Zu wenig Werbung, zu wenige Besucher: Blick in die Kunstmesse Art Stuttgart Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Es war der Versuch, Stuttgart zu einer großen Kunstmesse zu verhelfen. Trotzdem ist die Art Stuttgart gescheitert. Und bei der Suche nach Schuldigen, scheint niemand den Kopf frei zu haben für Kunst.

Stuttgart - Jochen Schimmelpenninck tobt. Der Berliner ist einer der rund 40 Galeristen, die zur neuen Kunstmesse Art Stuttgart gereist sind – aus Überzeugung, dass Stuttgart ein gutes Pflaster für Kunst ist. Nun steht er in der Schleyerhalle und schimpft. Ewald Karl Schrade, der Chef der Art Karlsruhe, habe Galeristen unter Druck gesetzt, der neuen Kunstmesse fernzubleiben, sodass nun viele interessante Galerien fehlten. „Das ist Nötigung“, sagt Schimmelpenninck, „ich stelle Strafantrag.“ Und Schadensersatz will er auch noch einklagen.

Denn der Schaden, den diese erste Art Stuttgart angerichtet hat, ist erheblich. Im vergangenen Jahr kündigte Wolfgang Wunderlich, der früher im Marketing tätig gewesen sein soll und im Kunstbetrieb weitgehend unbekannt ist, für Anfang Mai die erste Art Stuttgart an. Sie sollte auf der Stuttgarter Messe stattfinden mit internationaler Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts und Galerien aus aller Welt. Am Donnerstag ist die Art Stuttgart nun eröffnet worden, allerdings in der Schleyerhalle. Sah man von den hässlichen Tribünen ringsum ab, präsentierte sich die Messe aufgeräumt. Bis auf einige Ausreißer war das künstlerische Niveau passabel, einige regionale Künstler wie der Maler Thomas Heger oder Josef Bücheler waren vertreten. Die Preise zwischen 1000 und 5000 Euro - in dieser Kategorie hat man bei der Art Karlsruhe auch einmal begonnen.

Trotzdem ist der Frust groß. „Wir haben nichts verkauft“, heißt es bei der Galerie Tableau aus Seoul. Die Koreaner hatten erwartet, dass das Interesse an einer neuen Messe groß sei. Sie sind viel unterwegs, in Karlsruhe, Basel und Hongkong, Stuttgart aber wird für sie als Enttäuschung in Erinnerung bleiben: zu wenig Besucher, sagen sie, zu wenig Werbung, schlechte Resonanz.

Die Konkurrenz aus Karlsruhe soll schuld sein

Rosemarie Bassi will sich beim SWR über seine kritische Berichterstattung beschweren. Sie könnten doch nichts für das Debakel, sagt die Galeristin aus Remagen, man solle lieber über die Kunst reden. Bei der Suche nach Schuldigen aber scheint niemand auf dieser ersten Stuttgarter Kunstmessen den Kopf frei zu haben für Kunst, nicht einmal die wenigen Besucherinnen und Besucher, die umbuhlt werden wie auf dem arabischen Basar. Zwei Damen, die von der Stuttgarter Galerie Keim eingeladen wurden, wundern sich, dass nicht einmal der Eingang zur Messe ausgeschildert wurde. Auch ihnen wurde bereits erzählt, wer daran schuld haben soll: die Konkurrenz aus Karlsruhe.

Ewald Karl Schrade, der künstlerische Kopf der Art Karlsruhe, bestätigt tatsächlich, Galeristen „zurückgepfiffen“ zu haben, wie es in Stuttgart heißt. Aber nicht Galeristen, die einfach nur in Stuttgart ausstellen wollten. Gestört habe ihn allein, dass Galeristen ins Kuratorium der Art Stuttgart berufen wurden. „Ich wollte nicht, dass jemand mit internem Karlsruher Wissen als Kurator tätig wird“, sagt Schrade. Das seien zwei Kollegen gewesen, mehr nicht. „Ich habe sicher Einfluss, aber das ist schon eine Überschätzung meiner Person.“

Walter Bischoff hat eine weitere Theorie, warum es nicht läuft: Die Stuttgarter Galeristen seien schuld, weil sie die Messe boykottiert und schlechtgeredet hätten. „Wir verstehen nicht, warum die Stadt da nicht mehr macht“, sagt wiederum der Hamburger Galerist Daniel Goodwin. Es müsse doch im Interesse des Oberbürgermeisters sein, dass sich die Kunstmesse etabliert. Immerhin hat er etwas verkauft, so komme man mit einem blauen Auge davon – im Gegensatz zur Selvin Galerie aus Istanbul. Zu fünft ist das Team angereist mit Arbeiten erfolgreicher türkischer Künstler wie Nejdet Vergili. „Aber hier interessiert sich niemand dafür.“ Nicht einmal ihre Stuttgarter Freunde hätten von der Kunstmesse etwas gewusst.

„Es sind alle Fehler gemacht worden, die man machen kann.“

Ein Blick auf die Homepage der Art Stuttgart genügt, um festzustellen, dass es vielleicht nicht an gutem Willen, sehr wohl aber an Professionalität gemangelt hat. „Es sind alle Fehler gemacht worden, die man machen kann“, muss denn auch Jochen Schimmelpenninck einräumen. Trotzdem will er im nächsten Jahr wiederkommen. Und bevor ihm jemand das Scheitern der Messe anlasten könnte, hat der Initiator Wolfgang Wunderlich endgültig den Schuldigen ausgemacht: Stuttgart. Viele hätten bereits vergeblich versucht, in Stuttgart eine Messe zu etablieren, „soweit wie wir ist bisher niemand gekommen“, sagt er trotzig und sieht sich als Opfer im Haifischbecken. „Da brauchst du schon einen breiten Rücken.“

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