migranten drängen in einen Bus – keine Heimat, nirgends.

Im Zentralpavillon hängt Robert Smithsons „Floating Island“, eine Zeichnung von 1970, auf der ein Lastkahn ein Floß mit einem Stück Natur um Manhattan zieht. Heute wirkt das Bild, als hätte er vorhergesehen, dass unberührte, intakte Natur zum raren Gut werden könnte. Venedig selbst ist vom Klimawandel betroffen, droht zu versinken – ein flexibler stählerner Wall soll nun konstruiert werden, um bei Hochwasser die Lagune temporär vom Meer abzuschneiden.

Blutbahnen der Erinnerung

Mitunter ist Kunst auch heute einfach sinnlich, umwerfend, aufwühlend: „Keys In Your Hand“ von Chiharu Shiota erfüllt den gesamten japanischen Pavillon. Kreuz und quer durchzieht roter Faden das obere Drittel des Raumes, daran unzählige Schlüssel, Symbole für Räume, die Menschen einst besetzt hielten – eine Blutbahn der Erinnerungen, die sich in Holzboote ergießt, den Bug gen Himmel gereckt, Spielbälle der Wellen des Daseins.

Europäer sollten der Versuchung widerstehen, das universelle Bild auf die aktuelle Flüchtlingsproblematik zu verengen; die ist im Deutschen Pavillon zu Hause. Tobias ­Zielony hat in Berlin und Hamburg afrikanische Flüchtlinge fotografiert und befragt, ihre ­Geschichten an afrikanische Medien zurückgespielt und eine Diskussion in Gang ­gebracht zu Selbst- und Fremdwahrnehmung – auch Journalismus kann Kunst sein.

Darunter, am Ende einer steilen Kellertreppe, setzt Hito Steyerl dem einen filmisch-virtuellen Ansatz entgegen: In einer Art ­Matrix animieren Tänzer in Motion-Capture­Anzügen, die jede Körperregung an einen Computer übertragen, Avatare – und bald ist man in einem hochassoziativ verdichteten Bildgeflecht bei deutschen Banker-Karikaturen („Wir sind ein rechtsfreies Unternehmen“), in einem Ego-Shooter-Spiel auf der Jagd nach Software, auf dem Berliner Teufelsberg, von wo die Amerikaner einst ins sowjetische „Reich des Bösen“ hineinhorchten, bei NSA und Drohnenkrieg.

Pixelstaub wandert über die Leinwand: Was ist wirklich, was manipuliert? Steyerl setzt viel voraus, sie fordert, verstört. Wie ein Geschenk erscheint am Pavillon-Ausgang das kleine Café unter Bäumen mit Blick auf die Lagune. Durchatmen. Und später Carsten Höllers realem Kirmes-Karussell zuschauen, das in Super-Zeitlupe fährt: Entschleunigung statt Event – das könnte eine Zukunft sein.

Pavillon-Parallelen

Exkurs: Japan sinnlich, Deutschland kopflastig – so erscheinen auch die Pavillons der Expo in Mailand. Der deutsche „Garten der Ideen“, gestaltet von Milla & Partner (Stuttgart), bietet so viele qualifizierte Erklärungen zu Ernährung, Klima, Erde, Nachhaltigkeit, dass man damit problemlos das Naturkundemuseum am Löwentor bespielen könnte; Expo-Besucher aber verweilen nur kurz, sehen kaum mehr als einen Bruchteil. „Be active“ heißt es hier, „Seid aktiv!“, übernehmt Verantwortung! Dass Deutsche auch genießen können, vermittelt die musikalische Abschluss-Show mit schwebenden Bienenaugen, deutsche Ingenieurskunst mit ausgeklügelter Seilzugtechnik.

Die Japaner überwältigen das Publikum ganz und gar mit immersiven Illusionen, Kirschblütenzauber, Lichtspiele und Spiegel, ein technisiertes Zauberrestaurant der Zukunft. „Harmonious Diversity“ lautet hier das Motto, „Harmonische Vielfalt“, als gäbe es keinen Klimawandel, kein Fukushima, keine japanische Walfangflotte.

Eigenartige Selbstvermarktung pflegt die Schweiz: Hinter dem Expo-Pavillon steht ein zweiter des Nahrungskonzerns Nestlé, der zum Beispiel durch globale Wasservermarktung Negativschlagzeilen macht, neben dem Biennale-Pavillon ein zweiter der Uhrenmarke Swatch, die schrille Zeitmessung bewirbt.

Unscharfe Etiketten

Im russischen Pavillon in Venedig begrüßt ein überdimensionaler Kampfjet-Pilot mit Atemrüssel die Besucher – ohne konkrekte Anknüpfung an die Gegenwart, etwa die ostukrainische. Irritierend wirkt ein raumgreifend aufgemaltes Psychedelikum der Moskauer Konzeptkünstlerin Irina Nakhova aus den Farbtönen Rot wie Revolution und Grün wie Perestroika, dessen Komplementärkontrast die Augen blendet. Mit dem Ende der Sowjetunion endet auch ihr Kommentar; mehr ist von Putins Russland derzeit wohl nicht zu erwarten.

Ein leicht verrotteter Laden, unscharfe Etiketten auf den Produkten – „Canadassimo“ steht am kanadischen Pavillon, in dem das Künstler-Kollektiv BGL (Jasmin Bilodeau, Sébastien Giguère, Nicolas Laver­dière) ausgelassen anarchisch auch ein knallbuntes, mit Farbdosen und Tand vollgestopftes Atelier eingebaut hat. Und eine Münzbahn, über die Besucher zu einem Zufallskunstwerk hinter Plexiglas beitragen.

Provokativen Humor pflegt die Britin Sarah Lucas, die Zigaretten in die Körperöffnungen modellierter Frauen-Unterleiber steckt. Die Sexualisierung des Blicks wolle sie entlarven, lässt sie ausrichten, und: „Wem das nicht gefällt, der kann die Zigaretten ja herausnehmen“ – was natürlich niemand tut. Gleich zur Begrüßung reckt sich ein riesiger gelber Phallus, „Maradona“ nennt ihn Lucas, eine Punkrockerin, die Kunstbeflissenen die Zunge zeigt.

Eine Kalaschnikow aus Brot, eine Steinschleuder als Symbol für den Nahen Osten, Tiere aus Treibholz, berührend schön in ihrer Deformation: Ein Panoptikum der Ideen hat Fiona Hall im australischen Pavillon gestaltet. Strickköpfe aus Militärhosen werden da zu Schrumpfköpfen des Krieges, geschredderte Dollar-Noten zu Vogelnestern. Geld mag nicht essbar sein, zu etwas gut ist es dennoch nach der Apokalypse.

Wasserfall? Plastikfolie!

Mitten am Canal Grande hat Venedig der Biennale den prächtigen Palazzo Garzoni Moro aufgeschlossen, den sonst nicht einmal Einheimische betreten dürfen. „Aserbaidschan“ steht am Eingang und das Motto „Vita Vitale“. Im Fokus: die Bewahrung der Schöpfung. Beinahe hellsichtig wirkt heute Andy Warhols grelle Reihe „Endangered Species“-Reihe von 1983 – Orang-Utan, Panda und Elefant hatte er schon damals auf der Liste. Bedrohlich schwärmen unzählige Vögel auf den Betrachter von „Silent Spring“ (lautloser Frühling) zu, einem Kommentar des US-Amerikaners Chris Jordan zur Jagd auf Singvögel. Der Niederländer Jacco Olivier wiederum zeigt in einem filmisch fließend animierten Gemälde einen Eisbären auf vergeblicher Nahrungssuche – „Turning Point“ (2004) heißt das Werk.

Die „Cascade“ (Wasserfall) der Französin Noémie Goudal von 2009 ist in den Wald drapierte Plastikfolie, ihr „Iceberg“ von 2012 ein Styroporblock. Da trifft sie sich mit der Deutschen Katharina Grosse, die im Arsenale einen ganzen Raum gestaltet hat: „Untitled Trumpet“ sieht nur von weitem aus wie eine anziehende exotische Landschaft, aus der Nähe ist es reine Kulisse aus bunt besprühten Tüchern und Beton.

Ein starker Kontrast zur Gegenwartskritik: Ein Raum im ersten Stock des Palazzo Garzoni mit einzigartigem Kanalblick ist einem einzigen historischen Gemälde gewidmet, auf dem der Venezianer Canaletto (1697–1768) vor knapp 300 Jahren ebendiesen Blick mit künstlerischer Freiheit verewigt hat. Brauntöne, Gondeln, himmlisches Wolkenspiel, keine Motoren und Abgase, alles rein – auch das Gewissen. Allein dieser Raum ist den Besuch wert.

Nachmittags, wenn die Kreuzfahrer von Venedig ablassen und zur Vollpension in ihre schwimmenden Komfortzonen drängen, wird es ruhiger im Herzen der Stadt. Einheimische in legerer Sommermode sitzen in Bars, aus dem Teatro La Fenice strömen später am Abend Menschen in Abendgarderobe. Es gibt ein Leben jenseits der Selfie-Sticks.

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