Thomas Putze benutzte auch eine Hantel als Pinsel Foto: Cedric Rehman

Der Künstler Thomas Putze ging an körperliche Grenzen, um Porträts von Menschen aus Selbsthilfegruppen zu machen. Die Ausstellung „Kraftakt“ ist von kommender Woche an im Rathaus zu sehen.

S-Mitte - Gewichtscheiben sind an der Hantelstange montiert. Der Bildhauer und Performance-Künstler Thomas Putze hält sie mit beiden Armen fest. An einer Seite der Stange ist ein Pinsel befestigt. Putze macht mit der Kraft seiner Arme nun aber keine Beugung wie beim Bizepstraining. Er bewegt die Stange nur ein wenig in die eine Richtung, dann in die andere. So zieht der Pinsel Striche auf der Holzfläche vor ihm.

Putze arbeitet gerade nicht an einem neuen Kunstwerk. Er führt nur vor, wie es ist, mit einem mit Gewichtscheiben beschwerten Pinsel zu zeichnen. Es sieht nicht vergnügungssteuerpflichtig aus.

Putze hat die Holzfläche an eine selbst gebaute Kuppel aus Metallschrott in der Container City an den Wagenhallen angelehnt. Er nennt die zu einem Zelt ineinandergefügten Metallteile seinen „Mad-Max-Dom“. Sie erinnern ihn an die aus Hinterlassenschaften der Zivilisation zusammengezimmerte Kulisse der postapokalyptischen Filmtrilogie aus den 80er Jahren.

Künstler arbeitet mit Gewichten

Zehn Mitglieder aus verschiedenen Stuttgarter Selbsthilfegruppen nahmen bei dem Projekt der Kontaktstelle Kiss unter dem Dach aus Holz-, Plastik- und Metallteilen im Herbst vergangenen Jahres Platz. Putze arbeitete sich ihnen gegenüber mit der Kettensäge ab, kratzte und brannte mit dem Winkelschleifer oder dem Schweißbrenner Gesichtszüge in Holzplatten oder zeichnete sie mit dem mit Gewichten beschwerten Pinsel. Das Ziel der Torturen waren Porträts seiner Modelle – unter möglichst schweren Arbeitsbedingungen für den Künstler.

Die so entstandene Kunst lässt sich als Spiegelbild verstehen. Das schweißtreibende Erleben des Künstlers beim Schaffensprozess reflektiert die von Krankheiten oder Schicksalsschlägen gezeichneten Biografien der Dargestellten. „Es war so hart, dass ich gar nicht länger als zehn Minuten an einem Werk hätte arbeiten können. Es war immer bis kurz vor der Ermüdung“, sagt Putze.

Jeder trägt eine Maske

Das Austesten der eigenen Grenzen nahm bisweilen einen direkten Bezug auf die Beschränkungen, mit denen die Porträtierten konfrontiert sind. Putze entschied sich zum Beispiel einmal, ein Porträt blind zu malen – die Dargestellte leidet an einer Erkrankung, die ihr das Augenlicht nehmen wird. Ein anderer Mann aus einer Selbsthilfegruppe mit athletischem Körperbau verleitete Putze dazu, eine Statue mit seinen Zügen in einem Wurf aus einem Holzstamm zu sägen. „Ich habe dabei aus Versehen das Gesicht abgetrennt. Wir sind dann aber übereingekommen, es wieder mit einem Scharnier zu befestigen als Zeichen für die Maske, die wir zum Schutz unserer Gefühle tragen“, sagt Putze.

Die Porträts hätten seine eigene Sicht auf den Umgang mit Schicksalsschlägen geändert, sagt der Künstler. „Es wird erwartet, dass jeder bei einer Krise die Zähne zusammenbeißt. Ich glaube, die Menschen, die gemeinsam an ihren Problemen arbeiten, schonen einfach ihr Gebiss“, sagt der Bildhauer. Das Eingeständnis, etwas alleine nicht mehr zu schaffen, erscheint dem Künstler wohl als noch größerer Kraftakt als das Zeichnen mit einer Hantelstange.

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