Dagmar Buntins steht neben dem Foto ihrer Großmutter. Foto: factum/Simon Granville

Dagmar Buntins zeigt in der Galerie 4/1 im Stadtteil Korntal von Korntal-Münchingen, wie ihre Familie in den Krieg verstrickt war. Für die sehr persönliche Ausstellung der 68-Jährigen gab es einen ganz speziellen Auslöser.

Korntal-Münchingen - Eine Schwarz-Weiß-Fotografie der Großmutter bringt alles ins Rollen. Das Bild von vor 1954 zeigt eine Frau, die darauf wartet, dass ihr Mann aus der seit 1945 dauernden Kriegsgefangenschaft der Sowjets in Sibirien heimkehrt. Ohne ihn will sie nicht nach Westdeutschland ausreisen, wo ihre drei Kinder schon sind. Die Frau selbst lebt noch in Klaipeda. Die Stadt war zwischen den beiden Weltkriegen Zentrum des Memellandes. Der in jener Zeit von Deutschland abgetrennte Teil Ostpreußens war unter litauischer Hoheit, bevor er 1939 an Deutschland ging. 1945 eroberte die Rote Armee das Memelland, es wurde Teil der Litauischen Sowjetrepublik. Viele Memelländer wurden nach Sibirien gebracht.

Ein Bild bedrückte Künstlerin schon als Kind

Jenes Bild ist Dagmar Buntins Ausgangspunkt für ihre Reise in die Vergangenheit und die Aufarbeitung der Familiengeschichte väterlicherseits. Und es ist Teil ihrer sehr persönlichen Ausstellung „Wo das Haff um den Strand lag“. Die Schau ist von Sonntag an in Korntal zu sehen. „Das Bild hat mich schon als Kind bedrückt. Meine Oma trägt einfache Kleidung, die Tasche ist abgewetzt. Aber sie hat sich sorgfältig angezogen, Haar wie Tasche mit Blumen geschmückt“, sagt die Künstlerin aus Schwieberdingen, die jahrzehntelang an beruflichen Schulen in Stuttgart Geschichte unterrichtete. Als sie 2004 das Bild in einem Fotoalbum entdeckt, beschließt sie, „etwas daraus zu machen“. Also sammelt sie Familienfotos, recherchiert, begibt sich in Litauen auf die Spuren der Großeltern. Für die Schau vergrößert die 68-Jährige zahlreiche Familienfotos und bettet diese in Collagen ein. Seitdem ist Dagmar Buntins intensiv als Künstlerin tätig.

Dabei thematisiert sie auch die Verstrickung ihrer Familie in die Verbrechen des Nationalsozialismus. Ausschließlich das Schicksal und Leid zu würdigen, wäre zu wenig, meint Dagmar Buntins. „Ich hätte nicht gedacht, dass sich solche Abgründe auftun und wie schnell man Teil eines Unrechtssystem wird. Das erschreckt und erschüttert mich.“ Zugleich sei das, was sie und ihre Familie erlebt hätten, exemplarisch und symptomatisch für viele Familien. Im Zentrum der Ausstellung steht deshalb auch die Frage, was ein Krieg mit den Menschen mache.

Erwachsene waren traumatisiert

Als Nachkriegskind beschäftigt sich Buntins schon immer mit der Geschichte ihrer Familie. Zumal „ich traumatisierte Erwachsene um mich herum hatte“, sagt die Künstlerin: Die Männer tranken übermäßig Alkohol, die Frauen weinten oft. Verwandte erzählten ihr zwar von der Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion – doch ansonsten stieß sie auf eine Mauer des Schweigens. Da ist zum Beispiel der Vater, ein Offizier, der nie über den Kriegseinsatz in der Sowjetunion berichtete. Der Großvater, der auf seinem Bauernhof Zwangsarbeiter beschäftigte und es begrüßte, als das Memelland wieder an das Deutsche Reich angegliedert wurde. Oder ein Verwandter, der in einem der größten Kriegsgefangenenlager des Deutschen Reiches – Stalag 1 B – eine leitende Funktion hatte. „Das habe ich erst Anfang dieses Jahres erfahren“, sagt Dagmar Buntins.

Fassungslosigkeit darüber, wozu Menschen fähig sind

Weil sie über so viele Hintergründe so wenig weiß, bleiben der 68-Jährigen auch in ihrer Schau – die erste Einzelausstellung – bisweilen nur Empfindungen, Interpretationen, Vermutungen, Vorstellungen. Etwa darüber, wie die Zwangsarbeiter auf dem Hof der Großeltern ausgesehen haben. Ein Urteil könne sie sich nicht erlauben, sagt Buntins. „Meine Ausstellung ist ein Versuch, das Unglück in der Familie nachzuempfinden und zu verstehen.“ Sicher weiß sie aber eines: „Der Krieg zerstört alle Beteiligten – über Generationen. Es macht fassungslos, wozu Menschen fähig sind.“

Termin „Wo das Haff um den Strand lag“ wird am Sonntag, 31. März, um 11.30 Uhr in der Galerie 4/1 in Korntal eröffnet. Danach ist die Schau bis zum 21. April immer samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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